Stürze gehören zum E-Mountainbiken einfach dazu. Es geht nicht darum, OB man stürzt, sondern WANN. Mit den richtigen Tipps und etwas Übung, könnt ihr das Verletzungsrisiko minimieren. Dieser Guide gibt euch das nötige Wissen, um euren nächsten Crash „sicherer“ zu machen.

Stürze passieren jedem – aber wie kann man sich darauf vorbereiten? Profis stürzen öfter als jeder von uns „normalen“ Fahrern, da sie ständig an ihre Grenzen gehen, neue Lines ausprobieren und irre Tricks lernen. Wie schaffen sie es also, immer wieder Stürze unbeschadet zu überstehen? Richtig stürzen ist eine Kunst für sich und wenn man sie lernt, hat man die Chance, nach einem bösen High-Sider, einem Wash-out oder sogar nach einem gefürchteten Over-the-Bars-Manöver weiterzufahren! In diesem Guide erfahrt ihr alles, was ihr wissen müsst, um sicher zu stürzen, Verletzungen zu vermeiden und die Angst vor dem Crash zu überwinden.

Crashes passieren jedem von uns und sind ein Teil unseres Sports. Manche stürzen aber besser als andere …

Wichtig: Denkt immer an geeignete Protektoren, bevor ihr auf den Trail geht! Bei jedem Trail-Erlebnis solltet ihr mindestens einen Helm, Knieschoner und Handschuhe tragen. Ihr seid nicht sicher, welche Protektoren es am Markt gibt? Dann schaut euch unseren Guide zum Thema Sicherheit am E-MTB an.

Die goldenen Regeln des Stürzens

Ob Profi, Weekend Warrior oder irgendwo dazwischen. Es gibt ein paar goldene Regeln, die man beim Stürzen beachten muss.

Diese Regeln könnten euch in so einer Situation den Hals retten

Ihr könnt das Dilemma immer noch verbessern. Ganz gleich, wie hart ihr vom Bike geschleudert werdet oder wie schnell euer Hinterrad das vordere überholt, ihr habt immer ein paar Sekundenbruchteile Zeit, um die Situation in den Griff zu bekommen. Es muss alles getan werden, um den letzten Funken Kontrolle zu bewahren.

Weg mit dem Bike! Setzt euch selbst an die erste Stelle. Die Wahrscheinlichkeit, einen Sturz unverletzt zu überstehen, ist größer, wenn ihr euer Bike so weit wie möglich von euch weg bekommt, bevor ihr zu Boden geht. Was nützt euch ein intaktes Bike, wenn ihr selbst verletzt seid?

Abrollen ist angesagt! Bevor ihr am Boden aufkommt, nehmt die Arme hoch, um euren Hals und den Kopf zu schützen. Wenn ihr euch abrollt, können die Sturzkräfte viel besser absorbiert werden, als wenn ihr auf den Boden knallt wie ein Kartoffelsack.

Bleibt ruhig! Ein Crash macht Angst! Jeder weiß das, aber ihr müsst versuchen, ruhig zu bleiben. Euer Reflex lässt eure Arme ausstrecken, um den Aufprall abzufedern, was zu gebrochenen Knochen führen kann. Wenn ihr Ruhe bewahrt und locker bleibt ist die Chance, den Sturz unbeschadet zu überstehen, wesentlich höher.

Angst macht uns steif. Wer die Arme senkrecht vom Körper weg streckt, riskiert ein gebrochenes Handgelenk oder ein gebrochenes Schlüsselbein. Wenn ihr euch mit dem Gefühl des Abflugs vertraut macht, werdet ihr lockerer sein, wenn es wirklich zum Sturz kommt. – Andy Barlow, Dirt School

Natürlich werden manche Crashs blutig enden. Mit der richtigen Sturztechnik können ernsthafte Verletzungen aber vermieden werden.
Diese Schnitte schauen vielleicht schmerzhaft aus, aber beide Fahrer unseres Teams konnten nach dem Sturz weiterfahren und hatten keine ernsthaften Verletzungen

Die drei häufigsten Stürze und wie man damit umgeht

Ja klar, jeder Sturz ist anders, aber die meisten passen gut in die folgenden drei Kategorien. Hier zeigen wir euch die drei häufigsten „Crash-Muster“.

Der Over-the-Bars-Crash

Der Moment vor einem OTB ist nicht schön und der Albtraum eines E-Mountainbikers

Wie es passiert: Der klassische Over-the-Bars (OTB) Crash, bei dem man über den Lenker fliegt, passiert, wenn euer Gewicht plötzlich zu weit nach vorne beschleunigt. Meist wird das durch eine hohe Wurzel oder ein Loch im Trail ausgelöst. Wenn ihr nach einem Sprung zuerst mit dem Vorderrad landet, kann es auch zu einem OTB-Crash kommen. Wie auch immer, das Resultat ist immer das gleiche. Ihr werdet nach oben über den Lenker geschleudert und auf den Trail geworfen.

Was kann man machen: Abhängig von der Geschwindigkeit kann man einem OTB-Szenario vielleicht entgehen, ohne dass man sich überschlägt. Mit etwas Übung ist es möglich, von den Pedalen abzuspringen und über den Lenker zu kommen, bevor man stürzt. Dazu muss das Bike nach unten gedrückt werden, damit es nicht mehr im Weg ist. Ihr könnt dadurch auf den Füßen landen und sprichwörtlich dem Sturz davonlaufen. Bei hoher Geschwindigkeit und mit Klickpedalen wird es natürlich schwerer, einem OTB-Crash zu entgehen. Wenn keine Chance besteht, auf den Füßen zu landen, versucht, das Bike aus dem Weg zu schieben. Kopf und Nacken werden mit den Armen geschützt und beim Aufprall solltet ihr euch unbedingt abrollen.

Der High-Side Sturz

High-Side Stürze passieren ohne Vorwarnung und werfen den Fahrer in weitem Bogen vom Bike

Wie es passiert: Es passiert im Bruchteil einer Sekunde. Ausgelöst wird der High-Side-Sturz von einem großen Stein, der das Hinterrad zur Seite wirft, oder einem Baum, den ihr mit dem Lenker streift. Euer Bike vollzieht einen abrupten Richtungswechsel, das Hinterrad rutscht weg, bekommt dann plötzlich wieder Grip und ihr werdet in weitem Bogen seitlich über das Bike katapultiert.

Was kann man machen: Ein High-Side-Crash wird euch heftig in die Luft schleudern. Es bleibt wenig Zeit für einen heldenhaften Abgang und wieder ist es wichtig, dass das Bike nicht im Weg ist. Drückt es von euch weg und lasst vor allem den Lenker los. Als nächstes solltet ihr eine Landung anvisieren, wobei natürlich keine Zeit bleibt, den gemütlichsten Landepunkt am Trail zu finden. Eine Drehung in der Luft kommt häufig vor und ihr könntet nach den ersten Schrecksekunden etwas desorientiert sein. Am besten ist es, eine Stelle zu finden, die nicht in direkter Linie zu einem Baum oder Felsen liegt. Wenn möglich, landet auf den Füßen. Wenn das nicht möglich ist, rollt euch beim Aufprall ab.

Low-Side (wegrutschen)

Low-Side – wenn der Drift einfach zu weit geht und das Hinterrad wegrutscht

Wie passiert es: Low-Side-Crashes werden durch plötzlichen Grip-Verlust ausgelöst. Die Reifen rutschen weg und das Bike fällt auf der gegenüberliegenden (low) Seite zu Boden. Diese Art von Sturz kommt meist in flachen Kurven oder lockeren Anliegern vor.

Was kann man machen: Manchmal lässt sich ein Sturz vermeiden, indem man den inneren Fuß in den Boden stemmt. Meistens geht ein Wash-out aber so schnell, dass keine Zeit für eine Reaktion bleibt. Zum Glück wird man bei so einem Sturz nie aus großer Höhe auf den Trail fallen. Am besten nehmt ihr die Wucht des Aufpralls mit dem Lenkerende auf und haltet Knie und Ellbogen angezogen.

Kann man das Stürzen üben?

Ist es möglich, das Stürzen am Trail zu üben? Im Internet finden sich eine Reihe von Artikeln und Videos, die aktiv dazu auffordern, sich selbst über den Lenker zu schicken, um das Stürzen zu üben. Um herauszufinden, ob das der richtige Weg ist, haben wir mit Andy Barlow gesprochen, einem renommierten Mountainbike-Fahrtechniktrainer bei Dirt School. Andy erzählte uns, dass er bei seinen Anfängen als Trainer seinen Kunden immer beigebracht hat, wie man stürzt. Er hat jedoch bald damit aufgehört. Man kann Menschen nicht ermutigen, sich in Situationen zu bringen, die zu Verletzungen führen könnten“, so sein Statement dazu.

Wir haben den renommierten Coach Andy Barlow um Tipps gefragt, die das Stürzen sicherer machen

Anstatt einen Crash zu provozieren und am Ende eine Verletzung zu kassieren, gab uns Andy den Tipp, einen Sturz in seine Einzelteile zu zerlegen und jeden Bewegungsablauf kontrolliert zu üben. Diese Techniken sind keine Zauberformeln, die euch aus jeder Situation retten können, aber sie helfen euch, ruhig zu bleiben und die meiste Kontrolle beim Stürzen zu bewahren.

Dirt Schools Tipps für kontrollierte und sichere Sturzübungen

Absorbieren des Aufpralls mit dem Lenker (Low-Side): Es ist wichtig, dass man lernt, wie man den Lenker in den Boden rammt, um die Wucht eines Sturzes kontrolliert zu absorbieren. Ihr könnt den Lenkereinsatz üben, indem ihr parallel zu einem steilen Hang fahrt und euch plötzlich zur Seite fallen lasst. Das Ziel ist es, den Aufprall mit dem Lenker aufzunehmen, während die Finger, die Ellbogen und die Knie angezogen bleiben.


Absteigen (Wash-outs): Um einem rutschenden Vorderreifen entgegenzuwirken müsst ihr einfach vom Bike absteigen. Rollt mit wenig Geschwindigkeit und tiefem Sattel. Dann lenkt abrupt nach rechts und steigt schnell über die linke Seite vom Bike ab. Wenn ihr euren Fuß schnell auf den Boden bekommt, könnt ihr einem Sturz leicht entgehen.


Vom Bike springen (OTB und High-Sides): Rollt langsam auf einer ebenen Strecke. Wenn ihr zum Stillstand kommt, lasst das Bike in eine Richtung kippen und springt dann schnell mit beiden Füßen von den Pedalen. Alternativ könnt ihr auch nach vorne über den Lenker abspringen, sodass ihr mit beiden Füßen vor dem Vorderrad landet. Macht das am besten auf weichem Untergrund, um euer Bike zu schützen.

Sturzübungen im Wohnzimmer

Klingt vielleicht seltsam, aber ihr könnt auch in eurem Wohnzimmer das richtige Stürzen üben. Wir meinen damit jetzt nicht, dass ihr mit einem Hechtsprung über die Couch fliegen sollt. Eine der besten Möglichkeiten, Verletzungen vorzubeugen, ist die richtige Vorbereitung des Körpers. Dehnung, Yoga und Krafttraining spielen eine große Rolle und helfen eurem Körper stärker und elastischer zu werden. Es gibt auch einige Off-the-Bike-Techniken, wie Judo-Rollen und Break Falls, die ihr bequem zu Hause üben könnt. Wir empfehlen, diese auf einem dicken Teppich, einer Matte oder im Garten auszuprobieren. Das Ausüben einer Kampfkunst wie Judo oder Kung Fu macht euren Körper beweglicher, was bei jedem Sturz ein Vorteil ist.

Keine Angst vor Stürzen! Bereitet euch vor, überwindet die Angst vorm Stürzen und genießt den Trail!

Crashs gehören einfach zu unserem Sport dazu. Ihr könnt das Verletzungsrisiko minimieren, indem ihr an eurer Körperspannung, eurer Gelenkigkeit und an eurem Mindset arbeitet. Bereitet euren Körper und euren Kopf auf Stürze vor und genießt euer nächstes E-Bike-Abenteuer!


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Text: Finlay Anderson Fotos: E-MOUNTAINBIKE-Team

Über den Autor

Finlay Anderson

Finlay ist nicht nur im Beruf, sondern auch auf dem Bike ein Überflieger. Der Jüngste im Team lässt es auf dem Bike gerne so richtig krachen. Finlay war nicht weit von einer professionellen Rennsportkarriere entfernt, hat sich dann jedoch für einen „vernünftigen“ Job entschieden: Als Redakteur Bikes testen, fotografieren und texten – all das macht er auf höchstem Niveau und hat sich schnell zum festen Bestandteil unseres internationalen Teams entwickelt. Wenn er gerade nicht auf dem Bike sitzt, dröhnt das Mountain Reggae Radio aus seinen Boxen oder er cruist mit dem Skateboard durch die Straßen.