Mit dem neuen X1P präsentiert Gobao auf der EUROBIKE 2026 einen der aktuell spannendsten Antriebe. Statt Motor, Schaltung und Antrieb als einzelne Komponenten zu betrachten, verschmilzt der chinesische Hersteller alles zu einem einzigen System. Das Ergebnis: ein E-CVT-Antrieb mit integrierter Getriebeeinheit, automatischer Übersetzungsanpassung, Riemenantrieb und Schnellladetechnologie, die selbst aktuelle Systeme von Specialized, Avinox oder Bosch alt aussehen lassen könnte.
Warum der Gobao X1P die Branche aufhorchen lässt
Im Zentrum des Systems sitzt der neue Gobao X1P. Die nur 3,8 kg leichte Motor-Getriebe-Einheit vereint Antrieb und Schaltung in einem gemeinsamen Gehäuse und liefert laut Hersteller bis zu 150 Nm Drehmoment sowie 1.500 Watt Spitzenleistung. Laut Gobao soll die nächste Version sogar das Gewicht auf beachtliche 3,5 kg drücken. Gleichzeitig bietet das System eine stufenlose Übersetzungsbandbreite von bis zu 500 %, welche aber auch problemlos laut Gobao auf bis zu 600 % angepasst werden kann.
Anders als bei klassischen Schaltungen existieren keine festen Gänge mehr. Stattdessen passt die Elektronik die Übersetzung permanent an Trittfrequenz, Leistung und Gelände an. Wer dennoch nicht auf das gewohnte Ganggefühl verzichten möchte, kann sich virtuelle Schaltstufen simulieren lassen. Eine weitere spannende Funktion konnten wir bereits am neuen Hepha Urban X testen. Der Motor ermöglicht gezielte Rekuperation und verzögert das Bike sanft, sobald ihr aufhört zu treten. Durch Rückwärtstreten lässt sich die Bremswirkung sogar weiter erhöhen. In der Praxis funktioniert das bereits überraschend gut und sorgt vor allem auf längeren Abfahrten für einen spürbaren Mehrwert. Für ein wirklich natürliches Fahrgefühl braucht das System in einigen Situationen wie zum Beispiel in Kurven noch etwas Feinschliff.
Was ist ein E-CVT-System überhaupt?
E-CVT steht für Electronic Continuously Variable Transmission. Vereinfacht gesagt kombiniert das System Motor und stufenloses Getriebe zu einer Einheit. Anstatt zwischen festen Gängen zu wechseln, verändert das System die Übersetzung permanent und praktisch unmerklich. Das Ziel: immer die optimale Kadenz, egal ob steile Rampe, technische Kletterpassage oder Sprint auf dem Forstweg. Für Fahrende fühlt sich das an, als stünden unendlich viele Gänge zur Verfügung. Meist sind auch Autoshift-Funktionen verfügbar, die im gleichen Zug einem das Schalten vollständig abnimmt.
Bei Systemen wie der Owuru Gearbox, Avinox MG und dem Gobao X1P arbeitet im Inneren ein Planetengetriebe mit zwei Elektromotoren. Einer verändert das Übersetzungsverhältnis und bestimmt damit, wie leicht oder schwer sich die Kurbel treten lässt. Der zweite regelt die Motorunterstützung. Gemeinsam sorgen beide dafür, dass Übersetzung und Antriebskraft permanent optimal auf die Fahrsituation abgestimmt werden.
Kritik entzündet sich bei E-CVT-Systemen meist weniger an den mechanischen Komponenten als vielmehr an der elektronischen Abstimmung, möglichen Effizienzverlusten sowie dem Ansprech- und Antrittsverhalten.
Erster Fahreindruck zum neuen Gobao X1P
Wir konnten den X1P bereits rund um die EUROBIKE in Frankfurt fahren. Und auch wenn es sich noch nicht um ein Serienprodukt handelt, hinterlässt das System einen erstaunlich ausgereiften Eindruck.
Besonders auffällig ist die unmittelbare und definierte Kraftentfaltung. Schon bei niedriger Kadenz liegt viel Drehmoment an und das Bike beschleunigt extrem schnell, dennoch kontrolliert auf die Unterstützungsgrenze von 25 km/h. Weil keine Gangwechsel stattfinden, bleibt die Kraftentfaltung jederzeit konstant und super smooth. Auch die Anfahrvorgänge sind sehr leichtgängig und definiert.
Noch beeindruckender ist allerdings die Geräuschkulisse. Während viele Getriebesysteme unter Last hörbar arbeiten, bleibt der Gobao-Antrieb überraschend leise. Erst bei Trittfrequenzen oberhalb von etwa 100 U/min wird ein leichtes elektrisches Surren wahrnehmbar. Gerade im direkten Vergleich mit aktuellen Getriebesystemen wirkt der X1P bereits bemerkenswert seriennah. Dennoch stehen Themen wie Effizienz und Langzeit-Haltbarkeit noch im Raum. Auch das Ansprechverhalten und das Pedaliergefühl könnten bis zur Serienreife noch etwas Feinschliff vertragen. Das riesige Potenzial des Systems ist jedoch schon jetzt klar.
Gobao haben wir übrigens schon im Frühjahr besucht: Im Headquarter erhielten wir spannende Einblicke in die Entwicklung des Systems, die Fertigung und die strategische Ausrichtung des Unternehmens.
Kein Schaltwerk, kein Kettenverschleiß, weniger Wartung
Der X1P wurde von Beginn an für Gates-Carbon-Riemenantriebe entwickelt. Kassette, Schaltwerk, Schalthebel und Schaltzüge entfallen komplett. Dadurch sinkt nicht nur der Wartungsaufwand, sondern auch die ungefederte Masse am Hinterbau.
Laut Gobao hält der Gates-CDX-Riemen zudem etwa dreimal länger als ein klassischer Kettenantrieb. Gleichzeitig verspricht das System einen nahezu wartungsfreien Betrieb.
Supercharging: Laden in unter 30 Minuten
Genauso spannend wie der Motor selbst ist die neue Schnellladetechnologie. Mit einer Ladeleistung von bis zu 1.500 Watt verspricht Gobao extrem kurze Ladezeiten: Der 500-Wh-Akku soll laut Hersteller bereits nach 24 Minuten zu 80 % geladen sein, der 750-Wh-Akku nach 28 Minuten und der 900-Wh-Akku nach nur 32 Minuten. Damit würde das System aktuelle E-Bike-Antriebe deutlich übertreffen. Zum Vergleich: Für eine Ladung auf 80 % benötigt ein Bosch PowerTube 800 rund 2,5 bis 3 Stunden, während Avinox für seinen 800-Wh-Akku etwa 2 Stunden und 20 Minuten mit dem 12-A-Ladegerät benötigt.
Auch bei Gewicht und Energiedichte setzt Gobao ambitionierte Akzente. Der 500-Wh-Akku soll lediglich 2,6 kg wiegen, der 750-Wh-Akku 3,6 kg und der 900-Wh-Akku 3,7 kg. Letzterer wäre damit sogar rund 300 Gramm leichter als der 800-Wh-Akku des Avinox-Systems – trotz höherer Kapazität. Das passende Ladegerät fällt trotz seiner hohen Leistung von 1,5 kW, 30 Ampere und 52 Volt mit rund 1,2 kg vergleichsweise kompakt und leicht aus. Sollten sich diese Werte in der Praxis bestätigen, könnte Gobao einen neuen Maßstab für Ladegeschwindigkeit im E-MTB-Segment setzen.
Display auf Avinox-Niveau?
Zum System gehört ein modernes HMI mit Touchscreen und USB-C Ladeport, GPS- und GSM-Modul, wireless Remotes sowie OTA-Updates. Über die App lassen sich Unterstützungscharakteristik und Schaltverhalten individuell anpassen. Im direkten Vergleich kommt das Display zwar noch nicht ganz an das smartphoneartige Bediengefühl des Avinox-Systems heran. Dennoch bewegt sich Gobao bereits auf einem hohen Niveau und auch die Remotes machen einen robusten Eindruck.
Um den X1P überhaupt fahrbar präsentieren zu können, entwickelte das Schweizer Engineering-Unternehmen Radiate innerhalb von nur zwei Monaten eine komplette Carbon-Bike-Plattform rund um den neuen Antrieb. Das Konzept umfasst Enduro-, All-Mountain- und SUV-Varianten. Das leichteste All-Mountain-Modell soll trotz 750-Wh-Akku lediglich 20,5 kg wiegen.
Unser Fazit zum neuen Gobao X1P
Noch fehlen wichtige Antworten zu Haltbarkeit, Wirkungsgrad und den ersten Serienpartnern. Doch schon jetzt gehört der Gobao X1P zu den spannendsten Neuheiten der EUROBIKE 2026 und hat uns bei den ersten Testfahrt trotz noch Prototypen-Status sehr sehr positiv überrascht.
Während Avinox mit dem Avinox MG Concept erstmal einen Ausblick in die Zukunft liefert, zeigt Gobao bereits ein erstaunlich serienreifes Produkt. Sollte das System halten, was die ersten Testfahrten und technischen Daten versprechen, könnte der X1P der erste Getriebemotor sein, der für viele E-MTBs langfristig die attraktivere Lösung wird und für Avinox eine ernstzunehmende Konkurrenz um die Vormachtstellung im E-Bike-Motoren-Kosmos.
Words: Benedikt Schmidt Photos: Benedikt Schmidt


