Für das Rocky Mountain Altitude Powerplay C70 ist Zurückhaltung ein Fremdwort: Sein neuer Dyname 4.0-Motor ist mit 108 Nm der stärkste Antrieb in unserem E-Mountainbike-Vergleichstest. Kann es sich damit den Titel „Bestes E-Mountainbike 2022“ sichern oder ist es doch zu ungestüm?

Einen Überblick über diesen Vergleichstest erhaltet ihr hier: Das beste E-Mountainbike 2022 – 13 Modelle im Test

Rocky Mountain Altitude Powerplay C70 | Dyname 4.0/720 Wh | 170/160 mm (v/h)
24,5 kg in Größe L | 8.800 € | Hersteller-Website

Dem Rocky Mountain Altitude Powerplay C70 mangelt es weder an Motorpower noch an Charakter! Es rollt auf 29”-Reifen und hat vorne 170 mm Federweg, hinten 160 mm. Rocky Mountain kombiniert einen schicken Carbonrahmen mit einem Alu-Hinterbau, so wiegt das 8.800 € teure Altitude in Größe L 24,50 kg. Bei einem zulässigen Gesamtgewicht von 120 kg bleiben so nur noch 95 kg für Fahrer und Ausrüstung. Die meiste Aufmerksamkeit zieht der eigens von Rocky Mountain entwickelte Dyname 4.0-Motor auf sich: Mit 108 Nm ist er der stärkste Motor im Vergleichstest. Er sitzt über dem Tretlager und überträgt seine Kraft mit einer Umlenkrolle direkt auf die Kette. Dadurch wird ein Hinterbau mit hohem Drehpunkt möglich. Ins Oberrohr ist ein großes Schwarz-Weiß-Display integriert, über das sich der Motor fein abstimmen lässt; eine Verbindung zum Smartphone beherrscht das Altitude nicht. Der längliche 720-Wh-Akku ist vor dem Motor im schlanken Unterrohr untergebracht; man kann ihn nach unten aus dem Rahmen ziehen. Eine Steckachse fixiert den Akku am unteren Ende, trotzdem klappert er während der Fahrt hörbar.

Power ist nichts ohne Kontrolle – nur versierte Fahrer schaffen es, die 108 Nm Drehmoment sinnvoll auszunutzen.

Shreddy-Ready – Die performanceorientierte Ausstattung des Rocky Mountain Altitude Powerplay C70

Beim Altitude Powerplay hat Rocky Mountain besonderes Augenmerk auf leistungsfähige, robuste Komponenten gelegt. Die FOX 38 Performance-Federgabel und der X2 Performance-Dämpfer sorgen für ein sattes Fahrwerk, nur die eingeschränkten Einstelloptionen der GRIP-Kartusche in der Gabel halten ambitionierte Biker etwas zurück. Der MAXXIS ASSEGAI- und der Minion DHR II-Reifen werden in der robusten Doubledown-Karkasse und ab Werk mit CushCore-Reifeninserts ausgeliefert. Dadurch kann man sie mit enorm niedrigem Reifendruck fahren für maximalen Grip. Der WTB-Alu-Laufradsatz hat jedoch Schwierigkeiten, das vom Altitude angestrebte Tempo mitzugehen, und die Speichen müssen regelmäßig nachgezogen werden. Auch die 200-mm-Bremsscheiben der Shimano XT-Vierkolbenbremse sind für das hohe Tempo des Altitude unterdimensioniert.

Zahnräder, die ineinandergreifen
Die mittlere Umlenkrolle registriert sensibel jeden Pedalkontakt und gibt das Zeichen an den Dyname 4.0-Motor weiter, der über die obere Umlenkrolle die Kette antreibt. Um ungewolltes Anschieben zu vermeiden, lässt sich das Ansprechverhalten runterregeln.
Geometrieunterricht für Fortgeschrittene
Der Flip-Chip in der Dämpferaufnahme lässt sich in vier Positionen verstellen. Er verändert den Lenk- und Sitzwinkel um ca. 1° und modifiziert die Progression des Hinterbaus.
Extra-Schaumfüllung
Das geschulte Auge erkennt am Ventil, dass CushCore-Schaumeinlagen im Reifen verbaut sind. Sie sorgen für einen soliden Sitz der Reifen und einen starken Pannenschutz bei niedrigen Luftdrücken. Zusammen mit den stabilen MAXXIS Doubledown-Reifen trägt das zum hohen Grip-Level des Altitude bei.
„Was ist denn da an uns vorbeigerauscht?“
Die Anspielung an „wahnsinnige Geschwindigkeit“ aus dem Film Spaceballs hat ihren Grund: Der Dyname 4.0-Motor entwickelt genug Schub, um einen vom Sattel zu fegen, wenn man sich nicht am Lenker festhält.

Rocky Mountain Altitude Powerplay C70

8.800 €

Ausstattung

Motor Dyname 4.0 108 Nm
Akku Powerplay Akku 720 Wh
Display Jumbotron
Federgabel FOX 38 Performance 170 mm
Dämpfer FOX X2 Performance 160 mm
Sattelstütze Race Face Aeffect R 175 mm
Bremsen Shimano XT M8120 200/200 mm
Schaltung Shimano XT 1x12
Vorbau Rocky Mountain 35 AM 40 mm
Lenker Rocky Mountain AM 780 mm
Laufradsatz WTB ST i30 TCS 2.0 29"
Reifen MAXXIS ASSEGAI / Minion DHR II DD 2,5"/2,4"

Technische Daten

Größe S M L XL
Gewicht 24,5 kg
Zul. Gesamtgewicht 120 kg
Max. Gewicht Fahrer/Equipment 95 kg
Anhänger-Freigabe nein
Ständeraufnahme nein

Besonderheiten

CushCore-Reifeninserts
umfangreiche Geometrie-Optionen


Rahmenschutz und Akkucover
Hinter dem Unterfahrschutz verbirgt sich der 720-Wh-Akku. Um an ihn dranzukommen, muss man ihn zuerst abschrauben und danach noch eine Mini-Steckachse entfernen.
„Wir haben geöffnet!“
Das satte FOX-Fahrwerk hilft dem Altitude, sich am Boden festzusaugen. Nur die einfache GRIP-Dämpfung der FOX 38-Gabel bietet kaum mehr Einstellmöglichkeiten als ein doppelseitiges Ladentürschild. Eine GRIP2-Kartusche würde besser zur Fahrperformance des Altitude passen.
Heißes Eisen
Schwere Fahrer, die dem Altitude hohe Geschwindigkeiten entlocken können, sollten für mehr Standfestigkeit auf 220-mm-Scheiben aufrüsten.
Gespaltene Persönlichkeit
Die Länge der Kettenstrebe lässt sich über einen Flip-Chip um 10 mm ändern. Die kurze Einstellung für mehr Agilität steht dem Altitude gut, da es von sich aus sehr fahrstabil ist und keine zusätzliche Laufruhe aus einer verlängerten Kettenstrebe braucht. Wer vor allem auf steilen Kletterpassagen unterwegs ist, könnte aber von der langen Einstellung profitieren.

Die Geometrie des Rocky Mountain Altitude Powerplay C70 im Detail

Das Altitude kann man dank der Flip-Chips in Kettenstreben und Dämpferaufnahme vielfältig an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Uns hat die kurze Kettenstrebeneinstellung für mehr Agilität in Kombi mit dem flachen und progressiven Setting des RIDE-4-Flip-Chips am Dämpfer am meisten zugesagt. Der flache Sitzwinkel sorgt für eine bequeme Sitzposition, zusammen mit dem komfortablen Fahrwerk und dem kraftvollen Motor erfüllt das Altitude damit alle Voraussetzungen für entspannte Touren. Auf steilen Forststraßen lässt es jedes E-MTB und den Sessellift hinter sich! Der direkt ansprechende Dyname 4.0-Motor verlangt aber eine kontinuierlich hohe Trittfrequenz von über 80 U/min, um im optimalen Effizienzbereich zu unterstützen. Die Kette begleitet die Fahrt mit lautem Rasseln, was den Tourenspaß trübt. Den Akku kann man für lange Touren um einen Range-Extender mit 314 Wh erweitern.

Größe S M L XL
Oberrohr 587 mm 612 mm 639 mm 673 mm
Sattelrohr 380 mm 420 mm 445 mm 480 mm
Steuerrohr 100 mm 100 mm 110 mm 125 mm
Lenkwinkel 63,5° 63,5° 63,5° 63,5°
Sitzwinkel 75,5° 75,5° 75,5° 75,5°
Kettenstrebe 439 mm 439 mm 439 mm 439 mm
Tretlagerabsenkung 34 mm 34 mm 34 mm 34 mm
Radstand 1.210 mm 1.237 mm 1.264 mm 1.301 mm
Reach 425 mm 450 mm 475 mm 508 mm
Stack 629 mm 628 mm 638 mm 652 mm
Helm FOX Dropframe | Shirt Mons Royale | Schuhe Five Ten Hellcat Pro

Mehr als nur ein Shuttle? Das Rocky Mountain Altitude Powerplay C70 im Uphill

Auf steilen Rampen und einfachen Trails bergauf lässt das Altitude seine Muskeln spielen. Die Devise lautet: „Sattel runter und nach vorne lehnen!“ So hindert man das Vorderrad am Steigen und kann den starken Grip an beiden Reifen für sich nutzen. Der Motor hat praktisch keinen Nachlauf – vor Kurven reicht es, den Fuß vom „Gas“ zu nehmen, um in großen Radien durchzurollen. Im Kurvenausgang prescht das Rocky bei leichtem Pedalkontakt nach vorne und lässt sich spaßig im Drift oder auf dem Hinterrad hinausbeschleunigen. Auf technischen Kletterpassagen erfordert die Motorcharakteristik ein präzises Pedaltiming, damit man nicht mit der 170 mm langen Kurbel auf Wurzeln und Stufen aufsetzt. Bei langen Anstiegen muss man in einer störend hohen Kadenz pedalieren, um den Motor nicht zu überhitzen.

Der Motor vermittelt den Eindruck, man säße auf einem analogen Bike – nur mit fünf Mal so dicken Oberschenkeln.

Frühstart
Das Altitude beschleunigt aus dem Stand wie kein anderes E-Mountainbike und lässt sich spielerisch aufs Hinterrad ziehen. Das bringt mächtig Fahrspaß, solange es gewollt passiert.

Mit Vollgas ins Tal – Der Fahreindruck vom Rocky Mountain Altitude Powerplay C70 bergab

Bergab lässt sich das Altitude dank sattem Fahrwerk und enorm hoher Traktion von allen leicht beherrschen; beides sorgt für ein hohes Sicherheitsempfinden. So bleibt das E-MTB auf Wurzelteppichen und durch Steinfelder immer auf Spur. Auf Flowtrails versacken aber alle Bemühungen für spontane Sprungeinlagen und agile Spurwechsel im Fahrwerk. Da kommt nur wenig Fahrspaß auf. Das Altitude giert nach Highspeed-Passagen, wo es ähnlich wie das Norco Sight VLT C1 mit stabiler Laufruhe glänzt. Über Bremswellen und Spurrillen bügelt es hinweg und ermöglicht maximale Geschwindigkeiten im harten Gelände. Einzig das Yeti 160E kann da mithalten – man erreicht auf dem Rocky zwar genauso schnell das Tal, aber nicht mit dem gleichen Grinsen.

Tuning-Tipp: 220-mm-Bremsscheiben

Ovalkurs
Das Rocky Mountain Altitude Powerplay giert nach Topspeed – da ist es okay, wenn die Anliegerkurven ein bis zwei Nummern größer ausfallen.

Fahreigenschaften

7

Agilität

  1. träge
  2. verspielt

Laufruhe

  1. nervös
  2. laufruhig

Handling

  1. fordernd
  2. ausgewogen

Fahrspaß

  1. langweilig
  2. lebendig

Motor-Feeling

  1. digital
  2. natürlich

Motor-Power

  1. schwach
  2. stark

Preis-Leistung

  1. schlecht
  2. top

Einsatzbereich

Forstweg

1

Flowtrail bergauf

2

Flowtrail bergab

3

Technischer Singletrail bergauf

4

Technischer Singletrail bergab

5

Downhill-Strecken

6

Fazit

Klare Sache, das Rocky Mountain Altitude Powerplay C70 richtet sich an Downhill-Junkies, die mit hohem Tempo über harte Strecken jagen! Der ungestüme Motor dient vor allem als Liftersatz über Forststraßen. In technisch anspruchsvollem Uphill können nur versierte Fahrer den Motor bändigen. Mit diesem spitzen, klar umrissenen Einsatzgebiet kann sich das Altitude nicht gegen die vielseitigen Allrounder im E-Mountainbike-Vergleichstest behaupten.

Tops

  • starke Reifenkombi mit CushCore-Inserts
  • bergauf schneller als der Lift
  • auf harten Strecken zu Hause

Flops

  • Motor benötigt hohe Trittfrequenz
  • Laufräder zu schwach

Mehr Informationen findet ihr unter bikes.com

Das Testfeld

Einen Überblick über diesen Vergleichstest erhaltet ihr hier: Das beste E-Mountainbike 2022 – 13 Modelle im Test

Alle Bikes im Test: FOCUS JAM² 7.0 (Zum Test) | MERIDA eONE-SIXTY 10K (Zum Test) | Norco Sight VLT C1 (Zum Test) | Orbea Rise M-Team (Zum Test) | Rocky Mountain Altitude Powerplay C70 | ROTWILD R.E375 PRO (Zum Test) | SCOR 4060 Z ST XT (Zum Test) | SCOTT Ransom eRIDE 910 (Zum Test) | Specialized S-Works Turbo Levo (Zum Test) | Specialized S-Works Turbo Kenevo SL (Zum Test) | Trek Rail 9.9 XX1 AXS (Zum Test) | Yeti 160E T1 (Zum Test) | YT DECOY MX CORE 4 (Zum Test)


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Words: Rudolf Fischer Photos: Robin Schmitt

Über den Autor

Rudolf Fischer

In seinem früheren Leben war Rudolf in der Innovationsförderung tätig und hat Patentbewertungen im Millionen- und Milliardenbereich durchgeführt. Heute widmet er sich als Redakteur für DOWNTOWN und E-MOUNTAINBIKE nicht weniger spannenden Aufgaben. Als Data-Nerd beschäftigt er sich intensiv mit Zukunftsthemen wie Connected Mobility, testet aber natürlich auch gerne die neuesten Bikes, und zwar täglich. Entweder beim Pendeln oder zusammen mit dem Team bei unseren großen Vergleichstests. Der technisch orientierte Diplom-Betriebswirt ist so vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser. Beispiele gefällig? Rudolf beherrscht u. a. Front-, Side- und Backflip – zwar nicht auf dem Bike, aber per pedes in der Stadt. Seine Parkour-Karriere hat er mittlerweile jedoch an den Nagel gehängt. Darüber hinaus spricht er Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und etwas Esperanto. Beim Versuch, sich selbst Japanisch beizubringen, ist er jedoch kläglich gescheitert. Wichtig zu wissen: Im HQ ist Rudolf bekannt, gefürchtet und (manchmal auch) gehasst für seinen trockenen Humor im Ricky-Gervais-Stil. Natürlich lacht er am meisten selbst darüber …