Der Trail zieht sich bergauf, man will den Schwung nicht verlieren, pedaliert kraftvoll. Plötzlich kracht’s und schon geht man über den Lenker! Was ist passiert? Möglicherweise hat das Pedal auf einem Stein oder einer Wurzel aufgesetzt. Damit das nicht häufiger vorkommt, bekommt man immer öfter den Tuning-Tipp „kurze Kurbeln“. Doch was ist die richtige Länge und ist in diesem Fall ausnahmsweise kürzer wirklich besser?

Gefühlt wird die richtige Kurbellänge bereits seit Jahren diskutiert, bisher jedoch fast ausschließlich bei Rennrädern. An Mountainbikes hat sich ein gewisser Standard etabliert. Kleine Rahmengrößen (S) besitzen 170-mm-Kurbeln, alles was größer ist (M, L, XL), kommt mit 175-mm-Kurbeln. Diese Maße wurden von den meisten Herstellern dann auch aufs E-Mountainbike übertragen. Aber ist das richtig?

Gefahrenstelle Wurzel-Stein-Stufe. Bleibt man mit dem Pedal hängen, kann ein unschöner Sturz folgen.

Die Idee: Warum überhaupt kurze Kurbeln am E-MTB?

Mit dem E-Mountainbike hat man die Möglichkeit, Wege bergauf zu fahren, die mit dem klassischen Mountainbike unfahrbar waren. Allerdings ploppt dabei häufig ein Problem auf: die Bodenfreiheit der Pedale. Bleibt man mit dem Pedal hängen, kann das zu einem Sturz führen. Bei klassischen Mountainbikes hat man bisher immer relativ lange Kurbeln verbaut, um einen optimalen Kompromiss aus Ergonomie und Kraftübertragung zu erreichen. Beim E-Mountainbike spielt zumindest das Thema Effizienz dank des kraftvollen Motors nur noch eine nebensächliche Rolle. Klar, man könnte auch einfach das Tretlager erhöhen um Platz für die Pedale zu schaffen, das würde aber zu einem schlechteren und unsicheren Handling bergab führen. Kurze Kurbeln scheinen daher der geeignetste Weg zu sein, um mehr Bodenfreiheit beim Pedalieren zu erreichen, ohne die restlichen Fahreigenschaften negativ zu beeinflussen.

Im direkten Vergleich wird der Unterschied zwischen 175-mm …
… und 150-mm-Kurbeln deutlich!

Unser ROTWILD E+ Testbike hat mit 347 mm ohnehin schon ein relativ hohes Tretlager. Sitzt man bei dem 160-mm-Rad allerdings im SAG (30 % des Federwegs), reduziert sich die Tretlagerhöhe um 48 mm. Bei einer 175-mm-Kurbel bleiben dann noch effektiv 124 mm Distanz zwischen Pedal und Untergrund. Mit einer kürzeren Kurbel lassen sich hier die wertvollen Millimeter gewinnen, die einen Sturz verhindern können.

Verschiedene Kurbeln im Praxistest

Für unseren Praxistest haben wir drei identische Miranda-Kurbeln in drei Längen miteinander verglichen: 150 mm, 160 mm und 175 mm. Mit allen drei Kurbeln haben wir eine definierte Testrunde mit technischen Uphills, langen Flachstücken, klassischen Forstwegen und Trailabfahrten unternommen. Außerdem haben wir die Kurbeln mit einem Wattmesssystem auf einer definierten, 150 m langen Steigung verglichen.

Der Klassiker: Die 175-mm-Kurbel

Beim ersten Aufsteigen fühlt sich alles sehr vertraut an. Der Tritt mit der langen Kurbel wirkt effektiv. Auf normalen Wegen und Straßen hatten wir keinerlei Probleme und konnten mit der 175-mm-Kurbel gut Tempo machen. Im Schnitt fuhren wir mit der Kurbel eine Trittfrequenz von ca. 70–80 Umdrehungen. Beim technischen Uphill setzten wir an einer Stufe auf und mussten während der gesamten Zeit sehr auf die Linienwahl und das richtige Timing beim Treten achten. Als wir später von einer 160-mm-Kurbel auf die 175 mm zurück gewechselt sind, hatten wir außerdem den Eindruck, zu weit nach vorn zu treten.

Das Mittelding: Die 160-mm-Kurbel

Würde man mit verbundenen Augen und ohne es zu wissen, auf ein Rad mit einer 160-mm-Kurbel steigen, man würde den Unterschied vermutlich nicht direkt feststellen. Das Fahrgefühl ist sehr nah an dem einer 175-mm-Kurbel, der Tritt ist auch noch angenehm rund. Im technischen Uphill ist das Plus an Bodenfreiheit jedoch bereits deutlich spürbar. Zwar blieben wir auch mit der 175-mm-Kurbel nur ein einziges Mal hängen, mit der 160-mm-Version trauten sich alle Tester jedoch, viel flüssiger zu treten und mussten viel weniger auf das korrekte Pedalmanagement achten. Beim Anfahren am Berg reicht der Hebel außerdem, um das Rad einfach in Schwung zu bringen. In der Abfahrt ist kein Unterschied spürbar.

Die Extreme: Die 150-mm-Kurbel

Boah, wie fährt sich das denn? Die ersten Kurbelumdrehungen mit den sehr kurzen Kurbeln waren extrem ungewohnt. Wir hatten den Eindruck, eher nach unten als in einer flüssigen Bewegung zu pedalieren. Nach einiger Zeit ließ dieses Gefühl jedoch nach. Auffallend war die im Schnitt ca. 10–15 Umdrehungen höhere Trittfrequenz, bei gleicher Geschwindigkeit fuhren wir in der Regel mindestens einen Gang leichter als bei den beiden anderen Setups. Wir konnten gefühlt permanent treten und den Antrieb auf Zug halten. Allerdings gerieten wir bei unserer Übersetzung im steilen Gelände ans Limit. Hier müsste das 36-Zahn-Kettenblatt gegen ein Modell mit weniger Zähnen getauscht werden. An einer Stelle unseres Testtracks versagte dann jedes Setup: Auf extrem rutschigen Steinen war nämlich nicht die Kurbel, sondern vielmehr der Reifengrip der limitierende Faktor. In der Abfahrt empfanden wir die reduzierte Standfläche aufgrund der kurzen Kurbeln als eher unangenehm. Außerdem muss bei kurzen Kurbeln die Sattelhöhe erhöht werden, was den Bewegungsspielraum auf dem Rad reduziert.

Auf Tour mit den Kumpels – einer hechelt hinterher

Wer häufig mit Kumpels auf Tour geht, die eine klassische 175-mm-Kurbel fahren, sollte sich mit einer 150er auf eines gefasst machen: Er wird abgehängt! Klar kann man mit einer angepassten Übersetzung auch noch alle Steigungen erklimmen, aber eben nicht mehr so schnell! Ein Test mit den Garmin-Wattmesspedalen zeigt es deutlich: Auf einer 150 m langen Teststrecke waren mit der 150-mm-Kurbel im Schnitt 25 Watt mehr Leistung nötig, um bei einem identischen Gang und der gleichen Trittfrequenz die gleiche Geschwindigkeit zu fahren. Kurz gesagt heißt das: runter schalten und schneller treten, um nicht zu schnell zu ermüden. Der Unterschied zwischen der 160-mm- und der 175-mm-Kurbel war dagegen deutlich geringer.

Kurbellänge Watt 1 Watt 2 Watt 3 Watt 4 Watt 5 Ø Watt
150 mm 181 187 189 171 148 175,2
160 mm 126 148 156 178 188 159,2
175 mm 150 158 153 138 165 152,8

Bergab führt die lange Kurbel

Bei unserer Teststrecke bemerkten wir im direkten Vergleich zwischen der 175-mm- und der 150-mm-Kurbel auch bergab einen deutlichen Unterschied. Aufgrund der kleineren Distanz zwischen den Pedalen verringert sich die dynamische Standfläche auf den Pedalen spürbar. Als Fahrer steht man in der Abfahrt auf den kurzen Kurbeln daher weniger stabil zwischen den Laufrädern und auch in Kurven kann man den Körperschwerpunkt weniger tief absenken, da das kurvenäußere Pedal ja auch weniger tief absinken kann. Obendrein limitiert der höhere Sattelauszug bei kurzen Kurbeln den Bewegungsspielraum auf dem Bike. Die Unterschiede sind nicht riesig, aber deutlich spürbar.

Was ist die optimale Kurbellänge für E-Mountainbikes?

Wie bei allen Fahrrädern hängt die optimale Kurbellänge fürs E-Mountainbike natürlich auch von den körperlichen Proportionen des Fahrers ab. Für uns haben sich in diesem Test 160 mm lange Kurbeln als das Optimum am E-Mountainbike herausgestellt. Sie fahren sich in der Ebene sehr natürlich, erfordern bergauf kaum mehr Kraft bzw. eine kaum höhere Trittfrequenz und bieten im technischen Uphill dennoch ein deutlich spürbares Plus an Sicherheit. Die bisherigen 175-mm-Kurbeln mögen für sehr große Fahrer mit langen Beinen angenehmer zu treten sein, bieten sonst aber keinen echten Vorteil. Sehr kurze Kurbeln (≤ 150 mm) sind in unseren Augen ein absolutes Nischenprodukt, das für eine Minderheit in sehr technischem Gelände Benefits bringen mag. Bei klassischen Touren müssen damit aber erhebliche Abstriche in Kauf genommen werden.

Text & Fotos: Christoph Bayer