Was haben eine Mercedes S-Klasse und das SCOTT Genius eRIDE 900 Tuned gemeinsam? Unter anderem eine schicke Optik, viel Komfort und eine exquisite Zielgruppe. Beim Thema Understatement könnten die Unterschiede allerdings nicht größer sein – das grell lackierte SCOTT sorgt definitiv für mehr Aufmerksamkeit. Aber überzeugt es auch im Gelände?

Bevor wir in den Testbericht einsteigen, möchten wir dich noch kurz auf eine aktuelle Aktion hinweisen: Zur Zeit bieten wir die 2020er und 2019er Ausgabe der E-MOUNTAINBIKE Print-Edition im stark reduzierten Kombi-Paket an - nur solange der Vorrat reicht! Auf insgesamt knapp 500 Seiten erwarten dich Inspiration, Kaufberatung, jede Menge E-MTB-Know-how und natürlich unzählige E-MTB-Tests. Klicke hier, um dir das Angebot zu sichern!

SCOTT Genius eRIDE 900 Tuned | Bosch Performance CX/625 Wh | 160/150 mm (v/h)
22,96 kg in Größe L | 7.799 € | Hersteller-Website

Wenn man gerade über 7.000 € auf dem Bankkonto übrig hat, kann man sich entweder bei der Ausstattungsliste der S-KLasse für das Exklusiv-Paket entscheiden, bei dem alle Oberflächen mit Nappaleder bezogen werden, oder man greift zur deutlich sinnvolleren Option und entscheidet sich für das 7.799 € teure SCOTT Genius eRIDE 900 Tuned. In Zeiten, in denen viele E-MTBs gern auch mal über 10.000 € kosten, wirkt das SCOTT schon beinahe günstig. Es wird von einem aktuellen Bosch Performance CX-Motor angetrieben und bekommt seine Energie von einem integrierten 625-Wh-Akku. Wer will, kann die Kapazität auch mit dem optional erhältlichen Range Booster-Kit und einem externen Akku auf über 1.125 Wh steigern, allerdings muss man hier sicher Nachteile im Handling in Kauf nehmen.

Das SCOTT Genius eRIDE 900 Tuned im Detail

Die Ausstattungsliste ist hochwertig und funktional gewählt. Das Fahrwerk besteht aus einer FOX 36 Factory FIT4-Federgabel und einem speziellen FOX Nude-Dämpfer. Beide lassen sich, wie auch das Fahrwerk einer S-Klasse, an den Untergrund anpassen. Beim SCOTT geschieht das in drei Stufen vom Lenker aus: Lockout, Traction-Control und Descend heißen die Modi am Genius eRIDE. Betätigt man den TwinLoc-Hebel, wird das Luftvolumen am Dämpfer reduziert und das Rad wird spürbar aus dem SAG gehoben. Das sorgt für eine steilere Geometrie mit mehr Bodenfreiheit und reduziert effektiv jede Art von Wippen am Heck. Letzteres spielt beim E-Mountainbike dank der konstanten Motorpower eine untergeordnete Rolle, ersteres zahlt sich für technische Uphills aber aus.

Der Syncros Hixon iC Lenker ist optisch ein Highlight, die Positionierung des Kiox-Diplays dagegen ein Lowlight!

Ruhe im Karton
Der Kettenstrebenschutz funktioniert effektiv und sorgt für Ruhe
Mehr Schein als Sein
Das hochwertige X01-Schaltwerk ist ein Eyecatcher im Shop. Da übersieht man leicht, dass SCOTT bei der Kassette und dem Schalthebel günstigere Komponenten verbaut.
Variabel
Mithilfe des Flip-Chip kann man das SCOTT Genius eRIDE auch auf 27,5”-Laufräder umrüsten. Echte E-MTB-Freaks können über den Wechsel auf ein MX-Setup, also mit kleinem Hinter- und großem Vorderrad, nachdenken.
Viel los hier
Am Cockpit herrscht auf den ersten Blick erstmal Chaos. Die zusätzlichen Hebel des TwinLoc-System benötigen etwas Eingewöhnungszeit, sind dann aber intuitiv zu bedienen. Schade nur, dass der Hebel für die Sattelstütze dadurch mit dem Daumen etwas schlechter erreichbar ist.

SCOTT Genius eRIDE 900 Tuned

7.799 €

Ausstattung

Motor Bosch Performance CX 85 Nm
Akku Bosch PowerTube 625 Wh
Display Bosch Kiox
Federgabel FOX 36 Float Factory 150 mm
Dämpfer FOX Nude TR Evol, TwinLoc 150 mm
Sattelstütze FOX Transfer 150 mm
Bremsen Shimano XT 4-Kolben 203 mm
Schaltung SRAM GX Eagle/SRAM X01 Eagle 1x12
Lenker Syncros Hixon iC SL Carbon 780 mm
Laufradsatz Syncros Revelstoke-E 1.5 CL 29"
Reifen Schwalbe Magic Mary/Hans Dampf 2,6"/2,6"

Technische Daten

Größe S M L XL
Gewicht 22,96 kg
Zul. Gesamtgewicht 129 kg
Max. Gewicht Fahrer/Equipment 106 kg
Anhänger-Freigabe nein
Ständeraufnahme Ja

Besonderheiten

Bosch Light Cable F&R vorinstalliert
TwinLoc-Fahrwerk
Range Booster-Kit
Syncros Trail Fender


Integriert
Das passende Tool für die großen T35-Schrauben ist im Schnellspanner integriert
Für den Alltag gerüstet
Auch am Genius eRIDE kann auf Wunsch ein Seitenständer montiert werden
Gemischt
SCOTT kombiniert den Bosch Performance CX-Motor mit einem Shimano-Magneten an der Bremsscheibe
Ramp it up
Am Dämpfer kann man die Progression mit einem kleinen Hebel zusätzlich erhöhen. Wir empfehlen den progressiveren Modus vor allem Fahrern mit sehr aktiven Fahrstil.
Exponiert
Das Kiox-Display sitzt hoch über dem Lenker und kann so bei einem Sturz schnell beschädigt werden. Wir hätten uns eine Position hinter dem Lenker gewünscht.

Die weiteren Anbauteile sind größtenteils sehr stimmig gewählt. Kraftvolle Shimano XT-Bremsen mit 200 mm großen Scheiben sorgen für gut dosierbare Verzögerung und ein SRAM 1×12-Antrieb liefert ordentlich Übersetzungsbandbreite. Die 165 mm kurzen Kurbeln sorgen außerdem für Bodenfreiheit und erleichtern das Treten im verblockten Gelände. Etwas schade ist hier, dass SCOTT Kunden mit einem teuren X01-Schaltwerk lockt, die restlichen Teile der Schaltung aber deutlich günstiger ausfallen. Ein absolutes Highlight ist das einteilige Syncros Hixon iC SL-Cockpit, das in Rahmenfarbe lackiert ist. Wer mit der Geometrie des Lenkers zurechtkommt, erhält hier ein super futuristisches Teil, welches die Optik des Bikes deutlich aufwertet. Weniger gut gefällt dagegen das sehr exponiert platzierte Kiox-Display auf dem Vorbau. Wie auch beim Lenker legt SCOTT beim Speichenmagnet Wert auf Integration und platziert, Bosch-untypisch, den Geschwindigkeitssensor an der Bremsscheibe. Syncros-Laufräder, eine FOX Transfer-Sattelstütze und griffige Schwalbe Reifen in 2,6” Breite runden das Gesamtpaket ab.

Die Geometrie und Größen des SCOTT Genius eRIDE

Betrachtet man die Geometrie-Tabelle des Genius eRIDE, fällt sofort auf, dass man das Rad sowohl mit 29”- als auch 27,5”-Laufrädern fahren kann. Möglich macht das ein Flip-Chip im Umlenkhebel. In der Einstellung für die großen Räder fallen der Reach in Größe Large mit 461 mm und der Lenkwinkel von 65° moderat und stimmig aus. Die Kettenstreben sind mit 465 mm eher lang und das Sitzrohr mit satten 490 mm ist so nicht mehr zeitgemäß. Es limitiert die Versenkbarkeit der Sattelstütze unnötig und zwingt den Fahrer so zu einer Stütze mit wenig Hub. Der Sitzwinkel ist mit 74,8° nicht sehr steil. Dennoch sitzt man dank TwinLoc-System nicht zu weit über dem Hinterrad.

Uphills sind mit dem Genius eRIDE ein Genuss! Hier punktet es mit viel Komfort und hoher Traktion.

Größe S M L XL
Sattelrohr 410 mm 440 mm 490 mm 540 mm
Oberrohr 585 mm 605 mm 635 mm 665 mm
Steuerrohr 120 mm 125 mm 135 mm 145 mm
Lenkwinkel 64,8° 64,8° 65,0° 65,0°
Sitzwinkel 75,4° 75,4° 75,4° 75,4°
Kettenstrebe 465 mm 465 mm 465 mm 465 mm
Tretlagerabsenkung 30 mm 30 mm 30 mm 30 mm
Radstand 1.215 mm 1.236 mm 1.258 mm 1.290 mm
Reach 422 mm 441 mm 461 mm 488 mm
Stack 627 mm 631 mm 641 mm 650 mm
Helm Giro Manifest Spherical | Jacke ION Hybrid Jacket | Hose ION Scrub Amp | Schuhe ION Rascal Select

So fährt sich das SCOTT Genius eRIDE

Die Sitzposition auf dem Genius eRIDE ist komfortabel. Hier passt der Vergleich zur S-Klasse hervorragend, denn auch mit dem SCOTT sind lange Strecken ein Genuss. Vorausgesetzt natürlich, der Sattel passt zum eigenen Gesäß. Die voluminösen 2,6”-Reifen filtern Stöße zusammen mit dem Fahrwerk effizient weg und lassen einen förmlich bergauf schweben. Der Bosch Motor schiebt gewohnt kontrolliert an. Sofern das neueste Software-Update noch nicht serienmäßig installiert ist, empfehlen wir, das direkt beim Kauf aufspielen zu lassen. Dank seiner langen Kettenstreben und dem TwinLoc, mit dem das Tretlager weiter angehoben werden kann, ist das Genius eRIDE ein echter Kletterkünstler. Wer regelmäßig sehr steile Uphills in Angriff nimmt, dem empfehlen wir aber, den Sattel auf der Stütze nach vorn zu schieben.

In engen Sektionen ist das Genius eRIDE so behäbig wie eine Luxus-Limousine auf Parkplatzsuche, bei Highspeed liegt es dagegen sehr satt und sicher.

Auch bergab gibt es Überschneidungen zwischen dem SCOTT und einer Mercedes-Limousine. Wie eine S-Klasse filtert auch das Genius eRIDE Unebenheiten super feinfühlig weg und begeistert mit sehr hohem Komfort und viel Traktion. Die Progression des Hinterbaus ist gut gewählt. Über einen extra Verstellhebel am Dämpfer kann man sie noch weiter erhöhen. Uns gefiel die Option mit größtmöglichen Gegenhalt am Ende des Federwegs auf allen Trails am besten. In Kurven fährt sich das Genius eRIDE sehr gutmütig und berechenbar. Als Fahrer steht man angenehm zentral und hat stets guten Grip am Vorder- und Hinterrad. Unberechenbare Drifts oder ein Wegrutschen des Vorderrads muss man hier sehr aktiv provozieren – top! Diese Ausgewogenheit geht allerdings auf Kosten der Agilität. Denn bei engen Richtungswechseln ist das Bike in etwa so agil wie eine lange S-Klasse auf einer Alpenstraße. Klar kann man alles fahren, aber mehr Spaß macht dann doch ein direkteres und kompakteres Modell. Hier hilft auch der leichtere Carbon-Rahmen im Vergleich zum 920er Alu-Modell nichts, der Charakter des Genius eRIDE bleibt der gleiche.

Tuning-Tipp: keiner, wenn das Rad vom Handling passt, ist die Ausstattung super

Fazit

Das SCOTT Genius eRIDE 900 Tuned begeistert in mehrerlei Hinsicht. Zum einen mit seiner schicken Optik und zum anderen mit seinen gutmütigen und komfortablen Fahreigenschaften. Trotz Carbon-Rahmen ist das Rad aber noch immer nicht so leichtfüßig und agil wie die besten Bikes am Markt. Wer jedoch ein komfortables Touren-E-MTB für lange Ausflüge sucht, wird hier fündig.

Tops

  • gutmütiges und einfaches Handling
  • hoher Komfort auf langen Touren
  • durchgestylt bis in die Lenkerenden

Flops

  • behäbiges Handling
  • langes Sitzrohr limitiert Versenkbarkeit der Sattelstütze
Mehr Infos unter scott-sports.com


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Text & Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Wenn sich Arbeit nicht nach Arbeit anfühlt, dann hat man alles richtig gemacht – und das hat Christoph geschafft! Er liebt das Biken, ist ein Fan von Tech-Talk (zum Leid seiner Freundin Toni), hat super viel Spaß an der Fotografie und bereist gerne die Welt. Er ist fast seit Anfang an bei ENDURO dabei und als Chefredakteur dafür verantwortlich, dass ENDURO das progressivste und aufregendste Magazin der Branche ist. Natürlich schreibt er noch jede Menge Content selbst, testet knapp 100 Bikes im Jahr und sitzt nahezu täglich auf dem Rad. Die alpinen Trails rund um seinen Heimatort dienen dabei als perfektes Testgelände. Den klassischen Arbeitstag gibt es für ihn nicht, mal ist er im Office, mal mit dem Laptop im Garten oder er arbeitet direkt vom Van aus in den Top-Bikespots dieser Welt – für Christoph sind die Grenzen fließend und genau das weiß er so zu schätzen.