Bevor wir über Motoren reden, über Newtonmeter, Wattstunden oder Gewichtsrekorde, müssen wir über etwas sprechen, das in keiner Spezifikation steht: Selbsttäuschung. Unsere eigene, kollektive. Wir alle haben diese inneren Bilder im Kopf, von hochalpinen Trails, epischen Höhenmetern, Touren bis zur völligen Erschöpfung. Und jedes Mal, wenn wir ein neues Bike kaufen, beeinflussen genau diese Bilder unsere Entscheidungen. Nur haben sie erstaunlich wenig mit der Realität zu tun. Beim Kauf eines E-MTBs sind wir visionär, hochambitioniert – manchmal sogar ein wenig größenwahnsinnig. Im Alltag jedoch sind wir pragmatisch, routiniert, berechenbar.
Diese Erkenntnis traf uns nicht im Labor. Sie traf uns auf zwei Bikes, die unterschiedlicher nicht sein könnten: dem ultraleichten Full-Power-Konzept Thömus Lightrider E_MAX und dem modularen FOCUS Jam² NEXT. Zwei technische Welten, eine gemeinsame Frage: Für wen werden diese Bikes eigentlich gebaut?
We dream – Willkommen im Wartezimmer
„So, nächster bitte! Nehmen Sie Platz. Name? Alter? Gut. Wissen Sie, warum Sie heute hier sind? Richtig – es geht um Ihr E-MTB. Nein, nein, hier ist niemand in Schwierigkeiten. Das ist nur eine routinemäßige Überprüfung Ihres Unterstützungsverhaltens. Also, welchen Modus nutzen Sie am häufigsten? Etwa Eco? Seien Sie ehrlich. Wir finden es sowieso heraus …”
Wenn ihr jetzt lächelt und nickt: Willkommen im Club. Ihr seid nicht allein. Denn unsere große Leserumfrage mit 15.498 Teilnehmenden zeigt ein klares Muster: Die meisten fahren fast immer im Eco- oder Tour-Modus. „Turbo“ klingt gut auf dem Papier, spielt aber im realen Leben kaum eine Rolle. Gleichzeitig wünschen sich viele die stärksten Motoren, große Akkus und volle Reserven. Zuerst wirkt das widersprüchlich, aber je tiefer wir eingestiegen sind, desto klarer wurde: Das ist kein Paradoxon – das ist Normalität. Kaufmotive und Nutzungsverhalten sind zwei verschiedene Welten.
Was der Kopf plant – Was der Alltag liefert
Im Kopf entstehen epische Pläne: schwere Anstiege, lange Abenteuer, hochalpine Traumtouren. Die Realität ist oft eine andere: moderate Steigungen, Forstwege, Feierabendrunden, konstantes Tempo. Dort, wo die meisten E-MTBs tatsächlich bewegt werden, entfaltet leistungsorientierte Hardware nur selten ihr volles Potenzial. Eco ist nicht der „Sparmodus“, sondern schlicht der Alltagsmodus der Mehrheit.
Dabei entsteht ein Mechanismus, der das Phänomen verstärkt: Wer viel Eco fährt, will eine möglichst große Reichweite – und entscheidet sich aus Angst vor „Zu wenig Akku“ für die größte Batterie und damit für ein schweres System. Genau diese Extra-Kilos schränken aber das natürliche Fahrgefühl ein, das in der Umfrage für alle Gruppen das entscheidende Qualitätskriterium ist.
Das führt zu einer simplen, aber wichtigen Frage: Sind viele E-MTBs für Szenarien gebaut, die real kaum stattfinden?
Die vier Gesichter des Eco-Bikers
Der Begriff „Eco-Biker“ beschreibt unterdessen keine einzelne Person, sondern vier bekannte Nutzergruppen, die überraschend unterschiedliche Gründe für den Eco-Modus haben – aber einen gemeinsamen Nenner:
- Tourenfahrer suchen Ruhe, Gleichmäßigkeit und Natur.
- Fitnessfahrer nutzen Eco für Trainingseffekte.
- Reichweitenoptimierer maximieren Strecke und Effizienz.
- Sicherheitsorientierte wollen Reserven, nutzen sie aber selten.
Ihr gemeinsamer technischer Kern: Sie profitieren stärker von Effizienz, kontrollierter Leistungsabgabe und geringem Systemgewicht als von maximaler Spitzenpower.
Realitätscheck: Was euer Bike können sollte – und was nicht
Die Ergebnisse legen nahe: Ein Bike für den Eco-Alltag bräuchte keine extreme Maximalleistung, sondern eine nuancierte Gesamtbalance. Dazu gehört:
- Motor und Akku in passenden Leistungsbereichen statt reflexhafter Maximalwerte
- Effizienzoptimierung in den niedrigen Stufen statt Fokus auf wenigen Sekunden Peakleistung
- Akkukapazität, die realistischen Distanzen entspricht, nicht hypothetischen Extremszenarien
- Spürbare Gewichtsreduktion, die das Bike lebendiger, leichter beherrschbar und effizienter macht
- Ausstattung, die Touren, moderate Trails und Alltag abdeckt
- Ein Eco-Modus, der sich nicht nach „Sparmodus“ anfühlt, sondern nach natürlicher Unterstützung
Kurz: Es geht um Bikes, die für bestimmte Fahrer-Typen alltagsintelligenter sind – nicht einfach per se leistungsstärker. Oder leichter. Oder effizienter.
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit – Warum wir bisher an dieser Realität vorbeischrammen
Der Markt reagiert oft auf Extremfälle und nicht auf die Standardfahrt. „Was wäre, wenn ich doch einmal 1.800 Höhenmeter fahren will?“. Light-E-MTBs litten lange unter Reichweitenproblemen, Full-Power-Bikes unter Gewichtsballast. Dazwischen fehlte eine ausgewogene Kategorie für Fahrerinnen und Fahrer, die Reichweite und Reserven wollen, aber nicht bereit sind, ein 26-kg-Bike für alltägliche Eco-Runden zu bewegen.
Neue Antworten statt alter Kategorien
Statt „Light oder Fullpower“ lautet die entscheidende Frage heute: Wie viel Leistung brauchen reale Fahrten – und wie wenig Gewicht ist möglich, ohne Reserven zu verlieren? Dafür existieren aktuell zwei technologische Richtungen:


1. Effiziente Full-Power-Konzepte durch intelligentes Packaging
Das Thömus Lightrider E_MAX ist ein Beispiel – nicht die Lösung –, das zeigt, was möglich ist:
- 17 kg Gesamtgewicht
- 2,0-kg-Motor
- 90 Nm, 620 W Peak
- 400-Wh-Akku, aber Reichweite nur ca. 10 % unter einem 600-Wh-Bosch-System
Das Konzept beweist: Full Power geht auch ohne Gewichtsexzess und ohne Reichweitenangst.
2. Modulare Akkusysteme für skalierbare Reichweite
Die zweite technologische Richtung: Modulare Akkusysteme für moderne E-MTBs, die Reichweite und Gewicht flexibel skalierbar machen. Viele frühere Light-E-MTBs scheiterten nicht am Konzept, sondern an der Praxis und zwar aufgrund begrenzter Reichweiten, langen Ladezeiten und dem Problem, in Gruppenfahrten mit Full-Power-Bikes zurückzufallen. Moderne Ansätze, etwa mit austauschbaren Batterien, Range Extendern und schnelleren Ladeoptionen, eröffnen eine neue Balance. Damit können Fahrerinnen und Fahrer je nach Tag entscheiden, ob sie leicht und agil, reichweitenstark oder vollgeladen unterwegs sein wollen. Gewicht, Power und Kapazität werden damit nicht mehr zu einer lebenslangen Entscheidung, sondern zu einer täglichen Wahl.


Der Perspektivenwechsel – Das eigentliche Muster
Wir überschätzen das, was wir fast nie tun. Wir unterschätzen das, was wir jeden Tag tun. Das ist menschlich. Aber es führt zu Bikes, die an realen Bedürfnissen vorbei optimiert sind.
Die Erkenntnis: Nicht die Technik ist das Problem, sondern unser mentaler Fokus auf Ausnahmen statt Alltag. Und genau hier eröffnen effiziente Full-Power-Systeme und modulare Konzepte eine neue, sinnvollere Mitte.
Warum ein 26-kg-Bike mit 900 Wh durch den Alltag bewegen, wenn ein leichteres, effizientes Gesamtsystem denselben Nutzen bietet – mit deutlich mehr Fahrspaß? Die Technik ist angekommen: Sie zeigt, dass die alte Dichotomie „Light vs. Fullpower“ überholt ist. Viele Eco-Biker wären glücklicher mit einem Bike, das nicht maximale Kraft und Akkureserve stapelt, sondern die richtige Leistungsarchitektur im richtigen Paket bietet. Die Technik ist bereit. Die Frage ist eher: Sind wir bereit, unsere Perspektive anzupassen?
Words: Jonny Grapentin Photos: Lars Engmann



