
21,49 kg in Größe S4 | 13.999 € | Hersteller-Website
Die wenigsten dürften jemals am Steuer eines echten Rallyeautos gesessen haben. Dennoch nutzt Specialized genau dieses Bild, um das neue Levo R einzuordnen. In dieser Welt bedeutet „Rallye“ Präzision und Agilität auf technischem Untergrund. Wenn das bekannte Levo 4 der Ford Raptor ist – ein potenter Offroader mit Fokus auf 60 % Downhill-Performance –, dann ist das Levo R das kompakte, giftige Sportgerät für den Uphill.
Um dieses Ziel zu erreichen, wurde nicht einfach das Fahrwerk des Levo 4 gestutzt. Stattdessen basiert das E-MTB auf einem eigenständigen Vollcarbon-Rahmen, der optisch zwar dem großen Bruder ähnelt, aber auf Gewicht getrimmt wurde. Mit 140 mm Federweg an der Front und 130 mm am Heck sowie reinen 29″-Laufrädern soll das Bike die gewünschte Performance liefern.
Herzstück bleibt das S-Works 3.1-System, das seit dem neuesten Software-Update eine ordentliche Kraftkur erhält: Die Spitzenleistung steigt von 720 W auf 850 W (S-Works 3.1-Motor) bzw. von 666 W auf 810 W (Specialized 3.1-Motor). Beim Drehmoment bleibt das S-Works-Modell mit 111 Nm das Maß der Dinge, während die Standard-Modelle ein leichtes Plus von 4 Nm auf insgesamt 105 Nm verbuchen.
Das neue Specialized S-Works Turbo Levo R im Detail
Specialized nutzt modernste Simulationen und setzt im Vergleich zum Levo 4 auf kleinere Lager, um jedes Gramm auszureizen. Das Ergebnis: Das Chassis ist 530 g leichter als der große Bruder. Während der Hauptrahmen und die extrem schlanke Dämpferverlängerung aus Carbon gefertigt sind, setzt das Team bei der filigranen Wippe auf Aluminium. Die Verarbeitungsqualität ist auf höchstem Niveau – selbst im Inneren des Rahmens finden sich keine abstehenden Fasern. So kommt unser Testbike der S-Works-Variante mit großem Akku auf ein Gesamtgewicht von 21,49 kg. Das ist für ein Full-Power-E-MTB zwar ein solider Wert, im Marktumfeld zeigt sich jedoch: Trotz des Leichtbau-Chassis wiegt das Levo R in der Summe recht viel. Das liegt vor allem am schweren Motor und der – immerhin leicht entnehmbaren – Batterie. Hier beweisen andere Hersteller bereits, dass ein ähnliches Setup auch leichter umsetzbar ist.
Das bewährte SWAT-Downtube-Storage bietet Platz für eine wasserdichte Tasche, in der ein Schlauch und eine CO2-Kartusche sicher verstaut werden können – für eine Jacke wird es allerdings eng. Wer die kleinere 600-Wh-Batterie wählt, gewinnt im Unterrohr zusätzlichen Stauraum, der deutlich leichter zugänglich ist als der Platz hinter dem Akku. Das obligatorische SWAT-Tool ist gewohnt sauber im Steuerrohr integriert.
Das voluminöse Unterrohr dominiert die Silhouette. In der Draufsicht wirkt die Verjüngung zum Motor hin zwar etwas unruhig und auch das „Colormatching“ des Batteriecovers erreicht bei unserem Testbike nicht ganz das Top-Niveau der Automobil-Inspiration, die Details sind hingegen top: Der minimalistische Kettenstrebenschutz ist angenehm weich und geht nahtlos in einen schützenden Flap zum Hauptrahmen über. Auch die Zugführung ist auf höchstem Niveau: Die Leitungen verschwinden klassisch hinter wertigen Aluminium-Eingängen im Steuerrohr und sind nur an Ein- und Austritt sichtbar.
Einen Wermutstropfen gibt es allerdings für Schrauber: Auf der Antriebsseite muss man beim Service darauf achten, dass die Aluminium-Führung nicht in den Rahmen fällt. Zudem gestaltet sich ein Bremsenwechsel extrem fummelig. Zwar gibt es einen geführten Kabelkanal von der Kettenstrebe zum Hauptrahmen, doch leider ließ sich die Bremsleitung bei unserem Test-Bike nicht ohne Weiteres durchschieben. In der Folge musste für den Wechsel der komplette Motor ausgebaut werden – wir hoffen, dass dies nur ein Einzelfall war.
Das Levo R ist in drei Ausstattungsvarianten erhältlich: Preislich markiert das S-Works-Modell mit 13.999 € die Spitze des Portfolios, während das Expert-Modell für 9.999 € über den Ladentisch geht. Der Einstieg in die Welt des Levo R beginnt mit der Comp-Variante für 7.999 €.
Der Antrieb des neuen Specialized S-Works Turbo Levo R: Volle Metall-Power
Der in Kooperation mit Brose (mittlerweile Yamaha-Gruppe) entwickelte S-Works 3.1-Motor ist das Kraftzentrum. Das Team von Specialized setzt auf Vollmetall-Zahnräder, die langlebiger und unempfindlicher gegenüber einer Wärmeausdehnung sein sollen, was eine konstantere Leistungsabgabe ermöglichen soll. In der stärkeren S-Works-Version verbraucht das System ca. 10 % mehr Strom als die Standard-Varianten.
Für die Energieversorgung stehen Batterien mit 840 Wh oder 600 Wh zur Auswahl. Optional ist ein Range Extender mit 280 Wh verfügbar – das Bike kann sogar ausschließlich mit diesem betrieben werden, liefert dann jedoch nur 50 % der maximalen Leistung. Ein Highlight ist der Fastcharger: Er ist zwar riesig, lädt den Akku aber in rekordverdächtigen 2 h zu 100 %.
Das MasterMind TCU-Display bietet auf 1,78″ eine scharfe Auflösung von 368 x 448 Pixeln. Die abgerundete Optik und die Benutzeroberfläche versprühen einen charmanten 60er-Jahre-Flair, wirken im Vergleich zur Konkurrenz aber etwas klein. Die Specialized-App glänzt durch eine schnelle Verbindung und einfache Bedienung – Individualisierungen der Displays oder Motor-Setups gelingen intuitiv. Ein Sicherheitsplus ist die Integration von Apple Find My, wodurch sich das E-MTB tracken lässt. Dank Over-the-Air-Updates bleibt einem zudem der Gang zum Händler für reine Systemaktualisierungen erspart. Top!
Die Ausstattung des neuen Specialized S-Works Turbo Levo R
An der Front des S-Works-Topmodells arbeitet die leichte FOX 36 SL Factory-Federgabel mit der GRIP X-Dämpfungskartusche, bei der sich High-Speed- und Low-Speed-Druckstufe separat einstellen lassen. Am Heck setzt das Team von Specialized auf den eigenentwickelten FOX FLOAT Genie Factory-Dämpfer. Im Vergleich zu einem herkömmlichen FLOAT-Dämpfer soll die Federkennlinie im mittleren Bereich flacher ausfallen, wodurch das E-MTB laut Hersteller bei gleicher Kraft mehr Federweg nutzt. Das soll wiederum für einen spürbar komfortableren Hinterbau und mehr Traktion sorgen. Trotz der flacheren Kennlinie verspricht das System am Ende des Hubs eine höhere Endprogression, wodurch mehr Kraft nötig sein soll, um den Dämpfer durchzuschlagen. Ob diese Rechnung in der Praxis aufgeht, klären wir im Fahreindruck.
Verzögert wird das Levo R durch SRAM Motive Ultimate-Bremsen. Specialized kombiniert diese mit 200 mm großen HS2-Bremsscheiben an Front und Heck – eine kluge Wahl, da die Motive-Stopper nach dicken Scheiben verlangen, weil sie zum Faden neigen. Geschaltet wird mit einer SRAM XX Eagle Transmission-Gruppe. Dank „Hot Shoe Power“ wird das Schaltwerk direkt vom Hauptakku des E-MTBs gespeist, was den separaten AXS-Akku überflüssig macht. Die edle SRAM XX-Carbon-Kurbel unterstreicht den High-End-Anspruch.
Das Cockpit besteht aus der einteiligen Roval Control SL Rise-Lenkereinheit. Während der Shape überzeugt, ist der optische Übergang zwischen dem Vorbau-Bereich und den Spacern nicht ganz harmonisch gelöst. Bei den Laufrädern kommen Roval Traverse SL-Modelle mit Industry Nine-Naben zum Einsatz. Der sehr kleine Einrastwinkel sorgt für ein unmittelbar direktes Feedback im Antritt. Akustisch macht sich das durch ein konstantes Surren des Freilaufs bemerkbar, das an einen Bienenschwarm erinnert. Die Carbon-Felgen verfügen über ein spezifisches Layup für Vorder- und Hinterrad, das auf vertikalen Flex optimiert wurde, um die Traktion zu erhöhen.
Besohlt ist das S-Works mit Specialized Purgatory-Reifen in der GRID Trail-Karkasse: vorne in der griffigen T9-Gummimischung, hinten in der schneller rollenden T7-Mischung. Passt! Ein deutlicher Kritikpunkt am Rahmen des Levo R ist die geringe Einstecktiefe. Selbst bei der funktional tadellosen SRAM Reverb AXS-Dropper-Post mit 200 mm Hub führt dies dazu, dass sich die Stütze an unserem Test-Bike nicht komplett versenken lässt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Reverb durch die prominente Batterieposition in ihrem Stack ohnehin sehr hoch baut. Das ist nicht nur optisch gewöhnungsbedürftig, sondern schränkt auch die effektive Bewegungsfreiheit unnötig ein.
Tuning-Tipp: Wer Wert auf maximale Anpassbarkeit legt, greift zur herkömmlichen Lenker-Vorbau-Kombi statt zum One-Piece-Cockpit.
Die Geometrie des neuen Specialized S-Works Turbo Levo R
Das Levo R ist in sechs unterschiedlichen Größen erhältlich, was im Marktvergleich – viele Hersteller bieten lediglich vier Varianten an – eine echte Ansage ist. Die Reach-Sprünge fallen mit 20 bis 30 mm normal aus. Das Spektrum reicht von der sehr kompakten S1-Größe mit 400 mm Reach bis hin zum massiven S6-Modell mit 535 mm. Damit ist das E-MTB sowohl für sehr kleine als auch für extrem große Fahrer eine interessante Option. Da die Sitzrohre konsequent kurz ausfallen – selbst in der größten Ausführung misst es lediglich 465 mm –, können die meisten Fahrer zwischen mindestens zwei Rahmengrößen wählen: Wer es verspielt mag, greift zum kürzeren, wer maximale Spurtreue sucht, wählt den längeren Rahmen.
| Größe | S1 | S2 | S3 | S4 | S5 | S6 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Oberrohr | 539 mm | 560 mm | 592 mm | 620 mm | 649 mm | 677 mm |
| Sattelrohr | 375 mm | 385 mm | 405 mm | 425 mm | 445 mm | 465 mm |
| Steuerrohr | 95 mm | 100 mm | 110 mm | 125 mm | 140 mm | 155 mm |
| Lenkwinkel | 64,8° | 65° | 65° | 65° | 65° | 65° |
| Sitzwinkel | 77° | 77° | 77° | 77° | 77° | 77° |
| Kettenstrebe | 447 mm | 447 mm | 447 mm | 447 mm | 447 mm | 447 mm |
| Tretlagerabsenkung | 36 mm | 36 mm | 36 mm | 36 mm | 36 mm | 36 mm |
| Radstand | 1.160 mm | 1.181 mm | 1.215 mm | 1.246 mm | 1.277 mm | 1.309 mm |
| Reach | 400 mm | 420 mm | 450 mm | 475 mm | 500 mm | 525 mm |
| Stack | 602 mm | 607 mm | 616 mm | 630 mm | 644 mm | 657 mm |
In Sachen Einstellmöglichkeiten zeigt sich das Levo R extrem vielseitig. Über verschiedene Einsätze lässt sich der Lenkwinkel von der Basis (65°) um +/-1° verstellen. Zudem kann die Kettenstrebenlänge um 6 mm (Long/Short) und die Tretlagerhöhe um 5 mm (Low/High) variiert werden. In der Praxis funktioniert das überraschend unkompliziert und lässt sich bei Bedarf sogar mit dem Multitool aus dem Steuersatz direkt auf dem Trail umstellen. Ein Spezialwerkzeug ist dafür nicht nötig – und was noch wichtiger ist: Man braucht keine drei Arme, um tatsächlich ein neues Setting einzustellen. Ärgerlich ist jedoch, dass direkt an den Bauteilen keine Drehmomentangaben vorhanden sind.
Das neue Specialized S-Works Turbo Levo R auf dem Trail
In technischen Anstiegen zeigt das Levo R sofort seinen Charakter: Das Bike lässt sich mit minimalem Kraftaufwand über Kanten pushen und generiert dabei viel Vortrieb. Besonders der Nachlauf ist hervorragend kontrollierbar und man bekommt schnell ein Gefühl dafür, wie man diesen im richtigen Moment nutzt, um das Bike präzise zu manövrieren. Einzig der Sitzwinkel könnte für unseren Geschmack etwas steiler ausfallen, damit man in extremen Steilstücken noch mehr Druck auf das Pedal und die Front bringen kann.
Das Motor-Update auf 850 W sorgt für ordentlich Feuer unterm Sattel. Im Stand und beim Anfahren agiert das System sehr sensibel und nur selten unkontrolliert, sodass der Motor kaum „abhaut“, wie man es von manchen anderen Systemen kennt. Wenn der Untergrund im Uphill jedoch eher lose ist, ist Feingefühl im Fuß gefragt: Der S-Works 3.1-Motor liefert die Power an sich sehr kontrolliert und konnte bereits in unserem großen Motoren-Vergleichstest mit hervorragender Traktion glänzen. Beim Levo R stoßen jedoch die Specialized Purgatory-Reifen gelegentlich an ihre Grenzen, was zu Gripverlust führt. Davon abgesehen überzeugt der Antrieb durch eine beeindruckende Konstanz, viel Kontrolle, massig Kraft und eine angenehme Geräuschkulisse.
Eine kleine Überraschung gab es bei der Effizienz: Trotz der großen 840-Wh-Batterie war die Reichweite in unserem Test nicht besonders überragend. Bei 75 kg Fahrergewicht und 7 °C Außentemperatur kamen wir im Turbo-Modus auf 47 km und 1.050 hm – was wohl dem gesteigerten Energiehunger des leistungsoptimierten Systems geschuldet ist.
Dreht man dem Berg den Rücken zu, fühlt man sich hervorragend in das E-MTB integriert, was vor allem bei schnellen Richtungswechseln und Sprints Spielfreude weckt. Das Levo R lässt sich extrem gut beschleunigen – nach Fahrfehlern ist man fast augenblicklich wieder auf Renntempo. Die Agilität ist für ein Full-Power-Bike beachtlich: Es lässt sich spielerisch in den Bunnyhop ziehen und liefert ordentlich Pop. Gefühlt springt man mit diesem Bike an jeder Kante weiter als mit einem klassischen E-MTB und wird animiert, Airtime zu sammeln.
Obwohl das Levo R nominell nur über 130 mm Federweg am Heck verfügt, liefert es auf dem Trail erstaunliche Nehmerqualitäten. Das Geheimnis liegt im Heck: Selten hat sich ein Dämpfer mit nur 45 mm Hub so potent angefühlt. Vor allem im mittleren Federwegsbereich generiert die Genie-Technologie so viel Support und Komfort, dass man subjektiv das Gefühl hat, auf einem Bike mit wesentlich mehr Reserven zu stehen. Das sorgt wiederum für viel Sicherheit und Laufruhe in technischem Gelände. Erst wenn man es richtig fliegen lässt, offenbaren sich die physikalischen Grenzen des kurzhubigen Konzepts: Während die Gabel an der Front noch Reserven bietet, wirkt das Feedback des Hecks bei harten Durchschlägen harsch. Dennoch schlägt sich das Gesamtsystem im technischen Downhill erstaunlich gut.
Für wen ist das neue Specialized S-Works Turbo Levo R?
Das S-Works Turbo Levo R ist die richtige Wahl für alle, die volle Power suchen, aber ein möglichst leichtes E-MTB bewegen wollen. Besonders wenn der Fokus auf technischen Uphill-Passagen liegt, spielt das Levo R seine Trümpfe voll aus: Der S-Works 3.1-Motor lässt sich extrem präzise kontrollieren und das niedrige Gesamtgewicht macht das Bike zur echten Klettermaschine. Ein kleiner Wermutstropfen für Optik-Fans: Man sieht dem Rad sein geringes Gewicht nicht unmittelbar an. Auf den ersten Blick wirkt es so massiv wie die meisten anderen Full-Power-E-MTBs.
Zudem ist das Levo R für alle interessant, die sich maximale Flexibilität beim Akku-Konzept wünschen. Ob die kurze Hausrunde nur mit dem Range Extender, die sportliche Tour mit der 600-Wh-Batterie oder das epische Abenteuer mit 840 Wh – das System lässt sich perfekt an den jeweiligen Einsatzzweck anpassen. Wer nicht ständig im Boost-Modus unterwegs ist oder riesige Runden dreht, findet hier ein hochgradig individualisierbares Gesamtpaket.
Fazit zum neuen Specialized S-Works Turbo Levo R
Die Analogie zum Rallyeauto hat Specialized treffend gewählt. Das Levo R ist ein ausgesprochen spritziges E-MTB, das vor allem im Uphill durch seine Leichtigkeit und enorme Präzision punktet – das macht auf technischen Anstiegen richtig Laune. Zudem ist es dem Team von Specialized gelungen, ein hervorragendes Verhältnis zwischen geringem Gewicht und solider Downhill-Performance zu realisieren. Alle verbauten Komponenten sind funktional top gewählt und sorgen dafür, dass das Bike auch bergab auf dem Trail eine sehr gute Figur macht. Wer ein agiles Kraftpaket mit flexiblem Akku-Konzept sucht, wird hier fündig.
Tops
- hohe Agilität & Präzision
- sehr zugängliches Handling
- sehr starke App & Konnektivität
- viel Power und Kontrolle des Motors
Flops
- geringe Einstecktiefe der Sattelstütze
- Colormatch des Batteriecovers
Mehr Infos findet ihr unter specialized.com.
Words: Reynaldo Ilagan Photos: Specialized, Lars Engmann













