Wo fühlst du dich allein gelassen? Was nervt dich? Und was müsste sich verändern, damit sich modernes Biken wieder einfacher, besser und echter anfühlt?
Denn die Zahlen unserer neuesten Leserumfrage sind alarmierend: 54 % der Käufer erhielten beim Bike-Kauf weder eine richtige Erklärung der Features noch ein grundlegendes Fahrwerks-Setup. Noch krasser: 70 % haben ihre Zugstufe nie angepasst, 80 % nie die Druckstufe.
Und genau hier liegt das eigentliche Problem.
Wir diskutieren als Szene über neue Kartuschen, minimale Unterschiede bei der Motorabstimmung oder die letzten Prozent Performance im technischen Gelände. Das ist spannend – und Teil unserer DNA. Aber wenn ein Großteil der Fahrer nie erlebt, was ihr Bike eigentlich kann – und ihnen niemand hilft, diese Performance überhaupt zu nutzen –, dann läuft etwas gewaltig schief.
Für viele Fahrer wäre der größte Performance-Gewinn aktuell kein neues Bike. Sondern endlich zu verstehen, wie sie das Maximum aus ihrem aktuellen herausholen. Niemand käme auf die Idee, einem Ski-Anfänger, ob auf Piste oder Gelände, ein High-End-Setup in die Hand zu drücken, die Bindung irgendwie „Pi mal Daumen“ einzustellen und zu sagen: Viel Spaß, wird schon. Genau das passiert in der Bike-Branche aber jeden Tag. Menschen kaufen Bikes für 5.000, 8.000 oder 10.000 € – und stehen danach oft alleine da. Ohne richtiges Setup. Ohne Erklärung. Ohne Guidance. Ohne zu verstehen, was ihr Bike eigentlich kann oder wie und wo man es richtig nutzt. Und dann wundern wir uns, warum aus vielen Käufern keine echten Biker werden. Das ist frustrierend und schädlich für alle Seiten – für Rider, Handel und Hersteller.
Doch statt das Problem wirklich anzugehen, schieben sich Industrie und Handel oft gegenseitig die Verantwortung zu. Nicht meine Aufgabe. Nicht mein Geschäftsmodell.
Okay. Aber wenn das bestehende Geschäftsmodell keinen Raum für ein besseres Erlebnis lässt, dann muss man es neu denken. Denn genau darin liegt eine der größten Chancen für die Zukunft: sich endlich abseits des reinen Technologie-Wettrüstens zu positionieren – und echte Markenloyalität nicht nur über Features, sondern über klare Orientierung, Vertrauen und ein spürbar besseres Erlebnis aufzubauen.
Bei unserem letzten 41 Leadership Summit in Leonberg sprach Oberbürgermeister Tobias Degode über Verwaltung, Verantwortung – und darüber, wie Menschen Vertrauen in ein System entwickeln. Während er über Verwaltung und öffentliches Leben sprach, hätte man mehrfach denken können: Er könnte genauso gut über die Bike-Welt reden.
Denn egal ob Verwaltung oder Bike-Trail, egal ob Bürger oder Biker – am Ende entscheidet sich alles an einer simplen Frage: Funktioniert es?
Bürger fragen sich:
Kommt der Bus pünktlich? Wird mein Anliegen schnell bearbeitet? Bekomme ich Hilfe, wenn ich sie brauche?
Biker fragen sich:
Erlebe ich die Performance, für die ich bezahlt habe? Funktioniert mein Bike einfach – oder beschäftigt es mich ständig mit Setup, Problemen und offenen Fragen? Bekomme ich wirklich Hilfe, wenn etwas nicht funktioniert – oder muss ich mir Lösungen selbst zusammensuchen? Warum reden alle über Innovation, aber kaum jemand über die Probleme, die Rider im Alltag wirklich beschäftigen? Und wie und wo kann ich mein Bike heute überhaupt noch wirklich nutzen?
Niemand juckt die Strategie. Alle bewerten die Ausführung und die reale Erfahrung. Und genau dort entsteht aktuell eine riesige Lücke zwischen theoretischer Produktperformance und dem, was bei den meisten Fahrern tatsächlich ankommt. Wir nennen das den „Performance Gap“
Dieses Thema wurde bei unserer letzten E-MOUNTAINBIKE Award Night und dem 41 Leadership Summit zu einer der größten Diskussionen. Branchenführer, Produktmanager und Rider diskutierten dort offen über die Zukunft der Bike-Welt.
Hier geht’s zum kompletten (englischsprachigen) Artikel unseres 41 Leadership Summits in Leonberg.
Die meisten Menschen wollen kein technisch noch besseres Bike. Sie wollen ein besseres Erlebnis. Die erfolgreichsten Produkte unserer Zeit gewinnen nicht über mehr Features. Sondern über weniger Reibung: Sie machen Dinge einfacher, zugänglicher und in der Nutzung intuitiver. Beispiele gefällig? Amazon. Netflix. Apple.
Genau das fehlt der Bike-Welt aktuell oft. Denn wir bewegen uns als Branche noch immer in einer Bubble aus technischen Details, „marginal gains“ und isoliertem Denken. Wir reden über Kennlinien, Progression und Motorcharakteristiken, während viele Fahrer schon an den Basics scheitern – nicht aus Dummheit, sondern weil sie nie richtig abgeholt wurden.
Das berühmte „All the Gear, No Idea“ ist deshalb kein Problem der Kunden. Es ist unser Problem. On top denken Hersteller, Vertriebe und Handel oft in Silos und schieben Verantwortlichkeiten gegenseitig weiter.
Denn wir verkaufen Features – aber viel zu selten Fähigkeiten. Die Industrie baut immer bessere Bikes, erklärt den Menschen aber kaum, wie sie ihr Potenzial wirklich nutzen können.
Und ja, als versierter Rider schüttelt man darüber schnell den Kopf. Aber wenn wir ehrlich sind, zeigt genau das auch die Arroganz einer Szene, die sich gern als offen und welcoming versteht, intern aber oft elitärer denkt, als sie zugeben möchte.
Und so stellt sich irgendwann eine unbequeme Frage: Macht uns die Bike-Welt tatsächlich zu besseren Ridern – oder vor allem zu besseren Konsumenten? Wir glauben deshalb: In den nächsten Jahren geht es nicht mehr nur darum, bessere Produkte zu bauen. Es geht darum, sie erlebbarer zu machen. Nicht die letzten zwei Prozent Performance entscheiden – sondern die ersten achtzig.
Kritisieren ist einfach. Dinge wirklich zu verändern, deutlich schwieriger.
Genau daran arbeiten wir gerade – bei unseren Events wie dem 41 Leadership Summit, aber auch in unserer täglichen redaktionellen Arbeit, die gerade einen großen Shift vollzieht.
Und deshalb interessiert uns deine Meinung:
- Wo hast du dich rund um Kauf, Setup oder Service allein gelassen oder enttäuscht gefühlt?
- Wann hat dich eine Marke oder ein Händler positiv überrascht – und warum?
- Wo verlierst du beim Biken unnötig Zeit, Energie oder Nerven, obwohl es eigentlich einfacher sein müsste?
- Wann hattest du zuletzt das Gefühl: „Für dieses Bike habe ich viel Geld bezahlt – aber niemand hilft mir wirklich dabei, es richtig zu nutzen?“
Schreibe uns an robin@41publishing.com. Wir können dir nicht versprechen, auf jede Mail zu antworten. Aber wir lesen jede einzelne – und nutzen sie als Grundlage für unsere redaktionelle Arbeit.
Bloß gute Bikes zu verkaufen, reicht nicht mehr. Solange das Performance Gap so groß ist, werden noch bessere Bikes allein die Probleme der meisten Rider nicht lösen.
Was wir stattdessen brauchen, sind bessere Erlebnisse, mehr Verantwortung und ein System, das Menschen wirklich dabei hilft, das Potenzial ihres Bikes auszuschöpfen. Dann steigen nicht nur Nutzungsdauer, Intensität und Sicherheit, sondern auch Markenloyalität, Bike-Kultur und Community. Und daraus entstehen völlig neue Geschäftsmodelle, stärkere Kundenbeziehungen und neue Möglichkeiten zur Markenpositionierung.
Verlieren werden vor allem diejenigen, die weiterhin glauben, der nächste Technologiesprung allein könne die Probleme dieser Branche lösen.
Gewinnen werden die, die endlich anfangen, bessere Erlebnisse zu schaffen statt nur bessere Produkte zu bauen. Allen voran profitieren: die Rider. Und damit die gesamte Bike-Welt.
Die nächste Evolutionsstufe der Bike-Brands beginnt jetzt.
Words: Robin Schmitt Photos: Peter Walker, Lars Engmann, Benedikt Schmidt


