Sind E-Mountainbikes für 2020 überhaupt besser geworden? Ist der neue Bosch-Motor wirklich so geil wie alle sagen? Wo sind die ganzen Akkus hin und warum haben wir ein elektrifiziertes Downhill-Bike getestet? Nach unserem großen E-MOUNTAINBIKE Vergleichstest mit 25 Bikes haben wir hier spannende Erkenntnisse und Trends für euch zusammengefasst. So ist E-Mountainbiken im Jahr 2020!

Die Entwicklungen am E-Mountainbike-Markt überschlagen sich. Mit jeder neuen Motorengeneration stampfen zahlreiche relevante Marken neue Rahmen-Plattformen aus dem Boden. Akkukapazitäten jenseits der 1.000 Wh sind heute genauso keine Seltenheit mehr wie Motor-Drehmomente, auf die jeder VW Polo neidisch wäre. Aber wo führt das alles hin? Wir sind uns einig: Das Wettrüsten mit solchen Kennzahlen führt nicht zwangsläufig zu besseren Bikes. Denn was wirklich zählt, steht nicht auf dem Datenblatt: Die Breite eures Grinsens! Wie man das wissenschaftlich misst, haben wir noch nicht herausgefunden. Was wir aber über die heißesten Bikes 2020 wissen, findet ihr hier:

1. Everyday Hero

E-Mountainbikes sind oftmals nicht nur Sport- oder Freizeitgerät, sondern auch Teil moderner Alltags-Mobilität. Während wir früher oft mit dem Bike im Kofferraum unseres Autos zu den Trails gefahren sind, starten viele Trail-Abenteuer dank E-Mountainbikes bei den meisten direkt vor der Haustüre. Ob es durch den Asphalt-Dschungel oder über den Downhill-Trail geht, sollte bei einem so teuren Bike egal sein. Das ideale E-Mountainbike funktioniert in beiden Situationen. Hersteller wie BULLS und ROTWILD sind noch einen Schritt weiter gegangen und haben mit der MonkeyLink-Aufnahme ein Halterungssystem im Programm, mit dem das Bike in Sekundenschnelle mit einer Lichtanlage für das frühmorgendliche Pendeln ausgestattet ist. Für den Lunchride auf den Trails werden die Lichter in Windeseile wieder abmontiert. Hersteller wie Trek verbauen auf ihrem High-End Performance E-Mountainbike eine Ständeraufnahme. Das Problem dabei: Bisweilen kennen wir keinen Trail-tauglichen Ständer, der leicht, robust und leise genug ist, um auf dem Trail die Fahr-Performance nicht zu beeinträchtigen.

2. Integration und Ergonomie

2014 haben wir zum ersten Mal in unserem großen E-MOUNTAINBIKE-Vergleichstest die besten Bikes des Jahres gegeneinander antreten lassen. Interne Akkus, integrierte Multitools und smarte Lichtkonzepte suchte man damals genauso vergebens wie ausfallsichere Geschwindigkeitssensoren, die nicht auf einen Speichenmagneten setzen. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei – oh nein, doch noch nicht! Auch 2020 schaffen es viele Hersteller noch immer nicht, den Geschwindigkeitssensor vernünftig in den Rahmen zu integrieren, obwohl es mittlerweile schlanke und durchdachte Lösungen für alle Motorensysteme gibt. Breite Lenker, Variostützen, Ladebuchsen und kraftvolle Motoren gehören mittlerweile zum Standard und sind oftmals richtig schick in das E-Mountainbike integriert. Auch in Sachen Bedienbarkeit und Ergonomie hat sich zum Glück einiges getan. Komfortable Sättel für den Toureneinsatz gehören bei vielen Bikes genauso dazu wie ein aufgeräumtes Cockpit. Der Schalter- und Kabelsalat gehört nicht zuletzt dank kabelloser Komponenten oder smarter Zugführung ebenfalls der Vergangenheit an. Ausnahmen bestätigen die Regel: Haibike bietet mit seiner massiven Motor-Remote zwar unzählige Einstellmöglichkeiten on the Fly, den wichtigen Hebel der Variostütze erwischt man deshalb aber nur selten. MERIDA macht es hingegen vor: Sogar blind findet man hier immer den richtigen Knopf.

3. Sind wir zu schwer zum E-Mountainbiken?

Geht es nach der Bike-Industrie, sind viele von uns wohl zu fett – zumindest bei einigen Herstellern, wie Haibike, MERIDA, FOCUS oder ROTWILD, bei denen die maximale Zuladung unter 100 kg liegt. Das zulässige Gesamtgewicht (zGG) gibt zwar nur den rechtlichen Rahmen vor, kann bei Überschreitung jedoch Auswirkungen auf Gewährleistung und Garantieansprüche haben. Auch Bikes mit einem super hohen zGG sind im Zweifel nicht ideal für Fahrer, die regelmäßig über der 90 kg Marke liegen – die wir übrigens keineswegs als „zu fett“ empfinden :). Das YT DECOY mit einer respektablen maximalen Zuladung von 127 kg setzt auf MAXXIS-Reifen in den dünnwandigen EXO und EXO+ Karkassen und Carbon-Felgen. Hier hilft bei schwereren Fahrern nur ein sehr hoher Luftdruck, damit Reifen oder Felge nicht auf den ersten steinigen Metern auf dem Trail Schaden nehmen – Grip-Verlust inklusive. Das Liteville 301 CE Mk1 kommt mit einer maximalen Zuladung von satten 127 kg zurecht, setzt am Hinterrad aber auf eine kleine 180-mm-Bremsscheibe. Diese bringen auch deutlich leichtere Fahrer auf langen Abfahrten zum Glühen. Für den Rahmen des Rocky Mountain Altitude Powerplay Carbon gibt es laut Hersteller wiederum kein Gewichtslimit. Wie man sieht, herrscht hier bei vielen Herstellern noch immer Unklarheit über die Thematik. Denn rein funktionell hat auch das Rocky eine Gewichtsbeschränkung: Für ein vernünftiges Set-up des Fahrwerks müsste nämlich der maximal zulässige Luftdruck im Dämpfer um ein Vielfaches überschritten werden. Ganz ehrlich: Dann lieber eine niedrige Angabe zum zGG, mit der das Bike auch tatsächlich auf dem Trail funktioniert.

4. Konfigurationsmöglichkeiten: Dein Bike sollte so individuell sein wie du

Lass sie alle reden! Du findest Neongelb, Dunkelbraun und Lila eine geile Farbkombination? Dann bestell dir dein Bike in genau diesen Farben. Bei Orbea zum Beispiel kannst du den Konfigurator nutzen, um sämtliche Rahmen und Detailfarben frei auszuwählen. Auch Trek wird das Rail ab Dezember 2019 in ihrem Project-One-Konfigurator anbieten, sodass jeder (s)ein einzigartiges Bike gestalten kann. Weniger Farbverrückte sollten dennoch unbedingt einen Blick in Bike-Konfiguratoren werfen, wie sie SIMPLON oder Liteville anbieten. Neben Ausstattungsteilen wie Gabel, Bremse, Reifen etc. lässt sich das Bike auch schon vorab an eure körperlichen Gegebenheiten anpassen. Die richtige Rahmengröße vorausgesetzt, könnt ihr oftmals die passende Federhärte oder die Länge der Variostütze wählen. So holt ihr bereits vor dem Kauf verdammt viel Trail-Performance aus eurem Bike raus. Aber auch Alltagshelfer, wie spezielle Schutzbleche oder eine hochwertige Lichtanlage, sind oft als Extras verfügbar und einbaubar. Ganz ohne Klebeband und Kabelbinder – meistens.

5. Optik-Frage in der Kommandozentrale

Beim Display geht der Trend ganz klar … in gar keine Richtung. Ebenso wie in den Vergleichstests der letzten Jahre finden sich im Testfeld alles Mögliche: von minimalistischen Lösungen, die ganz ohne Display auskommen, bis zu hochauflösenden Displays wie am Haibike, auf denen jeder 14-Jährige den ganzen Tag Minecraft zocken würde. Als leidenschaftliche Trail-Heizer sind wir zugegebenermaßen etwas voreingenommen und bevorzugen minimalistische Lösungen. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass Kommandozentralen, wie im Haibike, zwar spannende Live-Daten bieten, aber sonst noch keinen richtigen Mehrwert. Denn keines der großen Displays im Test hat ein smartes Navigations-Feature, einen Set-up-Guide oder die Spotify-Playlist integriert. Über eines ist sich die gesamte Test-Crew mit der Bike-Industrie aber einig: Das Display muss gut bei Stürzen ausreichend geschützt und dennoch gut lesbar sein. Deshalb setzen mit einer Ausnahme alle Hersteller auf individuelle Kiox-Halterungen, die nicht hoch auf dem Vorbau positioniert sind. Denn in dieser exponierten Lage würde es bei einem Sturz schnell beschädigt – das Bike eben auf den Kopf stellen ist auch keine Alternative mehr. Noch ein Kiox-Tipp: Wer weniger im Alltag, sondern mehr auf ruppigen Trails unterwegs ist, sollte das Display unbedingt mit einer kleinen Schraube am Halter fixieren. Glaubt uns, im Geröllfeld findet man sein Display niemals wieder.

6. Keiner sollte mehr ein lautes Bike fahren

Eines ist klar: Mit bis zu 120 Nm Drehmoment haben die Motoren unserer Test-Bikes richtig viel Bums. Habt ihr schon mal einen absolut leisen Sportwagen gehört? Wir auch nicht. An Motorengeräusche unter Volllast werden wir uns vorerst gewöhnen müssen. Andere Geräusche wie klappernde Züge, wackelnde Akkus und lackfressende Ketten können und möchten wir aber nicht mehr hinnehmen! Bikes wie das Specialized Levo oder das MERIDA eONE-SIXTY reduzieren die Geräuschkulisse auf ein absolutes Minimum. Andere Hersteller haben hier noch ordentlich Nachholbedarf, wie z. B. Giant mit einem viel zu kurzen Kettenstrebenschutz, oder COMMENCAL mit unaufgeräumten, klappernden Zügen im Cockpit. Aber auch ihr könnt für Abhilfe sorgen, ohne dabei so weit zu gehen wie YT, die jeden Hohlraum um den Motor mit Schaumstoff auskleiden. Ein paar Kabelbinder im Cockpit und ein wenig weiches Tape auf der Kettenstrebe – und schon werden eure Nerven, pardon Ohren, geschont. Ganz ehrlich, liebe Bike-Hersteller: Wenn wir das schaffen, könnt ihr das auch!

7. Kettenstrebenschutz hin oder her: Bosch-Bikes klappern in der Abfahrt

Eines vorweg: Wir sind Riesen-Fans des neuen Bosch Performance Line CX-Motors. Der eMTB-Modus und auch der klasse kontrollierbare Turbo-Modus machen auf dem Trail verdammt viel Spaß. Allerdings hatten wir bei allen Bikes mit Bosch-Motor ein Problem: In der Abfahrt scheint die Kette permanent an den Rahmen zu schlagen – tut sie aber nicht, denn in den meisten Fällen haben die Hersteller mit ausreichend Schutzmaterial vorgesorgt. Die Geräusche kommen aus dem Inneren des Bosch-Motors. Durch die Kettenkräfte beim Einfedern werden über das Kettenblatt auch Kräfte an und in den Motor weitergegeben. Da manche Bauteile im Inneren des Motors aber zu viel Spiel haben, entsteht ein klapperndes Geräusch. Bei einigen Motoren ist es sehr ausgeprägt und auf dem Trail super präsent, während es bei anderen Motoren deutlich leiser ist. Bosch hat versprochen, hier in Zukunft nachzubessern. Auch der Resonanzkörper des Rahmens und das Design des Hinterbaus spielen eine große Rolle dabei, wie stark man dieses Geräusch letztendlich wahrnimmt.

8. Zu wenig Stützenhub = massiver Konstruktions-Fail

Kaum ein Bauteil hat das Mountainbiken in den letzten Jahren so verändert wie die Teleskopsattelstütze. Auch an E-Mountainbikes ist sie mittlerweile Standard. Wir sind der Meinung: je mehr nutzbarer Stützenhub, desto besser. Blöd nur, dass viele Rahmen, wie der des FANTIC, durch seine geringe Einstecktiefe nur wenig nutzbaren Stützenhub zulassen. Vorreiter einer neuen Idee sind Liteville, BULLS und ROTWILD, die dank spezieller Sitzrohre die EightPins-Sattelstütze in den Rahmen integrieren und bis zu 228 mm Hub ermöglichen. Aber auch konventionelle Designs lassen ausreichend Hub zu. Mit besonders kompakten Stützen wie der von OneUp Components V2 könnt ihr aus vielen Rahmen noch etwas mehr nutzbaren Hub rausholen.

9. Funktion, Design oder beides?

Design-Affine aufgepasst! Nicht jedes Bike, das mit seiner Linienführung bereits im Katalog – pardon, auf der Website – verdammt schnell aussieht, ist es auch auf dem Trail. Umgekehrt wollen wir damit aber auch nicht sagen, dass hässliche Bikes die bessere Trail-Performance liefern. Denn Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters. Wir sind aber sauer, wenn das optische Design des Bikes oder einer Komponente die Trail-Performance offensichtlich verschlechtert. Beispiel gefällig? Das ROTWILD R.X 750 hat bei all unseren Testern für blaue Flecken an den Knien gesorgt. Das Oberrohr ist mit einem Durchmesser von 9 Zentimetern rund 4 cm breiter als der Durchschnitt im Testfeld. Optisch macht die Linienführung ja einiges her, aber auf dem Trail schränkt sie die Bewegungsfreiheit unnötig ein. Das CONWAY XYRON hat sich in diesem Testfeld das Prädikat „besonders schön anzusehen“ abgeholt – solange man nicht darauf sitzt: Das Carbon-Cockpit aus einem Guss ist so steif, dass in Kombination mit dem steifen Carbon-Rahmen und Laufrädern alle Vibrationen an die Hände ungefedert weitergeleitet werden. Es gibt aber auch Ausnahmen wie das SIMPLON Rapcon Pmax, das mit schicker, eigenständiger Linienführung und eleganten Details, wie der versteckten Zugführung, dennoch richtig viel Spaß auf dem Trail bereitet. Zugegebenermaßen sind auch wir Freunde von schönen Bikes und könnten uns das FOCUS JAM² 9.9 DRIFTER stundenlang anschauen.

10. Ein Fahrwerk ist nur so gut wie es eingestellt ist: Die Einstellung macht’s!

Ihr wollt eine geile Zeit auf dem E-Mountainbike, aber es ist Schietwetter? Dann kommt es nur auf eure innere Einstellung an. Habt ihr Bock aufs Biken, hat das Bike auch Bock auf euch. Aber nicht minder wichtig ist die Einstellung von Gabel und Dämpfer auf eure ganz individuellen Bedürfnisse. An einigen Fahrwerken kann man an unzähligen Knöpfchen alles Mögliche „feintunen“, während andere nur grundlegende Einstellmöglichkeiten bieten. Dennoch könnt ihr mit einem gelungenen Set-up die Performance eures Bikes spürbar erhöhen. Genauso gut könnt ihr aber auch vollkommen daneben liegen und euer teures E-Mountainbike in einen Sack Kartoffeln verwandeln: Egal ob vier oder nur ein Drehrädchen, egal ob Doppelbrückengabel, Luft- oder Stahlfederdämpfer, Hersteller wie Specialized oder Norco machen es euch mit ihrem Online Set-up-Guide leicht, die passende Grundeinstellung zu finden. Vorsicht bei Stahlfederdämpfern: Hier solltet ihr noch im Shop die passende Federhärte ermitteln.

11. Sind schwere Bikes auf einmal doch gut? Ist mehr Akkukapazität wirklich besser?

Jein: Viel wichtiger als das Gesamtgewicht ist die Lastverteilung. Whyte kann man hier, obwohl es das zweitschwerste Bike im Test ist, als Paradebeispiel nennen. Die Marke aus dem Vereinigten Königreich hat den Bosch-Motor extra anders positioniert, um den Akku und somit den Schwerpunkt möglichst weit nach unten und zentral zwischen beide Laufräder zu verschieben. So ist es mit dem Whyte trotz fast 25 kg Gesamtgewicht einfacher, in den Manual zu ziehen, als mit so manchem anderen Bike unter 22 kg. Bei den sehr leichten Bikes im Test merkt man natürlich dennoch, dass sie deutlich leichtfüßiger, agiler und meist auch spaßiger auf flowigen Trails sind. Wie ihr wisst, sind wir der Meinung, dass es nicht die eine perfekte Akkugröße gibt. Denn mehr Akkukapazität bedeutet in der Regel auch mehr Gewicht, vor allem aber oftmals eine schlechtere Gewichtsverteilung und einen höheren Schwerpunkt. Deshalb sollte das Akku-Konzept zu eurem Einsatzbereich passen. Doppelakku-Systeme bieten hier den Vorteil, dass ihr euer Bike relativ schnell für die kurze Runde leichter bekommt.

So mancher Entwickler von E-Mountainbike verfasst vermutlich gerade schon eine böse E-Mail als Reaktion auf unsere Kritik. Zugegeben, wir meckern hier bereits auf verdammt hohem Niveau. Fakt ist: Fast alle E-Mountainbikes sind 2020 richtig geil und machen verdammt viel Spaß. Trotzdem sehen wir noch richtig viel Potenzial bei den Themen Integration des Motorkonzepts und Usability – vor allem aber mehr pragmatische wie praktische Lösungen für den Alltagseinsatz.


Diese und viele weitere spannende Erkenntnisse stammen von dem größten E-MTB-Test in der Geschichte von E-MOUNTAINBIKE. Wenn ihr wissen wollt, welches aktuell das beste E-MTB ist und worauf es bei einem E-Mountainbike wirklich ankommt, dann schaut hier vorbei.


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Text: Felix Stix, Robin Schmitt, Jonas Müssig Fotos: Finlay Anderson, Robin Schmitt, Felix Stix, Markus Frühmann