Ist ein E-Mountainbike schneller bergauf? Selbstverständlich ist es das, aber wie sieht es auf der Abfahrt aus? Wer als erfahrener Biker darüber nachdenkt, seiner Flotte ein E-Mountainbike hinzuzufügen, stellt sich früher oder später die Frage: Wird mich ein E-Mountainbike auf den Abfahrten zurückhalten?

Wer es liebt, technische Trails zu fahren und steile Hügel zu überwinden, um auf der anderen Seite wieder runterballern zu können, der kann mit einem E-Mountainbike mehr Trails in eine Session packen. Aber vielen Bikern nützt eine schnellere Auffahrt nichts, wenn der Fahrspaß auf Abfahrten dadurch leidet. Wer dafür lebt, durch Anlieger zu schießen und auf Abfahrten KOMs zu jagen, für den sind die Anstiege nur ein Mittel zum Zweck. Die erste Generation der E-Mountainbikes war auf der Abfahrt so schnell wie eine Waschmaschine, die sich in der Küche bewegt, aber haben sich die Dinge geändert? Wir wollten wissen, wie sich ein aktuelles E-Mountainbike auf den Abfahrten verhält, wenn die Unterstützung des Motors keine Rolle mehr spielt und nur noch das Gesetz der Schwerkraft und das Können des Fahrers regieren. Kann es mit einem topaktuellen Endurobike mithalten?

Links der Pate der Endurobikes: das Santa Cruz Nomad CC X01, eine 13,2 kg schwere Hochleistungsmaschine. Rechts das 23,2 kg schwere Lapierre Overvolt AM 600+ mit 160 mm Federweg vorne und hinten.
Auf der Teststrecke gab es enge Kurven, Drops und viele Wurzeln – genau die Art von Trail, die wir alle gerne fahren

Wen kümmert es, wer schneller ist?

Als wir den Teaser zu diesem Feature auf Instagram gepostet haben, kommentierte jemand: „Warum spielt das eine Rolle? Es sind unterschiedliche Bikes, die den Leuten unterschiedliche Dinge bieten.“ Natürlich stimmt das. E-Mountainbikes werden weder als Racebikes vermarktet, noch ist Schnelligkeit ihr Hauptaugenmerk. Wer aber in letzter Zeit einmal auf einem E-Mountainbike gefahren ist, wird sicherlich gemerkt haben, wie gut die Abfahrtsperformance geworden ist und wie wendig diese BIkes in Wirklichkeit auf technischen Trails sind. Schließen sie mit ihrem höheren Gewicht und besserem Grip die Leistungslücke zwischen sich und einem hochkarätigen Enduro, oder sind sie inzwischen sogar besser? Niemand will von seinem Rad zurückgehalten werden: Ist ein guter Fahrer auf einem richtigen Trail bergab schneller auf einem E-Mountainbike oder einem Enduro?

Zwei erfahrene Biker, zwei Räder, das gleiche Ergebnis

Die Herausforderung

Es war ein einfaches Rennen: zwei Fahrräder, zwei Fahrer und eine Stoppuhr. Wir haben eine knapp anderthalbminütige Teststrecke mit engen Kurven, Wurzeln, technischen Abschnitten und minimalem Pedalieren abgesteckt – ihr wisst schon, die Art von Trail, die wir alle gerne fahren. Die Fahrräder waren beiden Fahrern unbekannt, sodass jeder Fahrer die Räder nach seinen Präferenzen einstellen konnte. Federung, Reifendruck, Hebel und Griffe wurden alle justiert, und es wurden ungezeitete Trainingsruns durchgeführt, um sicherzustellen, dass jeder Fahrer mit seinem Setup zufrieden war.

Es war alles nur Spaß, aber beide Fahrer wollten diesen Kampf gewinnen

Die Testbikes

Auf dem Papier war das E-Mountainbike bereits im Nachteil. Das Santa Cruz Nomad CC X01 mit Reserve-Carbonfelgen schlägt mit satten 8.699 € ein, also mit deutlich mehr als das elektrifizierte Lapierre Overvolt AM 600+ für 4.999 €. Mit seinem satteren Fahrwerk sowie mehr Federweg sollte das Nomad das Bosch-angetriebene E-Mountainbike eigentlich gnadenlos in den Schatten stellen, zumal der Motor in dieser Situation völlig nutzlos ist. Aber hat das Lapierre mit guten Reifen, guten Bremsen und einer starken Geometrie ein Ass im Ärmel?

Mit dem Plus an Stabilität hat das E-Mountainbike durch verblockte Passagen die Oberhand und bleibt absolut linientreu
Aber das Santa Cruz Nomad ist viel agiler, es flitzt durch Kurven mit mehr Speed und Stil

Das Rennen

Die Wahl fiel auf eine geeignete Strecke, die aus Drops, engen Kurven und schnellen Abschnitten besteht, wobei alles der Schwerkraft überlassen ist, mit möglichst wenig Pedalieren. Falls es jemanden interessiert: Es handelt sich um die iXS-Downhill-Strecke in Innerleithen (Schottland),. Unsere beiden Testfahrer wurden mit dem ausgezeichneten Adrenalin Uplift-Service den Berg hinaufgeschleppt (sonst hätte es Streit um das E-Mountainbike gegeben), um insgesamt 16 Abfahrten zu absolvieren, 8 auf jedem Rad. Die Fahrer sind unabhängig voneinander losgefahren, schlechte Runs sowie Unfälle wurden dabei nicht gezählt. Das Timing war blind, um zu verhindern, dass die Tester übereifrig versuchten, ihre vorherige Zeit zu übertreffen. Das E-Mountainbike fuhr immer über der Cut-out-Geschwindigkeit; es war ein Kampf um Grip, Gewicht und Handling. Würde die erhöhte Stabilität des E-Mountainbikes dem Fahrer einen Vorteil verschaffen oder wäre es in den Kurven zu schwer? Am Ende des Tages wurden die Abfahrten gezählt, die Fahrräder gewaschen, die Zeiten berechnet und die Ergebnisse waren da.

Das Rennen ist vorbei, Zeit für etwas Spaß!

Und der Gewinner ist das Santa Cruz Nomad!

Rider 1: Nomad 1:27:10 ± 1,29 / Overvolt 1:29:05 ± 0,64
Rider 2 : Nomad 1:27:95 ± 0,92 / Overvolt 1:29:00 ± 2,29

Zugegeben, wir sind nur auf einer Strecke gefahren, und mit seiner wohl viel besseren Ausstattung dürfte es keine Überraschung sein, dass das Santa Cruz Nomad für beide Fahrer am schnellsten war. Das Endurobike ist auf den Abfahrten immer noch der König – aber die Zeiten waren knapper als erwartet! Nach 16 Runs auf der Strecke war das Santa Cruz Nomad durchschnittlich 1,5 Sekunden schneller, also nur um 1,8 %. Die schnellsten Zeiten der beiden Fahrer unterschieden sich nur um eine halbe Sekunde.

Letztendlich spielt es keine Rolle, welches Bike am schnellsten ist, sondern nur, dass keines der beiden Bikes in den Abfahrten zurückhält oder weniger Fahrspaß vermittelt

Gibt es eine Schlussfolgerung?

Spielt das am Ende wirklich eine Rolle? Nun, ja und nein. Geschwindigkeit hängt immer von vielen Faktoren ab wie Fahrwerkseinstellungen, Trailauswahl, Linienwahl, Fahrerkönnen und Vertrautheit mit dem Bike. Deshalb kann man ohne Tausende Tests und Vergleiche kaum sagen, welches Bike nun wirklich schneller ist. Wir haben jedoch gezeigt: E-Mountainbikes sind definitiv nicht mehr per se „ungeschickt und langsam“. Beide Tester fanden das Nomad durch die engen Abschnitte der Teststrecke zwar spaßiger und verspielter, waren aber von der Stabilität und der Sicherheit des schwereren Overvolt-E-Mountainbikes begeistert. Die Leistungslücke der beiden Bikes schließt sich schnell, egal ob du auf einem konventionellen Endurobike oder einem E-Mountainbike mit deinen Kumpels unterwegs bist. Keins der beiden wird dich zurückhalten.

Dank dem Adrenalin Uplift!

Wir möchten uns beim Adrenalin Uplift-Service für die Unterstützung bedanken. Mit mehreren Kleintransportern und Shuttles am Montag und Freitag sowie am Wochenende bekommt man das volle Bike-Park-Feeling. Mit Shuttles ab 32 £ bietet der Adrenalin Uplift-Service alles, was man für den ultimativen Tag in Innerleithen oder Ae braucht.


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Text & Fotos: Trev Worsey