
17,72 kg in Größe S2 | 6.724,00 € | Hersteller-Website
Ocelot? Ozelot? Sollten wir hier eine flinke Katze vor Augen haben, deren kräftigen Gliedmaßen man zunächst gar nicht wahrnimmt? Sodass man durch ihr gutes Klettern und Vorwärtsspringern regelrecht überrascht wird? Bleiben wir aber zunächst am Boden: Instinctiv ist eine niederländische Bike-Brand, die 2017 gegründet wurde und sich zunächst auf Bikes mit Pinion-Getriebe, wie das Instinctiv M9, spezialisiert hat. Neben dem aktuellen analogen Pinion-Modell Kodiak haben die Designer aus Amsterdam dieses Jahr erstmals ein E-Mountainbike vorgestellt – das uns schon auf der EUROBIKE unter die Linse gekommen ist.
Das neue Instinctiv Ocelot 125 ist ein E-Bike, das auf den ersten Blick kaum erkennen lässt, dass ein Motor im Unterrohr steckt. Aufbauen lässt sich das Ocelot komplett über den Konfigurator: Voll-Carbon-Rahmen, 29”-Laufräder und der leichte maxon AIR S-Motor samt fest integriertem 400-Wh-Akku sind dabei immer gesetzt. Bei allen anderen Komponenten hat man die Wahl aus vorgegebenen Parts – alles lässt sich konfigurieren, und entsprechend setzt sich auch der Preis des Bikes zusammen. Den reinen Rahmen inklusive Motor gibt es ab 6.724 €. Das ist klar im oberen Regal angesiedelt, zumal man für diesen Betrag bei vielen Herstellern bereits ganze Komplett-Bikes bekommt.
Unser Testbike ist allerdings ein Sonderfall – ein echter Dream-Build, der das Ocelot trotz Full-Power-Motor auf 17,72 Kilogramm drückt. Also leichtfüßig ja, aber auch auf dem Trail gefährlich wie eine Raubkatze?
Ein Fell, das glänzt – Das Instinctiv Ocelot 125 im Detail
Optik ist nicht alles – aber Hand aufs Herz: Beim Bike-Kauf entscheidet der erste Blick oft stärker als jeder Geometriewert. Hier spielt das Instinctiv Ocelot 125 seine Stärke aus. Es wirkt wie ein analoges Mountainbike – vielleicht noch wie ein Light-E-MTB –, aber keinesfalls wie ein Bike, das laut Datenblatt eigentlich in der Kategorie motorisierter Boliden mit meist über 22 kg spielt. Möglich macht das bei Ocelot der maxon-Motor: kompakt, leicht und fast unsichtbar integriert.


Die schlanke Silhouette in Kombination mit der hellblauen Lackierung bringt einen dem Himmel tatsächlich ein Stück näher. Am Cockpit sind die „Schnurrhaare“ des Ocelot – also die Kabel am Cockpit – ordentlich verlegt: Sie verschwinden sauber durch geklemmte Cable Ports im Steuerrohr, tauchen am Sitzrohr wieder auf und verlaufen dann etwas exponiert weiter in Richtung Sitzstrebe.

Das maxon AIR S-Motorsystem – Der Turbo im Ocelot
Power, Effizienz und Integration – auf diese drei Punkte hat der Schweizer Hersteller maxon beim AIR-S-Motor gesetzt. Und die Zahlen sprechen für sich: 90 Nm Drehmoment, bis zu 620 Watt Spitzenleistung und ein Unterstützungsfaktor von 400 % bewegen sich auf dem Niveau klassischer Full-Power-Aggregaten. Auf dem Papier also ein echter Turbo – nur eben mit einem Gewicht von 2 kg in deutlich leichterer Verpackung. Wenn ihr einen Blick hinter die Tore des Schweizer Unternehmens maxon werfen wollt, schaut unseren Factory-Visit an – dort erfahrt ihr alles über die Entwicklung des AIR-Antriebs.

Da maxon großen Wert auf Integration legt, gibt es das System ausschließlich mit fest verbautem 400-Wh-Akku. Der Hersteller begründet das damit, dass der AIR-S-Motor thermisch sehr stabil und besonders effizient arbeiten soll, wodurch der Energieverbrauch geringer ausfällt und gar nicht erst der Bedarf nach großen Akkukapazitäten entsteht. Für längere Touren bietet maxon zusätzlich einen 250-Wh-Range-Extender an. Den kann man sich im Instinctiv-Konfigurator für 565 € dazu buchen, falls man Reichweiten-Angst verspüren sollte. Der Schweizer Motorenhersteller hat jedoch für alle, die trotzdem einen größeren Akku wollen, eine 600-Wh-Batterie angekündigt, die dem Hersteller dann zur Verfügung steht.
Für die Energieversorgung sitzt der Ladeport zentral über dem Tretlager und wird von einer Gummiabdeckung geschützt. Da ist er zwar gut gegen Dreck abgeschirmt, aber in der Praxis etwas umständlich zu erreichen – man kann eben nicht alles haben.
Beim Ökosystem liegt maxon noch etwas zurück. Das Gehirn der Raubkatze sitzt im Oberrohr und fällt recht spartanisch aus: Power-Button, Fahrmodi-Wechsel und eine simple LED-Anzeige für den Akkustand – mehr gibt’s aktuell nicht. Der Bike-Computer, der an unserem Testbike montiert ist, dient ausschließlich internen Testzwecken. Jedoch arbeitet maxon derzeit an einem eigenen Display, das später in Serie gehen soll. Die drei Fahrmodi lassen sich über die hochwertig verarbeitete und robuste Ring-Remote anwählen, die mit klarem haptischem und akustischem Feedback überzeugt.


Die Ausstattung des Instinctiv Ocelot 125
Beim Ocelot 125 liegt der Fokus klar auf Gewicht – aber bitte ohne Abstriche bei der Performance. Deshalb kommen Parts zum Einsatz, die man im Alltag selten fährt und auf dem Trail noch seltener sieht.
Starten wir an der Front: Hier arbeitet die Intend Edge, eine Upside-Down-Federgabel, die nicht nur anders aussieht, sondern sich auch so fährt – sensibel und mit einem sehr eigenen Charakter. Wer tiefer in die Welt der Upside-Down-Gabeln eintauchen möchte, findet hier mehr Infos. Damit es am Heck nicht hektisch wird, übernimmt der Intend Hover OPT-Dämpfer die Kontrolle. Er bietet umfassende Einstellmöglichkeiten und liefert eine starke Trail-Performance. Allerdings ist das Setup beider Fahrwerkskomponenten sehr umfangreich und wenig intuitiv. Hier braucht es Zeit – und am besten den Setup-Guide von Intend.

Abgerundet wird das Trio von den Intend Trinity-Vierkolbenbremsen, kombiniert mit passenden Bremsscheiben – 200 mm vorne, 180 mm hinten. Von der Performance ordnen wir sie bei einer SRAM Motive ein.
Für die richtige Übersetzung sorgt die SRAM X0 Eagle Transmission – sie wird dank UDH-Standard direkt am Rahmen verschraubt. Ein weiteres Highlight ist der NEWMEN Phase 30 VONOA Trail-Laufradsatz. Felgen wie auch Speichen sind aus Carbon, was das Gewicht nochmal reduziert.

Für das Reifen-Setup haben wir ein paar robuste Modelle gewählt: Vorne rollt ein MAXXIS HighRoller in der robusten Doubledown-Karkasse und mit MaxxGrip-Gummimischung in 29 x 2.4, hinten ein MAXXIS Minion DHR II, ebenfalls in Doubledown und mit der langlebigeren MaxxTerra-Mischung. Das sorgt für viel Grip und ordentlich Kontrolle – wie eine Wildkatze, die sich mit ausgefahrenen Krallen in den Trail krallt. In Serie kommt das Bike mit dem Schwalbe Albert Trail in 29 x 2.50 – vorne in der Gummimischung ADDIX Ultra Soft und hinten mit der etwas härteren ADDIX Soft.

Die verbaute Kind Shock LEV INTEGRA verrichtet ihren Dienst zuverlässig, stößt aber aufgrund des geringen Einstecktiefe des Ocelot an Grenzen. Laut Herstellerangaben lässt sich eine FOX Transfer mit 150 mm Hub in Größe S1 komplett versenken, während eine FOX Transfer mit 180 mm Hub erst ab den Größen S2 und S3 vollständig im Sitzrohr verschwindet. Alles darüber ragt sichtbar aus dem Rahmen heraus.
Instinctiv Ocelot 125
6.724 €
Ausstattung
Motor maxon AIR DRIVE S 90 Nm
Akku maxon 400 Wh
Federgabel Intend Edge 160 mm
Dämpfer Intend Hover Opt. 125 mm
Sattelstütze KS Lev Integra ? mm
Bremsen Intend Trinity 200/180 mm
Schaltung SRAM X0 Eagle AXS Transmission 1x12
Vorbau NEWMEN Evolution SL mm
Lenker NEWMEN Advanced mm
Laufradsatz NEWMEN Phase 30 Vonoa Trail 29"
Reifen MAXXIS High Roller, MaxxGrip, DoubleDown / Minion DHR II, MaxxTerra, DoubleDown 2,4“
Technische Daten
Größe S1 S2 S3
Gewicht 17,72 kg
Zul. Gesamtgewicht 120 kg
Anhänger-Freigabe nein
Ständeraufnahme nein
Besonderheiten
Tool Mount
Range Extender

Schuhe Ride Concepts Accomplice Clip
Die Geometrie des Instinctiv Ocelot 125
Aller guten Dinge sind drei: Instinctiv bietet das Ocelot in drei Größen an, die Fahrer und Fahrerinnen mit einer Größe von 160 bis 200 cm abdecken sollen. In Größe S2 stehen ein Reach von 480 mm und ein Stack von 640 mm auf dem Datenblatt – moderne Werte, auch wenn der Stack auf dem Papier relativ gering ist. Die 445-mm-Kettenstreben sind durchschnittlich und sollen dem Bike einen ausgewogenen Mix aus Laufruhe und Agilität verleihen. Der 64°-Lenkwinkel fällt flach aus und verspricht Stabilität bei höherem Tempo, während der 77,1°-Sitzwinkel angenehm steil ist und eine effiziente Tretposition in der Ebene wie auch im Uphill ermöglicht.
| Größe | S1 | S2 | S3 |
|---|---|---|---|
| Oberrohr | 599 mm | 627 mm | 655 mm |
| Sattelrohr | 410 mm | 430 mm | 450 mm |
| Steuerrohr | 115 mm | 125 mm | 135 mm |
| Lenkwinkel | 64,5° | 64,5° | 64,5° |
| Sitzwinkel | 77,2° | 77,1° | 77,0° |
| Kettenstrebe | 445 mm | 445 mm | 445 mm |
| BB Drop | 26 mm | 26 mm | 26 mm |
| Radstand | 1.236 mm | 1.265 mm | 1.295 mm |
| Reach | 455 mm | 480 mm | 505 mm |
| Stack | 631 mm | 640 mm | 650 mm |
Das Instinctiv Ocelot 125 auf dem Trail
Schon beim Aufsteigen zeigt das Ocelot 125, wohin die Reise geht: Die Sitzposition fällt sportlich aus, das Gewicht verteilt sich gut zwischen Händen und Gesäß. Auf dem Trail fühlt man sich sofort leichtfüßig unterwegs – das geringe Systemgewicht macht sich auf Anhieb bemerkbar. Geht es bergauf, zeigt das Ocelot überraschend souveräne Klettereigenschaften. Auch auf anspruchsvollen Uphill-Trails wird man mit solider Traktion belohnt. Allerdings neigt der Hinterbau im Wiegetritt etwas zum Wippen, was sich mechanisch nicht wegfiltern lässt, da der Intend Hover-Dämpfer keinen Climb Switch besitzt. Doch das geringe Bike-Gewicht kompensiert diesen Nachteil, der bei einem schweren E-MTB deutlich größer wäre.
Der Motor ist hier der wahre Star: Der maxon AIR S arbeitet extrem leise, setzt sanft ein und fühlt sich dennoch verdammt kraftvoll an. Unter Last wird er hörbar, bleibt aber angenehm tief im Frequenzbereich. An der 25-km/h-Grenze ist der Übergang butterweich, so lässt sich das Bike sogar ohne Unterstützung sehr gut pedalieren. Einzig beim Anfahren braucht der Motor etwas Nachdruck, und im vollen Turbo-Modus sprintet er nicht so explosiv los wie manche Full-Power-Systeme. Das kann im technischen Uphill aber sogar von Vorteil sein, wo sich die Motorleistung des Maxon präzise und vorhersehbar über die Eigenleistung modulieren lässt. Wer alles herauskitzeln möchte, muss aber selbst auf Drehzahl kommen. Der maxon AIR S belohnt das, indem er in Schlüsselstellen die notwendige Motorleistung liefert, um selbst schwierige Uphill-Segmente zu meistern.
Sobald es bergab geht, zeigt das Ocelot seine zweite Seite – und die ist deutlich fordernder. Durch die niedrige Front fühlt man sich auf steilen, ruppigen und schnellen Trails wenig ins Bike integriert und vermisst etwas Sicherheitsempfinden. Das erfordert eine erfahrene Hand in der Abfahrt, um an den richtigen Stellen genug Vertrauen und Grip zu generieren. Einfach aufsteigen und „mitfahren“ ist nicht das Steckenpferd des Instinctiv Ocelot 125, was in der Federwegsklasse aber auf ruppigen Trails auch selten der Fall ist. Wer das Ocelot sicher bewegen will, muss aktiv fahren und die Raubkatze konsequent am Nackenfell packen.
Das Fahrwerk bleibt insgesamt hinter den Erwartungen zurück: Der Hinterbau sitzt tief im SAG, wirkt träge und liefert wenig Pop. Die Bremstraktion ist nur mittelmäßig. In Kombination mit extrem leichten Laufrädern und wenig dämpfenden Griffen (nur in unserem Custom-Aufbau) wirkt das Bike im technischen Gelände nervös und vermittelt wenig Sicherheit. Spurtreue ist nicht die große Stärke dieses Setups. Dafür punkten die Intend Trinity-Bremsen mit überzeugender Dosierbarkeit und genug Reserven, wenn man sich vor dem 6-Meter-Gap nochmal anders entscheidet.
So fühlt sich das Ocelot auf weniger anspruchsvollen Tracks definitiv wohler. Hier zahlt sich das geringe Gewicht aus: Das Bike wirkt schnell, verspielt und zieht leichtfüßig durch Kurven. Die Reifen rollen schnell, und der Motor fügt sich harmonisch ein, wenn man aus der Kurve beschleunigt.
Für wen ist das Instinctiv Ocelot 125, für wen nicht?
Das Instinctiv Ocelot 125 richtet sich an Design-Liebhaber, Minimalisten und ausgesprochene Weight Weenies. Mit nur 17,72 kg gehört es zu den leichtesten Full-Power-E-Mountainbikes auf dem Markt – ein Wert, der in dieser Kategorie seinesgleichen sucht. Wer genau das sucht, wird hier fündig: ein extrem leichtes, Motorsystem sauber ins E-MTB integriert, das optisch nah am Bio-Bike bleibt und beim ersten Anheben beeindruckt.
Das Ocelot 125 richtet sich an Fahrer und Fahrerinnen, die Flowtrails mögen, aktiv unterwegs sind und ein agiles, wendiges Handling bevorzugen. Auf langen Touren und in technischen Uphills spielt das geringe Gewicht zusammen mit dem natürlichen Motorcharakter seine Stärken aus. Weniger passend ist es für alle, die bergab ein ruhiges, sattes Fahrgefühl erwarten oder oft im rauen, verblockten Gelände fahren – hier fordert das leichte Setup seinen Tribut und mehr Aufmerksamkeit.
Fazit zum Instinctiv Ocelot 125
Mit dem Ocelot 125 hat Instinctiv eine waschechte Turbokatze geschaffen: bergauf leichtfüßig, leise und flink mit dem starken maxon-Motor, der selbst auf technischen Uphills kraftvoll unterstützt. Bergab fühlt sich das Ocelot vor allem auf Flowtrails wohl – es zeigt sich agil, verspielt und schnell. Wird das Terrain anspruchsvoller, zieht die Turbokatze ihre Krallen ein und verlangt eine erfahrene Hand. Dennoch bleibt das E-Mountainbike ein klarer Vorreiter im Leichtbau und spricht besonders all jene an, die auf jedes Gramm achten und saubere Integration schätzen.
Tops
- verdammt leichtes Full-Power-E-Bike
- auf Flowtrail agil und schnell
- kraftvolles maxon-Motorsystem
- schicke Optik
Flops
- kommt im anspruchsvollen Gelände ans Limit
- kein Climb Switch am Dämpfer
Mehr Information findet ihr unter Instinctiv Bikes.com
Words: Robin Ulbrich Photos: Benedikt Schmidt



