Was ist aktuell der beste Motor für E-Mountainbikes? Ist Bosch noch die Benchmark oder kommt es auf ganz andere Faktoren an? Keine Frage: Der Motor ist wichtiger Bestandteil eines jeden E-Mountainbikes und beeinflusst maßgeblich die Fahrdynamik und Performance. Dennoch ranken sich viele Mythen und Halbwahrheiten um die Elektroantriebe.

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Sieht man sich die Motoren der populärsten E-Mountainbikes genauer an, stößt man auf fünf Namen: Bosch, Brose, Panasonic, Shimano und Yamaha. Ein weiterer spannender Antrieb, der in Zukunft noch für viel Furore sorgen wird, kommt von TQ, wird aber derzeit noch wenig verbaut. Wir haben alle Systeme Tausende von Trailkilometern und Hunderte von Betriebsstunden lang in Dutzenden Bikemodellen in der Praxis getestet und dabei die Vor- und Nachteile der einzelnen Antriebe analysiert.

  Jeder Antrieb hat einen ganz eigenen Charakter und unterscheidet sich von der Konkurrenz durch weit mehr als nur seine Power.

Welcher Motor hat die meiste Power?

Wenn euch nur diese Frage interessiert, ist die Antwort einfach: Es ist der TQ 120S. Mit seinem enormen Drehmoment von 120 Nm fährt das Kraftpaket aus Bayern der gesamten Konkurrenz davon. Allerdings wird der Motor bisher bei fast keinem Hersteller verbaut, was sich aber noch in diesem Jahr ändern wird. Auf Rang zwei liegt der brandneue Brose Drive S, der durch das Update im vergangenen Jahr den Bosch Performance CX und Shimano überholt hat. Generell besitzen aber alle Antriebe mehr als genügend Power, um steilste Anstiege zu erklimmen. Doch bei einem Motor kommt es auf mehr als nur seine Power an.

Power nützt nichts ohne Kontrolle

Durchdrehende Reifen gibt es nicht nur beim Auto, sondern auch am E-Mountainbike – maximale Power nützt nichts, wenn sie nicht optimal auf den Untergrund übertragen werden kann. Gerade beim Anfahren und im technischen Gelände ist entscheidend, dass der Motor die Leistung nicht zu stark verzögert, aber auch nicht zu brachial zur Verfügung stellt. Am besten gelingt das dem Brose Drive S, gefolgt vom Shimano STEPS E-8000 im Trail-Modus und dem Bosch Performance CX im eMTB-Mode. Der Yamaha PW-X schiebt ab dem ersten Kurbelkontakt sehr kraftvoll voran, wodurch das Anfahren im Steilen deutlich erleichtert wird. Bei losen Anstiegen empfiehlt es sich daher beim Yamaha, die Unterstützung zu reduzieren, da die Räder sonst frühzeitig durchdrehen. Trotz seiner enormen Power lässt sich der TQ 120S erstaunlich gut dosieren. Bei rutschigen Bedingungen und beim Anfahren im steilen Gelände sollte man dennoch die Unterstützungsstufe reduzieren.

Permanenter Gegenwind über 25 km/h

Es gibt Antriebe, bei denen einem permanent Gegenwind entgegenweht, sobald man über der Schwelle von 25 km/h oder mit ausgeschaltetem Motor pedaliert. Besonders deutlich ist das beim Bosch Performance CX der Fall, gefolgt vom Panasonic X0. Bei ihm sorgt das interne Getriebe für einen spürbaren internen Widerstand und hohen Kraftverlust. Wirklich widerstandsfrei pedaliert man nur mit dem Brose und dem TQ, bei denen sich das Bike über der Grenze von 25 km/h – bis auf das Mehrgewicht – wie ein klassisches Mountainbike fahren lässt. Bei Shimano und Yamaha ist ebenfalls ein leichter Kraftverlust spürbar, jedoch deutlich weniger ausgeprägt als beim Bosch.

Diesel oder Benziner?

Klar, keiner der Antriebe wird mit einem fossilen Brennstoff betrieben. Trotzdem gleichen sie in ihrer Leistungscharakteristik den verschiedenen Verbrennern, vor allem wenn es um die Leistungsentfaltung im Verhältnis zur Trittfrequenz geht. Sowohl der Panasonic- als auch der Yamaha PW-X-Antrieb schieben ähnlich wie Dieselmotoren schon bei geringen Drehzahlen ordentlich an. Tritt man jedoch schneller, um beispielsweise vor einem steilen Stück etwas Schwung aufzubauen, geht dem Yahama etwas die Puste aus. Besser machen das Bosch, Shimano und TQ, die alle viel Leistung in einem breiten Trittfrequenzbereich zur Verfügung stellen. Brose hat beim neuen Drive S im Vergleich zum Vorgänger deutlich nachgebessert. Allerdings funktioniert der Antrieb noch immer bei höheren Trittfrequenzen am effizientesten.

Der Motor beeinflusst auch das Handling

Kurvenverhalten, Kontrollierbarkeit und Agilität eines E-Mountainbikes werden maßgeblich vom Motor beeinflusst. Grund ist nicht etwa seine Power, sondern die Größe des Aggregats. Der kompakt dimensionierte Shimano-Antrieb gibt Bike-Entwicklern bei der Gestaltung der Rahmengeometrie die meisten Freiräume und ist deshalb sehr beliebt. Obendrein ist er rund ein Kilogramm leichter als der große Bosch Performance CX, der deutlich mehr Bauraum erfordert und dadurch sowohl die Geometrie als auch die Positionierung der Lagerpunkte limitiert. Brose und TQ geben den Herstellern ebenfalls viele Freiräume, sind aber aktuell noch wenig verbreitet. Letztlich kann man jedoch auch den besten Motor vermurksen, indem man ihn schlecht verbaut; deshalb kommt es darauf an, wie der Fahrradhersteller den Antrieb in das Bike integriert und für welches Geometriekonzept er sich entscheidet.

Wie viele Unterstützungsstufen braucht ein Motor?

Im Idealfall passt der Motor die Leistung vollautomatisch an die aktuelle Fahrsituation an. Diese Funktion besitzen momentan die Motoren von Shimano (Trail-Mode) und Bosch (eMTB-Modus). Je nach Eigenleistung des Fahrers setzt der Antrieb unterschiedlich viel Leistung frei und deckt dadurch mit einem einzigen Modus eine Bandbreite ab, die mehreren Modi anderer Hersteller entspricht. Ein solcher Automatikmodus ermöglicht dem Fahrer, sich mehr auf den Trail zu konzentrieren. Doch auch die Auswahl mehrerer Unterstützungsstufen hat Vorteile: So kann man besonders effektiv Akkukapazität sparen, indem man stets im kleinstmöglichen Modus fährt. Mit fünf Modi besitzen der TQ und Yamaha PWX die meisten Unterstützungsstufen.

Wie weit komme ich mit einer Akkuladung?

Wie viele Höhenmeter man mit einer Akkuladung fahren kann, hängt von unzähligen Faktoren ab. Fakt ist: Mehr Leistung braucht mehr Energie. Je nach Fahrergewicht, Fahrweise, Tretverhalten, Trittfrequenz, Untergrund, Unterstützungsstufe, Akkukapazität und etlichen weiteren Faktoren schafft man mit einer Akkuladung gut 700–2.000 Höhenmeter. Derzeit besitzen Räder mit Bosch-Antrieb immer 500 Wh Kapazität. Bei anderen Herstellern variiert die Akku-Größe zwischen 350–770 Wh. Diese Werte sind nominal, in der Realität gibt es auch hier Schwankungen bei ein und demselben Modell. Aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen Parametern kann leider keine allgemeingültige Aussage getroffen werden, wie weit man mit einer bestimmten Akkukapazität tatsächlich kommt. Wer auf Tour einen Wechselakku mitnehmen möchte, sollte dessen Maße im Blick haben: Eine zu lange Batterie lässt sich nur schwer im Rucksack verstauen. Die externen Akkus von Shimano und Bosch sind hier optimal.

Volle Information vs. minimalistisches Design – die Display-Frage

Beim Display haben Bike-Hersteller mittlerweile die Wahl. Fast jeder Motoren-Zulieferer hat mehrere, verschieden große Varianten im Angebot. Specialized verzichtet beispielsweise beim verbauten Brose-Aggregat völlig auf ein Display und integriert eine minimalistische Akku-Anzeige in das Unterrohr. Allerdings gibt es die Möglichkeit, alle wichtigen Daten via Bluetooth z. B. auf einem Garmin-Gerät darzustellen. Der beste Kompromiss aus Integration, Lesbarkeit und geschützter Position gelingt Shimano mit dem hochauflösenden, hinterm Lenker befestigten Display. Den Wechsel der Unterstützungsstufen erledigt man mit einem Remote, der dem Schaltgriff einer Di2-Schaltung entspricht und sich sehr intuitiv bedienen lässt.

Sinfonie oder Rockkonzert?

Es klingt wie eine Kleinigkeit, doch auch das Motorengeräusch ist für viele Fahrer entscheidend. Nicht umsonst feilen Sounddesigner lange am perfekten Klang der Schließgeräusche einer Autotür oder dem Wummern eines V8. Bei E-Mountainbikes wird ein möglichst leiser bzw. lautloser Antrieb als angenehm empfunden. Der Brose-Antrieb ist hier die Benchmark, er unterliegt aber großen Serienschwankungen. So hört man ihn an manchen Rädern kaum, an anderen brummt er hingegen leise hörbar. Je nach Drehzahl und Resonanzverhalten des Fahrradrahmens entwickeln Bosch, Shimano und Yamaha eine recht hohe Geräuschkulisse.

Was war noch mal diese Schiebehilfe?

Nach den ersten Tests vor einigen Jahren ist sie fast in Vergessenheit geraten – so schlecht hat sie funktioniert oder war sie erreichbar. Shimano zeigt nun mit überarbeiteter Ergonomie und mehr Power, wie es besser geht. Brose und Bosch haben ebenfalls nachgebessert und auch bei TQ funktioniert der Walk-Modus zufriedenstellend. In der Praxis nutzen wir dieses Feature dennoch nach wie vor selten, denn entweder kann man Anstiege sowieso pedalierend erklimmen oder es ist so steil und verblockt, dass auch die Schiebehilfe nur noch wenig ausrichtet.

Eine Frage der Software

Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns unser Smartphone nicht dazu auffordert, einzelne Apps oder gar das Betriebssystem upzudaten. In unserer digitalen Welt macht vor allem die Software, nicht mehr die Hardware den entscheidenden Unterschied aus – eine Entwicklung, die man bei E-Mountainbikes ebenfalls beobachten kann. So veröffentlichen die Motorenhersteller regelmäßig Software-Updates, welche die Performance kontinuierlich verbessern sollen. Bosch hat vor einigen Monaten den eMTB-Modus für den bekannten Performance CX-Motor vorgestellt, der das Wechseln der Unterstützungsstufen im Gelände überflüssig macht. Auch Brose und Shimano bieten regelmäßig Updates an. Als Kunde sollte man sich regelmäßig über mögliche Motor-Updates informieren, entweder beim Händler oder direkt via Smartphone-App.

Service

Sollte bei einem E-Mountainbike-Antrieb ein Defekt vorliegen oder ein Service notwendig sein, ist der Fachhändler immer der erste Ansprechpartner. Er kann sich vom Motoren- bzw. Bikehersteller speziell schulen lassen, um gewisse Arbeiten direkt auszuführen. Komplexe Arbeiten am Motor selbst erfordern in der Regel das Einschicken des Antriebs oder Akkus an den Hersteller – der Zeitaufwand kann dabei je nach Saison und Arbeitsaufwand variieren. Auch bei Software-Updates ist der Händler der erste Ansprechpartner und es empfiehlt sich daher, beim Kauf eines Rades nicht nur auf den Preis, sondern vor allem auch auf das technische Know-how des Händlers zu achten.

Welcher Antrieb ist der beste?

Wenn es nur um die maximale Power geht, würde der TQ 120S das Rennen gewinnen. Allerdings ist er im Gelände schwierig zu dosieren, verbraucht bei hoher Unterstützung viel Energie und wird momentan von nahezu keinem Hersteller verbaut. Viel Power bei geringer Trittfrequenz liefert auch der Yamaha PW-X. Allerdings geht ihm beim schnellen Pedalieren die Kraft aus und sein ungestümes Verhalten beim Anfahren ist nicht jedermanns Sache. Der Panasonic-Antrieb funktioniert ebenfalls sehr zuverlässig, allerdings stört bei ihm ebenfalls der Leistungsabfall bei höheren Trittfrequenzen und die Displayintegration besitzt noch deutlich Luft nach oben. Der Bosch Performance CX ist der momentan mit Abstand am häufigsten verbaute Antrieb und hat sich in den letzten Jahren tausendfach bewährt. Dank neuer Software mit progressivem eMTB-Modus ist er jetzt noch besser für den Einsatz im Gelände gerüstet. Mit seinen großen Einbaudimensionen und dem deutlich spürbaren Widerstand ab der 25-km/h-Marke weist er jedoch klare Schwachstellen auf und stellt ernsthafte Herausforderungen an Bike-Konstrukteure.

Shimano STEPS E8000 | 70 Nm | 504 Wh, Custom
Brose Drive S | max. 90 Nm | 400-770 Wh

Weniger Kompromisse und ein breiteres Einsatzspektrum bietet der Shimano STEPS E8000-Antrieb. Er begeistert mit seiner intuitiven Bedienung sowie der angenehmen Leistungsentfaltung (besonders im Trail-Modus) und gibt Herstellern dank seiner kompakten Bauform und dem geringen Gewicht derzeit beste Bedingungen, das perfekte E-Mountainbike zu designen.

Am natürlichsten und kontrollierbarsten fährt sich jedoch mit Abstand der brandneue Brose Drive S. Fehlte es seinem Vorgänger noch an Power, muss sich der neue nur dem bärenstarken TQ-Antrieb geschlagen geben. Obendrein arbeitet er nahezu geräuschlos, lässt sich selbst in der größten Unterstützungsstufe sehr feinfühlig dosieren und besitzt keinerlei spürbaren Widerstand über 25 km/h.

Doch der Antrieb ist nur die halbe Miete. Entscheidend für den Fahrspaß, den Komfort und die Sicherheit sind vor allem die Geometrie, das Fahrwerk und die Ausstattung eines Bikes. Eine Kaufentscheidung sollte daher immer unter Berücksichtigung aller Faktoren getroffen werden.

Über den Autor

Christoph Bayer

Abwechslung – das ist für Christoph das Wichtigste. Sowohl auf dem Bike als auch bei seiner Tätigkeit für das E-MOUNTAINBIKE Magazin. Er koordiniert das Magazin und ist dort gleichzeitig Fotograf und Redakteur. Auf dem Rad trifft man ihn vor allem im alpinen Terrain an, wo er neben flowigen Trails auch gerne mal eng verwinkelte oder verblockte Strecken in Angriff nimmt.