
Liv verfolgt eine klare Philosophie: Bikes von Frauen für Frauen zu entwickeln. Das bedeutet nicht bloß ein anderes Design: Geometrien, Rahmengrößen und angepasste Anbauteile sollen auf den weiblichen Körper abgestimmt sein. Frauen nutzen beim Biken vermehrt die Beine im Vergleich zum Oberkörper, weshalb Gewichtsverteilung und Handling eine noch wichtigere Rolle spielen.
Mit dem neuen Intrigue Advanced E+ bringen die Entwicklerinnen von Liv das E-Pendant zum analogen Intrigue LT auf den Trail. 160 mm Federweg an der Front, 150 mm am Heck und ein Mullet-Setup aus 29″-Vorderrad und 27,5″-Hinterrad sollen Kontrolle, Wendigkeit und gute Klettereigenschaften verbinden.
Wir haben das 10.000 € teure Topmodell Liv Intrigue Advanced E+ 0 in Größe M auf den abwechslungsreichen Uphill- und Downhill-Trails rund um Livigno getestet. Dabei stellte sich vor allem eine spannende Frage: Ist ein Bike einer Marke mit konsequentem Frauenfokus wirklich nur etwas für Bikerinnen? Oder eignet sich das Bike auch für Männer, wenn Geometrie und Sitzposition zu ihren Körperproportionen passen?
Welche Detaillösungen hat das Liv Intrigue Advanced E+ 0 – Was steckt hinter dem Konzept?
Am Carbonrahmen des neuen Intrigue Advanced E+ fällt sofort die zweifarbige Lackierung ins Auge. Das Finish wirkt durchaus „girly“, hebt sich aber eigenständig von den GIANT-Modellen ab.
Spannender wird es unter der Oberfläche: Der optimierte Maestro-Hinterbau mit 150 mm Federweg – vier Drehpunkte und zwei Links – bringt rund 200 Gramm weniger auf die Waage als der Vorgänger. Laut Liv spart das stolze 6 % an Material ein. Um die volle Maestro-Kinematik trotz Motor zu erhalten, wurde gemeinsam mit Yamaha ein spezielles Motor-Housing entwickelt.
Trotz des deutlichen Leistungs-Upgrades gegenüber dem bisherigen Intrigue Advanced E+ Elite hält Liv das Gewicht niedrig. Der Federweg wächst zwar gegenüber dem Vorgänger vorne und hinten um 10 mm. Dennoch steigt das Frameset-Gewicht laut Hersteller nur geringfügig von 2.643 g auf 2.668 g. Unser Topmodell bringt in Größe M nur 20,2 kg Gesamtgewicht auf die Waage.
Eine wichtige Rolle spielt dabei der vergleichsweise kompakte Akku. Er sitzt vollständig im Unterrohr und lässt sich zum Laden oder Transportieren entnehmen. Zudem ist er klein genug, sodass Liv das Konzept bis zur Rahmengröße XS umsetzen kann. Neben der Aufnahme für eine Trinkflasche beziehungsweise den Range Extender befindet sich ein Tool-Mount am Oberrohr.
Die Leitungen werden sauber durch den Steuersatz geführt. Alternativ hat Liv Cable-Ports ins Oberrohr integriert, die eine klassische Leitungsführung ermöglichen.
Auch beim Rahmenschutz hat Liv mitgedacht: Das Akkucover dient zugleich als Unterrohrschutz und reicht nahtlos vom Motorcover bis zum Steuerrohr. Der großzügig dimensionierte Kettenstrebenschutz reicht weit in Richtung Kettenblatt und schützt den Hinterbau vor Kettenschlägen. Zusätzlich sitzt am unteren Bereich des Sitzrohrs ein Mud Guard, der den Drehpunktbereich zwischen Hauptrahmen und Hinterbau vor Schmutz bewahren soll .
Der hochwertige Ladeport sitzt gut erreichbar auf der linken Seite des Rahmens, seine Abdeckung lässt sich zum Laden leichtgängig zur Seite schieben – gefällt uns.
Was kann der GIANT SyncDrive Pro 4-Motor im Liv Intrigue Advanced E+ 0?
Das Herzstück des E+ Smart Systems bildet der neu entwickelte GIANT SyncDrive Pro 4 auf 48-Volt-Basis. Die Drive Unit wiegt 2,4 kg und liefert Leistungsdaten wie 120 Nm Drehmoment und 850 Watt Leistung. Laut Hersteller bietet sie über 41 % mehr dauerhaftes Drehmoment als die Unit im bisherigen SyncDrive Pro 3X. Besonders interessant für technische Uphills: Das maximale Drehmoment soll laut GIANT bereits 0,28 Sekunden nach dem ersten Pedalimpuls zur Verfügung stehen.
Beim Akku setzt Liv auf den 2,6 kg schweren GIANT EnergyPak Smart mit 560 Wh und 48 V. Durch die kompakten 22700B-Zellen lässt sich der Akku schlank ins Unterrohr integrieren und auch leicht entnehmen. Laut Hersteller ist er nach IPX7 geschützt und auf bis zu 2.300 Ladezyklen ausgelegt.
Geladen wird mit dem GIANT Smart Charger X. Der EnergyPak Smart 560 ist laut Hersteller nach 1 Stunde und 40 Minuten zu 60 %, nach 2 Stunden und 15 Minuten zu 80 % und nach rund 3 Stunden und 40 Minuten vollständig geladen. Der Charger passt Spannung und Ladestrom automatisch an den Zustand des Akkus an.
Wer noch mehr Reichweite benötigt, kann zusätzlich den EnergyPak Plus 280 montieren. Der Range Extender bringt weitere 280 Wh und 1,5 kg mit, wodurch sich beim Intrigue Advanced E+ eine Gesamtkapazität von bis zu 840 Wh ergibt. Er wird an den Flaschenhalteraufnahmen befestigt und besitzt zusätzlich einen USB-C-Anschluss, über den sich externe Geräte laden lassen. Beim Intrigue Advanced E+ 0 ist der Range Extender bereits im Lieferumfang enthalten.
Beim neuen E+ System führt GIANT Motor, Akku, Display, Remote und App auf einer gemeinsamen Plattform zusammen und setzt damit auf ein durchgängig vernetztes System. Die Synchronized Power Matrix nutzt dabei sechs Sensoren: Drehmoment, Trittfrequenz, Geschwindigkeit, Steigung, Leistung und Beschleunigung. Im Vergleich zu anderen Motoren stehen beim GIANT SyncDrive Pro 4 ungewohnt viele Fahrmodi zur Auswahl: Eco, Tour, Active, Sport, Power und Boost. Neben den Modi bietet das System außerdem eine Traction Control, die Hinterradschlupf erkennen und die Motorleistung entsprechend anpassen soll. Alle Modi lassen sich über die RideControl App personalisieren.
Als Schnittstelle zur Fahrerin dienen das im Oberrohr integrierte und gut lesbare RideControl Go Lux-Farbdisplay sowie die kabellose RideControl Ergo 5-Remote am Lenker. Auf dem Display lassen sich unter anderem Akkustand, Unterstützungsmodus, Geschwindigkeit, Restreichweite, Distanz und Trittfrequenz anzeigen. Bis zu zehn Displayseiten mit jeweils vier Datenfeldern können individuell über die App konfiguriert werden.

Auch die Tasten der Ergo 5 lassen sich über die RideControl App programmieren. So können neben den Unterstützungsstufen unter anderem auch der Walk Assist, der Boost Mode und – eine echte Besonderheit – die elektronische Dropper gesteuert werden. Besonders praktisch: Alle wichtigen Funktionen lassen sich so direkt am Lenker bedienen, ohne die Hand vom Griff zu nehmen.
Weitere Features wie Apple Find My sowie der firmeneigene AEGIS E-Lock und AEGIS Tire Checker runden das E+ System sinnvoll ab. Der Tire Checker überwacht den Luftdruck vorne und hinten in Echtzeit und zeigt die Werte über das Go Lux-Display an. Bei schnellem Druckverlust oder wenn der Druck einen individuell festgelegten Wert unterschreitet, gibt er eine Warnung aus.
Die wichtigsten technischen Infos zum GIANT SyncDrive Pro 4-Motorsystem
- max. Leistung: 850 W
- max. Drehmoment: 120 Nm
- Akku: 560 Wh (2,6 kg, 215,4 Wh/kg)
- Gewicht Drive Unit: 2,4 kg
Die Ausstattung des Liv Intrigue Advanced E+ 0
Das getestete Topmodell für 10.000 € lässt kaum Wünsche offen. An der Front arbeitet eine FOX 36 Factory mit 160 mm Federweg und GRIP X-Kartusche. Die Kartusche spart gegenüber der stärker abfahrtsorientierten GRIP X2 Gewicht ein und bietet dennoch ausreichend Einstellmöglichkeiten für den Trail-Einsatz. Am Heck übernimmt ein FOX FLOAT X Factory-Dämpfer die 150 mm Federweg.
Im Topmodell schaltet eine SRAM X0 AXS Transmission mit einer Übersetzungsbandbreite von 520 %. Die Antriebskraft wird von Praxis Type-2 Carbon-Kurbeln mit kurzen 155 mm Kurbelarmen ans Hinterrad geleitet. Eine robuste KMC eFlatHT-Kette soll den laut Hersteller kombinierten Kräften von Mensch und Motor von bis zu 300 Nm Input langfristig standhalten.
Zum Stehen bringen das Liv goldene TRP EVO Pro-Vierkolbenbremsen mit großen 200-mm-Bremsscheiben vorne und hinten. Dazu kommen E-Bike-optimierte GIANT TRX HD-Carbon-Laufräder mit 30 mm Innenweite. Aufgezogen sind vorne ein MAXXIS ASSEGAI in 29 x 2,5″ mit EXO+ Karkasse und 3C MaxxGrip-Gummimischung. Hinten rollt ein MAXXIS Minion DHR II in 27,5 x 2,4″, ebenfalls mit EXO+ Karkasse, jedoch mit der schneller rollenden MaxxTerra-Gummimischung.
Auch beim Cockpit wird im Topmodell nicht gespart: Das GIANT Contact SLR Trail Integrated Full Carbon-Cockpit bringt laut Hersteller nur 255 g auf die Waage. Winkelspacer unter dem Vorbau ermöglichen drei Sweep-Einstellungen: 7°, 8° und 9°. Beim Reach stehen 40, 45 und 50 mm zur Wahl. Auch die Lenkerbreite ist größenabhängig: XS und S kommen mit 760 mm, M und L mit 780 mm. Dazu gibt es Liv Tactal Pro-Griffe und verschiedene Mounts an der Topcap für Actioncams oder Bike-Computer.
Ein sehr gelungenes Ausstattungsmerkmal ist die elektronische GIANT Contact Switch E+ Dropper Post mit 170 mm Hub an unserem Testbike in Größe M. Sie bietet nicht nur ausreichend Bewegungsfreiheit, sondern wird direkt vom E-Bike-System gespeist und benötigt somit keinen separaten Akku. Die Sattelstütze lässt sich direkt über die RideControl Ergo 5 steuern – ein zusätzlicher Remote-Hebel. Dass Liv die SRAM-Schaltung nicht ebenfalls ins E-Bike-System integriert und sie weiterhin auf einen eigenen Akku angewiesen ist, wirkt im Vergleich dazu etwas inkonsequent – schade.
Beim Sattel setzt Liv auf den 155 mm breiten Sylvia SL HD.
Zum Vergleich: Beim GIANT Pendant Trance Advanced E+0 kommt eine schmalere Variante zum Einsatz.
Unser Tuning-Tipp: Unabhängig davon, ob „frauenspezifisch“ auf dem Sattel steht, lohnt es sich, die Breite passend zur eigenen Anatomie zu wählen. Denn nur weil ein Sattel für Frauen entwickelt wurde, passt er nicht automatisch jeder Fahrerin.
Liv Intrigue Advanced E+ 0
Ausstattung
Motor GIANT SyncDrive Pro 4 120 Nm
Akku GIANT EnergyPak 560 Wh
Display GIANT RideControl
Federgabel FOX 36 Factory GRIP-X-Kartusche 160 mm
Dämpfer FOX FLOAT X Factory 150 mm
Sattelstütze GIANT Contact Switch 170 mm
Bremsen TRP Evo Pro 220/200 mm
Schaltung SRAM X0 Eagle Transmission 1x12
Vorbau GIANT Contact SLR
Lenker GIANT Contact SLR 780 mm
Laufradsatz GIANT e-TRX 29"/27.5"
Reifen MAXXIS ASSEGAI / MAXXIS Minion DHR 2.5"/2.4"
Technische Daten
Größe XS S M L
Gewicht 20.2 kg
Besonderheiten
Flip-Chip
Range Extender
elektronischer Reifendrucksensor

Weitere Ausstattungsvarianten des Liv Intrigue Advanced E+ 0
Insgesamt bietet Liv vier Ausstattungsvarianten des Intrigue Advanced E+ an. Sie unterscheiden sich nicht nur in der Lackierung, sondern vor allem bei Fahrwerk, Schaltung, Bremsen und Laufrädern. Preislich reicht die Palette vom Intrigue Advanced E+ 2 für 6.000 € bis zu unserem 10.000 € teuren Topmodell.
Wichtig: Das grundlegende Konzept bleibt dabei immer bestehen. Auch bei den günstigeren Modellen kommen der SyncDrive Pro 4 und der 560-Wh-Hauptakku zum Einsatz. Für 8.000 € gibt es das Intrigue Advanced E+ 1 mit FOX 36 Performance Elite und FOX FLOAT X Performance, elektronischer SRAM GX AXS Transmission, TRP EVO Expert-Bremsen und GIANT e-TRX-Laufrädern.

Das Intrigue Advanced E+ SE für 6.500 € setzt dagegen auf GIANT Crest 36 Elite-Gabel und Crest Flotrac TR-Dämpfer sowie eine mechanische Shimano CUES 1×11-Schaltung. Gebremst wird hier mit TRP EVO Comp-Bremsen, dazu kommen GIANT e-TRX-Laufräder.

Beim Intrigue Advanced E+ 2 für 6.000 € wird nochmals etwas abgespeckt: RockShox Psylo Gold RC-Gabel und Deluxe Select-Dämpfer treffen auf eine mechanische Shimano DEORE 1×12-Schaltung, TRP EVO Comp-Bremsen und ebenfalls GIANT e-TRX Laufräder. Zudem ist es das einzige der vier Modelle, bei dem der 280-Wh-Range-Extender nicht zum Lieferumfang gehört.

Übrigens: Auch GIANT bringt für die kommende Saison ein neues E-MTB auf den Markt: Das Trance Advanced E+ erscheint in mehreren Ausstattungsvarianten. Die Modellpalette reicht dabei vom 6.000 € teuren Trance Advanced E+ 2 bis zum 10.000 € teuren Topmodell E+ 0.

Das Liv Intrigue Advanced E+ 0 im Geometrie-Check
Das Intrigue Advanced E+ kommt in vier Rahmengrößen (XS, S, M, L) und setzt durchgehend auf ein Mullet-Setup mit genug Platz im Rahmendreieck für Range Extender. Liv setzt auf ein Geometrie-Konzept mit steilem Sitzrohrwinkel für effizientes Klettern, einer tiefen Überstandshöhe, kurzen Kettenstreben für Agilität und einem flachen Steuerrohrwinkel mit höherem Stack. Über einen Flip-Chip mit 3 Positionen am Maestro-Umlenkhebel (High/Mid/Low) lassen sich zudem Lenkwinkel, Sitzwinkel und Tretlagerhöhe individuell anpassen.
Für unser Testbike in Größe M stehen im serienmäßigen Mid-Setting folgende Werte auf dem Papier: 452 mm Reach, 1.231 mm Radstand und ein Lenkwinkel von 64,5°. Die Geometrie wächst über die vier Rahmengrößen hinweg sinnvoll mit: Der Reach steigt von 412 mm in XS über 423 mm in S und 452 mm in M auf 477 mm in L. Auch der Radstand nimmt zu – von 1.183 mm in XS bis auf 1.260 mm in L. Die Kettenstreben bleiben mit 443 mm dagegen über alle Größen hinweg konstant kurz – Liv setzt also nicht auf ein größenspezifisch mitwachsendes Heck. Der Stack wächst von 618 mm in XS auf 645 mm in L und sorgt damit bei den größeren Rahmen für eine entsprechend höhere Front.
Die optimierte Einstecktiefe des Sitzrohrs soll zudem ermöglichen, auch in kleineren Rahmengrößen Sattelstützen mit mehr Hub unterzubringen. Die kurzen Kettenstreben sollen für maximale Wendigkeit sorgen und das Anheben des Vorderrads erleichtern. Gleichzeitig optimiert der steilere Sitzrohrwinkel die Gewichtsverteilung beim technischen Klettern.
Spannend ist hier auch die eingangs gestellte Frage nach dem Geschlecht: Ob die Geometrie passt, entscheidet am Ende nicht allein, ob Mann oder Frau auf dem Bike sitzt, sondern vor allem Körpergröße, Proportionen und persönlicher Fahrstil. Wenn Geometrie und Fahrgefühl stimmen, spricht grundsätzlich nichts dagegen, das Liv auch als Mann zu fahren.
| Size | XS | S | M | L |
|---|---|---|---|---|
| Oberrohrlänge | 550 mm | 563 mm | 596 mm | 623 mm |
| Sitzrohrlänge | 380 mm | 400 mm | 425 mm | 450 mm |
| Steuerrohrlänge | 95 mm | 105 mm | 115 mm | 125 mm |
| Lenkwinkel | 64,5° | 64,5° | 64,5° | 64,5° |
| Sitzwinkel | 77° | 77° | 77° | 77° |
| Kettenstrebenlänge | 443 mm | 443 mm | 443 mm | 443 mm |
| Tretlagerabsenkung | 12 mm | 12 mm | 12 mm | 12 mm |
| Radstand | 1183 mm | 1198 mm | 1231 mm | 1260 mm |
| Reach | 412 mm | 423 mm | 452 mm | 477 mm |
| Stack | 618 mm | 627 mm | 636 mm | 645 mm |
Wie fährt sich das Liv Intrigue Advanced E+ 0 auf dem Trail?
Wie ist die Uphill-Performance des neuen Liv Intrigue Advanced E+ 0?
Wir waren wir auf dem Liv Intrigue Advanced E+ 0 in Größe M in den Bergen rund um Livigno unterwegs – auf Enduro- und Schottertrails ohne große Sprünge, dafür mit Sonne im Gesicht. Je nach bevorzugter Sitzposition wäre bei der Körpergröße unserer Tester von 1,70 m auch Größe L eine denkbare Option.
Schon auf den ersten Metern wirkt das Intrigue recht kompakt, was sich auf Dauer aber als angenehm herausstellt. Man sitzt nicht übermäßig gestreckt, sondern komfortabel und dennoch sportlich – mit einer ausgewogenen Position zwischen Vorder- und Hinterrad. Auf entspannten Uphills kann man bequem im Sattel bleiben und das Liv arbeiten lassen. Das Pedalieren fühlt sich rund und angenehm an und auch ein starkes Wippen des Hinterbaus konnten wir nicht feststellen. Weder Gabel noch Dämpfer oder Hinterbau zeigen dabei unnötig viel Bewegung. Gleichzeitig generiert das Heck zusammen mit den Reifen ausreichend Traktion – auch auf losem Untergrund. Der 155 mm breite Frauen-Sattel verursachte im Test allerdings Schmerzen, was einmal mehr zeigt, dass die individuelle Sitzknochenbreite entscheidend bleibt.
Sollte die Reichweite des Hauptakkus auf langen Runden knapp werden, erweist sich der Range Extender als sinnvolle Option. Er lässt sich über eine Hebelhalterung schnell montieren und macht sich beim Fahren bergauf wie bergab in puncto Gewicht kaum bemerkbar. So kann man das Bike im Alltag mit dem Hauptakku fahren und bei Bedarf zusätzliche Reichweite mitnehmen.
Wird es steiler, ist allerdings Körpereinsatz gefragt: Auf dem Sattel nach vorne rutschen und zusätzlich Druck auf den Lenker bringen, damit die Front am Boden bleibt. Durch das leichte Handling gelingt das ziemlich intuitiv. Die kompakte Position hilft dabei, das Gewicht schnell nach vorne zu verlagern.
Mit hoher Kadenz schiebt der Motor selbst im Eco-Modus ordentlich voran. Über die schnell gekoppelte App lassen sich die einzelnen Modi umfangreich individualisieren, was sowohl die Motorcharakteristik als auch die Reichweite spürbar beeinflusst. Hier lohnt es sich definitiv, mit den Einstellungen zu spielen. In technischen Uphills bieten bereits die Modi Tour und Active ausreichend Unterstützung. Der GIANT SyncDrive Pro 4 reagiert schnell und feinfühlig auf den Pedaldruck. Zusammen mit der Traktionskontrolle und den Reifen sorgt er auch auf losem Untergrund für ordentlich Grip. Das sensible Ansprechverhalten fordert jedoch etwas Aufmerksamkeit: Wer auf dem Trail entspannt auf den Pedalen steht und dabei unbewusst etwas Druck auf das Pedal bringt, bekommt eine sehr direkte Rückmeldung vom Antrieb.
Technisch anspruchsvolle Passagen meistert das E-MTB aber nicht komplett allein – fehlende Fahrtechnik kann auch das Liv nicht vollständig kompensieren. Ein leichtes Absenken der Sattelstütze bringt im technischen Uphill jedoch viel Kontrolle.
Im Test sind wir das neue Liv im Low-Setting des Flip-Chips gefahren. Für verblocktes Uphill-Gelände wäre die High-Position vermutlich die bessere Wahl gewesen, um Bodenfreiheit zu gewinnen und Aufsetzer an Hindernissen zu vermeiden.
Neben der sehr guten Performance blieb vor allem die Geräuschkulisse in Erinnerung: Der Motor war auf den Testrunden durchgehend präsent und selbst in der Gruppe kaum zu überhören. Laut Liv soll das Serienmodell hier noch leiser werden. Ansonsten verhält sich das Intrigue Advanced E+ 0 auf dem Trail vorbildlich ruhig und klapperfrei.
Wie fährt sich das Liv Intrigue Advanced E+ 0 bergab?
Bergab vermittelt das Liv Intrigue Advanced E+ 0 dank seiner tief ins Bike integrierten, zentralen Fahrerposition schnell viel Kontrolle. Das Bike wirkt angenehm kompakt und leichtfüßig, gleichzeitig aber satt und stabil. Besonders in steilen Passagen spielt die höhere Front ihre Stärken aus: Man steht gut integriert im Bike und bekommt deutlich weniger das Gefühl, zu weit nach vorne gezogen zu werden.
Auf den wurzeligen und steinigen Trails rund um Livigno zeigte sich das Intrigue Advanced E+ 0 als gelungener Kompromiss aus Agilität und Laufruhe. Es rollt souverän über Wurzeln und Steine, bleibt dabei ruhig auf Kurs und lässt sich trotzdem wendig durch Kurven dirigieren. Gerade auf ruppigen Abfahrten verlangt das Liv allerdings eine aktive Fahrweise und entsprechend Vertrauen in das Bike. Eine kurze Eingewöhnungszeit braucht es deshalb schon – nach wenigen Fahrten steigt das Selbstvertrauen aber spürbar.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Flip-Chip. Im von uns gefahrenen Low-Setting fühlt sich das Intrigue Advanced E+ 0 besonders satt und stabil in Kurven an und vermittelt viel Sicherheit. Der Flip-Chip lässt sich zudem schnell umstellen, sodass es sich lohnt, mit den verschiedenen Positionen zu experimentieren und den Charakter des Bikes an die eigenen Vorlieben anzupassen.
Auch die Bremsen passen gut zum kontrollierten Fahrgefühl: Die TRP EVO Pro überzeugen mit einem klaren, gut dosierbaren Druckpunkt. Fading konnten wir selbst auf längeren Abfahrten nicht wahrnehmen.
Praktisch ist auch die elektronische Sattelstütze. Selbst wenn der Hauptakku so weit entladen ist, dass der Motor keine Unterstützung mehr liefert, lässt sie sich noch bedienen. Das ist ziemlich hilfreich, wenn man oben am Trail steht und die Stütze für die Abfahrt noch schnell versenken möchte. Im Test arbeitete sie schnell und ohne wahrnehmbares Spiel.
Mit der Ergo 5 Remote konnten wir sowohl die Unterstützungsstufen als auch die Höhe der Sattelstütze bequem mit einem Finger bedienen – selbst im Gelände. Da die Tasten allerdings sehr nah beieinander liegen, braucht die Bedienung anfangs etwas Eingewöhnung. So haben wir zu Beginn auch mal versehentlich die Unterstützungsstufe verändert, obwohl wir eigentlich die Sattelstütze bedienen wollten.
Ebenfalls ziemlich cool ist der Tire Checker. Veränderungen des Luftdrucks werden in Echtzeit auf dem Display angezeigt und die Werte waren in unserem Test erstaunlich genau. Gerade wenn man mit unterschiedlichen Reifendrücken experimentiert, ist das praktisch. Auch die Verbindung zur App funktioniert schnell und die Einstellungen lassen sich unkompliziert anpassen.
Das geringe Gesamtgewicht fällt nicht erst auf dem Trail auf, sondern bereits beim ersten Anheben auf den Montageständer. Dazu trägt auch der kompaktere Akku bei, zugleich unterstützt er das leichte Handling. Seine geringere Kapazität macht sich auf längeren Touren allerdings bemerkbar. Hier schafft der Range Extender Abhilfe: Sein zusätzliches Gewicht fällt beim Fahren bergauf wie bergab kaum auf und erweitert den Einsatzbereich deutlich – sei es für eine längere Tour oder einfach noch für die schnelle Zusatzrunde am Abend.
Kurz und knapp: Auf den wurzeligen und steinigen Trails rund um Livigno lieferte das Liv im Test eine starke Vorstellung. Es verbindet spielerische Leichtigkeit mit verlässlicher Stabilität und belohnt einen aktiven Fahrstil mit Fahrspaß. Um die tatsächlichen Grenzen des Bikes auszuloten, wären allerdings mehr Testtage und vor allem steileres und ruppigeres Terrain nötig.
Für wen ist das Liv Intrigue Advanced E+0 das richtige E-MTB?
Ist das neue Liv Intrigue Advanced E+0 also nun ein reines Frauen-Bike? Keineswegs. Das Liv passt zu allen Fahrerinnen und Fahrern, die ein leichtes, wendiges Full-Power-E-MTB mit viel Kontrolle suchen. Die kompakte Position hilft auf technischen Uphills, während die hohe Front und das satte Fahrgefühl bergab Vertrauen vermitteln. Wer gerne am Setup feilt, bekommt zusätzlich viel Spielraum: Flip-Chip, Fahrwerk und Motorcharakteristik lassen sich spürbar an den eigenen Fahrstil und das Terrain anpassen.
Liv entwickelt seine Bikes konsequent auf Basis von Frauen-Feedback – und das spürt man: Das geringere Gewicht, die angenehm abgestimmte Geometrie und speziell gewählte Komponenten wie der passende Sattel spielen Fahrerinnen perfekt in die Karten. Doch auch Männer profitieren von einem leichteren Handling und einem durchdachten Setup. Am Ende zählt schlichtweg, dass Geometrie und Charakter zum Fahrstil passen.
Stark finden wir vielmehr den Ansatz dahinter: Liv entwickelt das Bike konsequent mit und für Frauen und schafft damit einen weiteren Zugang zur Bike-Welt, ohne dass Männer deshalb grundsätzlich außen vor bleiben.
Wer mit diesem E-Bike richtig liegt
- Fahrerinnen und Fahrer, die ein leichtes und wendiges Full-Power-E-MTB für technische Uphills und anspruchsvolle Trails suchen
- Einsteiger/-innen profitieren vom satten, kontrollierten Fahrgefühl
- aktive und erfahrene Fahrer/-innen können das Bike über Flip-Chip, Fahrwerk und Motor-Setup stärker auf einen verspielten Fahrstil abstimmen
- alle, die gerne am Setup feilen und das Bike individuell an Fahrstil und Terrain anpassen
Wer mit diesem Bike weniger harmoniert
- alle, die einen besonders leisen Motor erwarten
Fazit zum Liv Intrigue Advanced E+0
Das Liv Intrigue Advanced E+ 0 überzeugt mit einem leichten, wendigen und zugleich satten Fahrgefühl. Bergauf gefällt die kompakte Position, bergab sorgen die hohe Front und die gute Integration ins Bike für viel Sicherheit. Dazu kommt eine gelungene, übergreifende Systemintegration. Über Fahrmodi und Flip-Chip lässt sich der Charakter des Intrigue zudem vielseitig anpassen. Der einzige echte Störfaktor ist der deutlich hörbare Motor. Für Frauen ist das Liv insgesamt sehr gut geeignet – aber keineswegs nur für sie!
Tops
- leichtes, wendiges Fahrgefühl trotz Full-Power-System
- clevere Systemintegration von Dropper Post, Remote und Tire Checker
- sattes, kontrolliertes Fahrgefühl bergab
- kompakte, angenehme Sitzposition mit guter Kontrolle im Uphill
Flops
- lauter Motor
Weitere Infos zum Liv Intrigue Advanced E+0 findet ihr unter Liv.
Words: Sarah Baumert Photos: Sterling Lorence


