Worauf kommt es beim Biken eigentlich an? Was läuft beim Erwachsenwerden der meisten Menschen schief und wie entfliehen wir der täglichen Routine? E-MOUNTAINBIKE Gründer Robin Schmitt war mit seinen alten Kumpels mal wieder biken, wollte viel über sie lernen, hat aber mehr über sich selbst gelernt!

„Eyyy, lass mal wieder biken gehen – Sven, Maegges, Redl und der Norweger sind auch dabei!“ Als Sauter, mein alter Kumpel aus Teeniezeiten anrief, um mich zu einem Bike-Ride nach Frankfurt einzuladen, war ich erst unschlüssig. Ich konnte mir das Chaos schon vorstellen. Die Hälfte meiner Kumpels sitzt gefühlt zum ersten Mal auf dem Bike und kennt nur eines: Vollgas. Außerdem sollte es schneien – sprich erschwerte Bedingungen für die Dudes. Es klingt etwas überbewertet, aber als Gründer und Chefredakteur dieses Magazins habe ich das Gefühl, als gutes und verantwortungsvolles Beispiel fungieren zu müssen, um meiner Rolle gerecht zu werden.

Aber hey – als Journalist muss man Dinge ausprobieren und zwar hautnah. Weil: Wer nicht dabei war, war nicht dabei und kann eigentlich nicht darüber berichten. Denn Ferndiagnosen oder Berichte aus zweiter Hand sind meist eines: Bullshit! Also – Augen zu und rein ins Chaos – kann nur schief gehen. Doch es sollte anders kommen: Denn wenn man loslässt und seine Ansprüche, auch an sich selbst, mal hinten anstellt, kann man von anderen viel lernen – vor allem über sich selbst. Und die Essenz des Lebens.

Es ist ein Irrglaube, dass die Grundzutat für einen gelungenen Bikeride, ein sagenhafter Trail sein muss.

Episch, krass und außergewöhnlich – natürlich träumt fast jeder von diesem einen Biketrip auf der anderen Seite der Welt, dort, wo das Gras grüner, die Trails flowiger und das Bier noch würziger ist. Aber Hand aufs Herz: Wenn man nicht gerade Freizeitmillionär ist und mehr Urlaubstage als ein Rentner hat, wird man den Großteil seiner Mountainbikezeit auf den Hometrails verbringen. Und was wir daraus machen, liegt an uns! Es ist ein Irrglaube, dass die Grundzutat für einen gelungenen Bikeride, ein sagenhafter Trail sein muss. Am Ende kommt es auf den Fokus unserer Wahrnehmung an und auf unsere Wertschätzung gegenüber dem, was wir haben: Gute Gesellschaft, unser Bike, eine kleine Mutprobe, etwas neu Erlerntes, der Kuchen-Stopp, das Afterride-Bier oder das Privileg, das schönste Hobby der Welt überhaupt ausführen zu können, wie unsere Südafrika-Story zwischen Himmel und Hölle zeigt. Es gibt vieles, das eine gewöhnliche Biketour außergewöhnlich machen kann.

Man muss nicht in Paris flanieren, um fast automatisch gecheckt und gemustert zu werden, das gibt es mittlerweile auch auf den Trails. Biken ist eine kleine Fashion Show voller Eitelkeiten und Lookism geworden.

Sich dieser Optionen bewusst zu sein, ist heute wichtiger denn je: Denn Biken ist nicht nur Mainstream geworden, sondern auch eine kleine Fashion Show voller Eitelkeiten und Lookism, wie man es von manchem Roadie kennt und wir bei unserem Schwestermagazin GRAN FONDO bereits erläutert haben. Man muss nicht in Paris flanieren, um fast automatisch gecheckt und gemustert zu werden, das gibt es mittlerweile auch auf den Trails: Wer fährt welches Bike, welche Klamotten trägt die Person, was kann die oder ist sie nur ein Poser? Umso erfrischender war es, dass meine Kumpels darauf einen Scheiß gaben – der eine in Lidl- statt Patagucci-Jacke, der andere mit Supermarkt-Tüte statt TroyLee-Dufflebag. Klar, die angesagtesten und coolsten Klamotten zu tragen, hat auch seinen Reiz – und habe ich auch gemacht 😉 – aber manchmal laufen wir dabei Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen, und die Leichtigkeit zu verlieren, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind wie wir uns verhalten oder ankommen als dass wir einfach biken!

Vergiss dich!

Wir Menschen haben die starke Tendenz dazu, uns zu wichtig zu nehmen. Und die Rolle, die wir im beruflichen Teil unseres Lebens einnehmen, auch in den anderen Teilen unseres Lebens zu spielen. Aber niemand ist nur Arzt oder Investmentbanker – na gut, bei Letzterem sind wir uns nicht so sicher – sondern auch Familienvater, Kumpel, Bike-Nerd, Hobby-Philosoph, Freizeitgourmet, selbst ernannter Barista oder Schachmeister.

Zeit vergessen. Sich selbst vergessen. Wer loslassen kann, erlebt die schönsten Momente.

Wer würde am liebsten nicht einfach einen F*ck drauf geben, was die anderen denken und das machen, was einem gerade in den Sinn kommt? Wir schämen uns manchmal, auf einer Party richtig abzudancen, bei einem Straßenmusiker stehenzubleiben und mitzugrooven oder im Wald (mit dem Bike oder ohne) richtig loszuspielen – dabei sehnt sich unser Körper danach. Und wenn wir es tun, fühlen wir uns verdammt gut! Doch das geht nur, wenn man sich selbst vergisst. Dann ist man nicht mehr seine Rolle, sprich Mister Super-Ernst-und-Wichtig, sondern der Essenz des Lebens ein großes Stück näher: Man ist. Als kleines Kind haben wir das auf natürlichste Weise einfach gemacht. Ja, genau – wir haben in Pfützen geplanscht, uns von den banalsten Dingen faszinieren gelassen und gestaunt, was die Welt an Unendlichkeiten alles zu bieten hat. Dabei haben wir die Zeit und Sorgen vergessen, weil wir voll im Moment gelebt haben. Dieser Sein-Zustand bietet eine Leichtigkeit, die fast jeder erwachsene Mensch in der westlichen Welt verloren hat, weil er erwachsen sein mit ernst, rational und vernünftig sein sowie ständiger Kontrolle verwechselt. Oder weil er sich zu stark mit allem identifiziert und sich so wichtig nimmt, dass er nicht mal 3 Stunden ohne Smartphone auskommt und in Panik gerät, wenn er nicht erreichbar ist.

Big Toys for big boys?

Spielzeug-Ferraris, ein Kinderrad oder doch eine Barbie? Vieles, mit dem wir als kleines Kind bereits gespielt hatten, wollen wir auch als Erwachsene – nur eben größer. Sind wir ja jetzt auch irgendwie! Egal ob Sportwagen oder ein E-MTB, all das sind Spielzeuge für große Kinder. Genauso wie damals gehts damit raus in die Natur, um Spaß zu haben, Mutproben zu bestehen, Neues zu lernen oder uns einfach einzusudeln – nur dass in der Regel Mutti nicht mehr unsere Klamotten wäscht… . Und da sind wir auch schon beim Thema: Egal ob CEO oder Azubi – es ist unglaublich befreiend, erdend und erfüllend, in der Natur zu spielen, sich dreckig zu machen, sich zu erlauben, nicht perfekt sein zu müssen und einfach so zu fahren, wie man will und wie es einem gerade passt. Denn nichts ist anstrengender als auch in der Freizeit seine antrainierte Rolle zu spielen und anderer Erwartungen erfüllen zu müssen. In diesem Sinne – lasst das Kind in euch wieder mehr raus! Vergesst das Rationalisieren, vergesst euch mal wieder selbst und damit auch die Zeit. Viel Spaß beim Sudeln, Heizen, Ausprobieren, Crashen und wieder Aufstehen! Denn das ist das Leben!

Und wie war jetzt der Ride?

1*Celsius, Schnee, trübe Wetter-Suppe, 1 Stunde in der Kälte warten, weil Sven seinen Helm vergessen hatte – dass das nicht die besten Zutaten für Spaß sind, ist offensichtlich. Aber der Stimmung der Boys und der Anzahl an dummen Sprüchen tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die kalten Finger wurden schnell wieder warm, sobald wir in die Pedale traten. Die E-Motoren regulierten die Leistungsunterschiede im Team, einzig mein Kumpel Sauter trat tapfer ohne E in die Pedale – seine täglichen Workouts mit dem Peloton-Hometrainer scheinen Früchte zu tragen! Die fahrtechnisch vermutlich kniffligsten Passagen des Rides fanden wir auf der Schotterstraße bergauf. Denn diese war vereiste, sodass Linienwahl und Balance entscheidend waren. Zu weit seitlich vom Weg durfte man aber auch nicht fahren, da dort der Schnee schnell zu tief wurde. Durchdrehende Reifen, kombiniert mit eisigem Eiertanz führten zu einigen Stürzen – und Gelächter. Herrlich! Mit jedem Höhenmeter bergauf wurden wir mit immer neuen Wetterstimmungen belohnt – die anfangs eisig trübe Suppe verwandelte sich in ein mystisches Winterwonderland mit Sonnenstrahlen, die sich den Weg in unsere Gesichter bahnten und oben am Gipfel des Feldbergs erwartete uns strahlendes Kaiserwetter mit Ausblick auf ein Wolkenmeer.

Bergab hieß es dann festhalten und sich auf Überraschungen einstellen. Der Schnee verdeckte den Untergrund, forderte die Tiefenmuskulatur zum konstanten Balanceakt auf und sorgte glücklicherweise für sanfte Stürze. Von ursprünglich zwei geplanten Runs machten wir nur einen – wir fuhren, wie wir Bock hatten und solange noch Licht da war. Am Ende ist es doch egal, wie viele Kilometer man gefahren und wie viel Akku man verbraucht hat. Hauptsache das Spaßbarometer ist am Anschlag – und das war es definitiv! Die Jungs fuhren, als gäbe es kein Morgen und als hätten sie nie etwas anderes gemacht.

Danach Zeit fürs Abendprogramm: Biertrinken in der eigenen Halle mit allerlei Spielzeug für Große! Also zurück, Afterride-Bier, warm Duschen mit Duschbier und ab in die Halle: Tischkicker, Petrolhead-Talks, Rennmotorrad-Storys, der Bike-Ride und mit jedem Bier mehr Bierweisheiten – der Rest ist Geschichte oder zumindest nichts für diese Story!

Kater? Das ist jetzt nicht mein Problem. Sondern das Problem des Robin von morgen! Im Bier und Jetzt leben.

Deine Ängste und Komfortzonen killen dich!

Wie viele Menschen sterben mit 30, werden aber erst mit 80 beerdigt, weil sie sich nichts mehr trauen, ihr Leben total absichern wollen oder meinen, sie seien gewissen Dingen entwachsen und reduzieren dabei das Lebenswerte, auf ein Minimum? Rationalität killt die Vielfalt des Lebens, unsere Faszinationsfähigkeit und limitiert unseren kindlichen Entdeckergeist, der uns früher an Orte gebracht hat, von denen wir nie wussten, dass sie existieren. Und diese unentdeckten Orte gibt es genauso noch heute – aber je erwachsener wir werden, umso weniger trauen wir uns ins Unbekannte und sehnen uns nach der Sicherheit des Altbekannten.

Vieles im Leben ist lebensgefährlich oder unvernünftig, aber wer das Lebenswerte aus Angst, Vorsicht und Sorgen auf ein Minimum reduziert, bringt sich lange vor der eigenen Beerdigung selber um.

Das Leben ist Bewegung, Veränderung und die Konfrontation mit Neuem. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir der erdrückenden Routine, die viele Erwachsene fühlen, entfliehen. Und siehe da: Das Leben ist zurück. Denn das Leben ist kein Zustand oder Ziel, das man erreichen könnte – es ist ein Spiel mit dem Moment. Und dem ist es egal, wie man heißt, welchen Beruf man hat oder welche Rolle man zu spielen müssen meint! Viele Menschen verwechseln das Erwachsenwerden mit ernst und vernünftig sein. Dabei hat das nichts miteinander zu tun!

In diesem Sinne – macht euer eigenes Ding und zwar mit den Leuten, auf die ihr Bock habt! Freunde und Freizeit sind dazu da, sich fallen zu lassen, keine Rollen zu spielen. Ansonsten hat man vielleicht alles, ist aber dennoch arm dran! Ach ja: ob Bike, Sportwagen oder Tamagotchi – am Ende ist egal, was wir machen, solange wir es mit Lust, Leidenschaft und Hingabe machen. Die gute Nachricht: wir müssen dafür nirgendwo hinreisen, sondern können alles überall erleben – wenn wir es zulassen.


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Words & Photos: Robin Schmitt

Über den Autor

Robin Schmitt

Robin ist einer der zwei Verlagsgründer und Visionär mit Macher-Genen. Während er jetzt – im strammen Arbeitsalltag – jede freie Sekunde auf dem Bike genießt, war er früher bei Enduro-Rennen und ein paar Downhill-Weltcups erfolgreich auf Sekundenjagd. Nebenbei praktiziert er Kung-Fu und Zen-Meditation, spielt Cello oder mit seinem Hund (der eigentlich seiner Freundin gehört!), bereist fremde Länder und testet noch immer zahlreiche Bikes selbst. Progressive Ideen, neue Projekte und große Herausforderungen – Robin liebt es, Potenziale zu entdecken und Trends auf den Grund zu gehen.