Haibike, Lapierre, Ghost & Co vor dem Aus? Accell Group leitet Insolvenzverfahren ein
Die Rettung der Accell Group schien bereits beschlossen
Noch Anfang Juli deutete alles auf einen erfolgreichen Verkauf hin. Die singapurische DuTech Group wollte Accell übernehmen, das Bundeskartellamt sowie die Wettbewerbsbehörden in Österreich und Polen hatten die Transaktion bereits freigegeben. Eigentlich fehlte nur noch der Vollzug des Deals. Warum dieser letztlich scheiterte oder nie abgeschlossen wurde, ist bislang unklar. Weder Accell noch DuTech haben sich dazu bislang öffentlich geäußert.

Es ist eine Nachricht, die uns in der Redaktion besonders trifft. Nicht nur, weil Haibike seit vielen Jahren ein enger Begleiter des E-MOUNTAINBIKE Magazins ist und wir zwischen 2012 bis 2016 viel für die Etablierung des E-MTBs taten als es noch extrem viel Gegenwind und auch Hass aus Industrie und der Szene gab. Sondern auch, weil mit Haibike gerät ausgerechnet einer der Pioniere des modernen E-Mountainbikes ins Straucheln. Mit dem 2010 vorgestellten Haibike eQ XDURO schufen die damaligen Geschäftsführer Susanne und Felix Puello eine völlig neue Bike-Kategorie – und legten damit den Grundstein für den heute größten Wachstumsmarkt der Fahrradindustrie. Auch andere Marken des Konzerns haben für die Branche einiges an Pionierarbeit geleistet. Zu Accell zählen aktuell Marken wie Haibike, Ghost, Lapierre, Winora, Raleigh, Batavus, Sparta, Koga, Carqon und Babboe.
Bereits 2002 übernahm die niederländische Accell Group die Winora Group mit ihren Marken Haibike und Winora. Lange blieb das Unternehmen jedoch von Schweinfurt aus eigenständig geführt. Erst 2017, als Accell die Zentralisierung forcierte, kam es zum Bruch: Wegen “unüberbrückbarer Differenzen” mit der neuen Konzernstrategie verließen Susanne und Felix Puello das Unternehmen, das sie über Jahrzehnte aufgebaut und mit Haibike zum Pionier des modernen E-Mountainbikes gemacht hatten. Accell setzte in den folgenden Jahren zunehmend auf Zentralisierung und Konzernstrukturen.
Vom Corona-Gewinner zum Sanierungsfall
Während des Corona-Booms galt Accell als einer der großen Gewinner der Fahrradbranche. 2022 übernahm der Finanzinvestor KKR den Konzern für rund 1,8 Milliarden Euro – in der Erwartung, dass der E-Bike-Markt weiter rasant wachsen würde. Doch die Rechnung ging nicht auf. Nach dem Boom brach die Nachfrage schneller ein als erwartet, Händler blieben auf hohen Lagerbeständen sitzen und der Markt rutschte in eine Rabattschlacht. Gleichzeitig musste Accell hohe Abschreibungen auf Lagerbestände verkraften. Accell ist dabei kein Einzelfall. Die gesamte Fahrradbranche kämpft seit dem Ende des Corona-Booms mit Überkapazitäten, hohen Lagerbeständen und einem massiven Margendruck.
Es folgten einschneidende Restrukturierungen. Mit dem Programm “One Accell” wurden Funktionen zentralisiert, Standorte zusammengelegt und Stellen abgebaut. Parallel strukturierten die Eigentümer die Schulden mehrfach um und stellten zusätzliches Kapital bereit. Im Februar 2026 übernahmen schließlich die Kreditgeber die Kontrolle von KKR und kündigten eine Rekapitalisierung an. Im Juli 2026 schien mit dem Verkauf an die DuTech Group bereits die nächste Rettung greifbar – doch auch dieser Deal scheiterte. Heute ist klar: Keiner der Rettungsversuche konnte den Konzern stabilisieren.

Interne Mail bestätigt Insolvenz der Accell Group
In der internen Mitteilung an die Belegschaft erklärt CEO Jonas Nilsson, dass der Vorstand nach intensiver Prüfung aller Optionen die Entscheidung getroffen habe, ein Insolvenzverfahren einzuleiten. Gleichzeitig wurden die Mitarbeiter aufgefordert, sich nicht gegenüber Medien oder anderen externen Stellen zu äußern.
Wie geht es jetzt mit der Accell Group weiter?
Die eingeleitete niederländische “Suspension of Payments” bedeutet nicht automatisch das Aus für Accell oder seine Marken. Das Verfahren soll zunächst Zeit für eine Restrukturierung schaffen. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Warum platzte der bereits weit fortgeschrittene Verkauf an DuTech? Gibt es noch Investoren für Accell oder einzelne Marken? Wie geht es mit Haibike, Ghost und Lapierre weiter? Wir bleiben an dem Thema dran und aktualisieren den Artikel, sobald neue Informationen vorliegen.
Words & Photos: Robin Schmitt


