Es gibt Garagen. Und es gibt Garagen.
Manche riechen nach frischer Farbe und ordentlich sortierten Werkzeugkästen. Andere nach Benzin und Rasenmähern. Die Garage von Wade Simmons riecht nach Kettenöl, frischen Reifen und Mountainbike-Geschichten. Zwischen zwei Montageständern lehnt ein altes Rocky Mountain, daneben stehen Wades Motocross-Bike, Skier und Kartons voller Ersatzteile. Auf einer Werkbank liegen hunderte Schrauben. Oder tausende. Vermutlich nur ihr Besitzer weiß noch, wo sie hingehören. Wir suchen einen 8er-Inbus. „Just help yourself”, sagt Wade und zeigt auf die Werkbank. Wir bekommen das Gefühl, dass an diesem Ort seit Jahren nicht nur Bikes repariert, sondern auch Ideen geschmiedet, Geschichten weitererzählt und die nächsten Abenteuer geplant werden.
Erstmal den Garten gießen
Wade gehört zu Rocky Mountain wie das Ahornblatt zu Kanada. Der „Godfather of Freeride” ist auch das soziale Scharnier einer ganzen Szene an der Shore. Doch vor allem ist er ein Typ ohne jede Allüre. Nachdem wir nach unserem gemeinsamen Ride gestern bei ihm übernachtet haben, klopft es am nächsten Morgen früh an der Tür.
Die Morgen-Crew rollt an: Margus Riga, der Fotograf, Eric Lawrence (Lornny) mit seiner Kamera, dazu Ken, Lyle und Tom – die Produktmanager von Rocky Mountain. Typen, die vormittags Geometrietabellen zeichnen und nachmittags die Testräder durch den Dreck jagen. Wir kontrollieren noch schnell unseren Luftdruck. Der Nächste dreht zwei Klicks Zugstufe auf. Ein Dritter sucht seinen Helm. Währenddessen gießt Wade den Garten. Luna, seine Hündin, spaziert zwischen den Bikes hindurch, als hätte sie schon Hunderte solcher Tage erlebt.
Niemand spricht darüber, wann wir endlich losfahren und trotzdem stehen fünfzehn Minuten später alle fertig auf ihren Bikes. Scheint ein ganz normaler Freitag hier zu sein.


Willkommen auf der North Shore – Wo Mountainbiken nie aufgehört hat, Nachbarschaft zu sein
Vancouver besitzt zwei Gesichter. Vor der Haustür liegt der Pazifik. Hinter der Stadt ragen Berge in den Himmel. Dazwischen verkehren Fähren, spiegeln sich Wolkenkratzer im Wasser und es beginnt einer der dichtesten Regenwälder, die wir je mit dem Bike erlebt haben. Die Menschen hier drehen ihre Feierabendrunde dort, wo andere ihren Bucket-List-Traum abhaken. Kaum irgendwo gehen Großstadt und Wildnis so nahtlos ineinander über. Der Asphalt endet. Das Moos beginnt.
Die Rocky Mountains liegen hunderte Kilometer östlich. Rocky Mountain Bicycles dagegen entstand exakt hier, im Keller eines Bikeshops in Vancouver, wo drei Freunde, Grayson Bain, Jacob Heilbron und Sam Mak, Ende der Siebziger begannen, ihre Rennräder mit dickeren Reifen, geraden Lenkern und robusteren Komponenten für die Trails der Shore umzubauen. 1981 wurde daraus eine eigene Marke. Der Name, sagt man, kam Bain im Flugzeug, als er über die schneebedeckten Gipfel des kanadischen Westens blickte. Mehr als vier Jahrzehnte später hat Rocky Mountain längst Kultstatus erreicht, Krisen und Insolvenz überstanden und unter neuen Eigentümern ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen. Was unberührt bleibt, ist die DNA: Die North Shore ist nicht nur die Wiege der Brand, sondern bis heute der Prüfstand ihrer Bikes.
Bier schmeckt besser auf Baumstämmen
Riesige Red Cedars ragen wie Kathedralen in den Himmel, der Boden ist tief, dunkel und weich. Wir kurbeln höher und höher, rollen zwischendurch kurz bergab über Jump-Lines, die die Kids aus der Nachbarschaft gebaut haben und bis heute pflegen. Überall steckt Arbeit im Wald. Nicht von Maschinen, sondern von Menschen, die ihre Freizeit investieren, damit der nächste Ride noch ein bisschen besser wird.
Irgendwann fällt uns auf, dass hier erstaunlich viel Holz im Wald liegt, aber selten dort, wo es die Natur vorgesehen hat. Die berühmten Holzkonstruktionen entstanden nämlich nicht, weil jemand besonders spektakuläre Fotos machen wollte. Sie waren anfangs schlicht die einzige Möglichkeit, den feuchten Küstenregenwald zu durchqueren. Wo der Boden im Schlamm versank, legten die ersten Rider Baumstämme aus. Daraus wurden Stege, später Brücken und schließlich die legendären Skinnies, die bis heute das Bild der North Shore prägen.
Nach einer guten Stunde bleibt Wade stehen. Grinst. Und zieht aus seinem Rucksack fünf eiskalte Bier hervor. Natürlich. Was denn sonst? An der North Shore gehören Bierpausen offenbar genauso selbstverständlich zum Trail wie Wurzeln, Felsen und Holzbrücken. Wir setzen uns auf einen umgestürzten Baum, stoßen an und die Jungs erzählen Storys. Margus berichtet von seinem Puma-Angriff letztes Jahr, es geht um das kommende Hardline-Event auf Cypress, den World Cup auf dem 1199-Track und Crankworx. „It’s going to be good!”, sagt Wade.
Wade lehnt sich zurück und blickt durch das dichte Blätterdach nach oben. Früher, erzählt er, sei jeder, der Mountainbiken erleben wollte, an die Shore gekommen. Heute fahren viele direkt weiter nach Squamish, Whistler oder Pemberton. Der große Hype der 90er- und frühen 2000er-Jahre sei weitergezogen. „Aber die Shore hat ihren Charakter nie verloren“, sagt er. „Die Trails sind heute noch genauso brutal und ehrlich wie damals.“ Was geblieben ist, sind die Menschen und Trails, die schon immer hier waren und genau das macht die Shore heute vielleicht wieder so besonders.
Später, als wir wieder in die Pedale treten, fällt noch ein Satz, der uns den Rest des Tages im Kopf bleibt: „We actually love loam climbs.“ Und uns wird klar, warum Mountainbiken an der North Shore anders funktioniert. Hier ist der Uphill kein notwendiges Übel auf dem Weg zur Abfahrt. Er ist Teil des Erlebnisses.
„You wanna be famous?”
Mitten im Wald kommt uns ein Mann entgegen. 86 Jahre alt. Schubkarre vor ihm, Schaufel in der Hand. Nicht zum Wandern. Nicht zum Pilzesammeln. Zum Trailbauen.
„Hey Peat!” Jeder in der Gruppe kennt ihn.
Seit Jahrzehnten baut Peat Trails an der North Shore – frei von Bezahlung, Ego oder dem Wunsch nach Anerkennung. Seine einzige Motivation ist die pure Leidenschaft dafür, dass wir Biker auf der Shore die beste Zeit unseres Lebens haben. Während andere ihren Ruhestand genießen, zieht er fast täglich in den Wald, räumt Äste aus dem Weg, repariert Anlieger, schaufelt Drainagen frei und hält die Trails am Leben.
Vielleicht hält Mountainbiken tatsächlich jung. Oder es ist einfach der Shore-Schlamm, der konserviert?! 😉
Genau von solchen Menschen lebt Mountainbiking. Von den Namen, die nie auf Podien stehen, aber dafür sorgen, dass Generationen von Ridern überhaupt etwas haben, worauf sie fahren können.
Oben angekommen, öffnet sich das dichte Nadeldach für einen kurzen Moment. Sonnenstrahlen brechen durch die Baumkronen und weit unter uns glitzert die Skyline von Vancouver in der Nachmittagssonne. Kaum zehn Kilometer Luftlinie trennen Glasfassaden und dichten Nadelwald und trotzdem fühlen sich beide Welten an, als lägen sie Kontinente auseinander. Die Luft hier oben riecht nach dem süßlichen Duft alter Zedern.
Sattelstütze runter. Ein letzter Blick. Drop-in.
Was folgt, ist eine Rauschfahrt der Sinne. Die Stollen der Reifen beißen in den tiefen Boden, nasser Loam spritzt in Brocken gegen die Schienbeine und unser Lachen hallt durch den Wald. „Joooo!“… Wahrscheinlich Wade. Vielleicht auch wir. Schwer zu sagen. Wir fliegen über schmale Holzelemente, rutschen kontrolliert über feuchte Granitplatten und surfen durch engste Baumslaloms.
Holz. Loam. Fels. Wurzeln.
„Wooooah!“ Zentimeter knapp am Totholz vorbei geschossen, knallen wir über harte Felsstufen und tauchen mit Vollgas in tiefe Kompressionen ein. Das Fahrwerk arbeitet, der Wald rauscht vorbei. Denken? Später. Voll im Flow. Vorne gibt Wade den Takt an. Hinter uns hört man Lyle und Lornny nur lachen. Wir lachen auch.
Mitten im Nirgendwo halten wir an. Vor uns wartet ein Feature, das eher nach Mutprobe als nach Trail aussieht. Eine lange, wackelige Holzbrücke führt hoch auf das Dach eines frei stehenden Boulders. Von dort führt eine fast senkrechte Felsrinne runter, direkt in eine Landung im Unterholz.
Wade dreht sich grinsend zu uns um.
„You wanna be famous, Bene?”
Wir schauen auf das Holz. Auf den Fels. Auf die Landung, die man erst sieht, wenn es längst zu spät ist.
„Maybe next time”.
Wir lachen. Vernunft schlägt Ego. Stattdessen droppen wir gemeinsam in die parallele Loam-Line, werfen uns von Anlieger zu Anlieger und grinsen uns unten im Wald wortlos an.
Käse auf Knieschonerhöhe …
Wir rollen die letzten Kilometer runter, klatschen uns unten grinsend ab und lassen die Trails hinter uns. Wenig später stehen die Bikes wieder vor Wades Garage. Luna kommt schwanzwedelnd angelaufen und auf der Kühlbox – gefüllt mit Bier – stehen Käse, Cracker und ein paar Snacks. Die Sonne verschwindet langsam hinter den Bergen, Gespräche wechseln mühelos zwischen Bikes, alten Geschichten und den Plänen fürs anstehende Wochenende.
Niemand schaut auf die Uhr und fragt, wie viele Höhenmeter wir gefahren sind. Wir sitzen einfach zusammen. Müde, dreckig und mit diesem Gefühl, das sich nach einem richtig guten Ride einstellt. Zufrieden, glücklich, irgendwie angekommen.
„Cabin crew, prepare for take-off”
Die Stimme aus dem Cockpit klingt routiniert. Zwei Tage später befindet sich derselbe Helm wieder in unserem Handgepäck im Flugzeug. Die Schuhe riechen noch immer nach Loam. Wir greifen nach oben ins Gepäckfach, um uns meine Mütze für ein bisschen Schlaf zu holen. Als wir sie ausschütteln, fällt etwas auf den Klapptisch: eine einzelne, trockene Zedernadel. Wenig später blicken wir durch das kleine Fenster auf die Wolken unter uns. Es braucht nicht viel, um gedanklich wieder mitten im kanadischen Unterholz zu stehen – zwischen ausgetretenen Wurzeln, Wades Garage und dem Geruch von frischem Loam.
Wo Garagentore offen stehen
Es ist leicht zu glauben, ein perfekter Tag auf dem Bike würde von einem bestimmten Ort, den richtigen Bedingungen oder dem leistungsstärksten Motor abhängen. Denn selbst auf dem krassesten Trail und mit dem perfekten Bike kann man eine ziemlich beschissene Zeit haben.
Die besten Erinnerungen entstehen dort, wo Garagentore in der Community offenstehen. Wo jemand mit 86 noch die Schaufel schwingt, damit Fremde von morgen die Zeit ihres Lebens haben. Wo man sich weniger den Kopf über Technik zerbricht und stattdessen einfach Teil einer Gruppe wird und gemeinsam losfährt.
Diese ungezwungene Art, Rad zu fahren und draußen zu sein, ist am Ende so viel mehr wert, als sich ständig selbst oder sein Material optimieren zu wollen.
Als wir zwei Tage später wieder im Flugzeug saßen, hatten wir das Gefühl, nicht Vancouver zu verlassen.
Sondern Freunde.
Words: Benedikt Schmidt Photos: Margus Riga


