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E-MOUNTAINBIKE Think Tank #04

Der E-Mountainbike-Markt ist innerhalb kürzester Zeit rasant gewachsen – dabei hat sich der Markt nicht nur verändert, sondern es sind auch neue Nutzer-Szenarien und Herausforderungen entstanden. Beim vierten E-MOUNTAINBIKE Think Tank haben wir Industrie-Experten zu einem Innovationsmanagement-Workshop eingeladen, um gemeinsam die dynamischen Entwicklungen im E-Mountainbike-Markt zu beleuchten.

Nachdem der letzte Think Tank in der E-MOUNTAINBIKE Redaktion in Leonberg ausgerichtet wurde, fand das vierte Treffen in den Räumlichkeiten des Elektronikdienstleister und Motorenhersteller TQ-Systems am Wörthsee statt.

Im Mittelpunkt des vierten E-MOUNTAINBIKE Think Tanks stand der Workshop mit führenden Branchenvertretern und Industry Insidern zum Thema Innovationsmanagement unter der Leitung von Dr. Georg Stampfl. Der Dozent und ehemalige CEO verknüpftseine langjährige Expertise auf diesem Gebiet mit seiner Leidenschaft, dem E-Mountainbiken. Bei seinem Auftakt-Vortrag führte Dr. Stampfl die Teilnehmer in das Thema ein und erläuterte anhand anschaulicher Beispiele die wichtigsten Trends und Erkenntnisse aus Forschung und Praxis. Spannend für viele Teilnehmer war dabei, dass „Innovationen“ erfolgreicher Beispiel-Cases deutlich über die Produktentwicklung hinaus gingen und Business-Modelle eine entscheidende Rolle spielen. Viele Teilnehmer stimmten auch zu, dass in der Bikebranche viele Innovationen und Produktentwicklungen durch Ingenieure vorangetrieben werden anstatt in Orientierung an den realen Marktbedürfnissen. So wird zwar „Können wir das machen?“ gefragt, doch leider nicht „Sollen wir das machen?“. Dr. Georg Stampfl sieht genau in dieser fehlenden Nähe zum reellen Marktbedürfnis den schwerwiegendsten Grund dafür, dass Start-Ups und Neuentwicklungen scheitern.

Der Workshop: You had ONE job!

Im anschließenden Workshop ging es deshalb nicht um die Zielgruppe für E-Mountainbiken, sondern um die unterschiedlichen Erwartungen der Fahrer an das E-Mountainbiken, sprich um die Jobs. Im Rahmen des Jobs-to-be-Done-Workshops beleuchteten die Teilnehmer die Kernaufgaben (Core Functional Jobs), Nebenaufgaben (Related Jobs), emotionalen Aufgaben (Emotional Jobs) und die Konsumkette (Consumption Chain Jobs), die das E-Mountainbiken erfüllt. Dies mag recht kompliziert klingen, doch im Workshop-Verlauf wurde das Thema deutlich greifbarer. Die Definition dieser Aufgaben füllte den Nachmittag des ersten Tages und sorgte für spannende Diskussionen. Neue Herausforderungen, neue Entwicklungen – ein Perspektivenwechsel ist angesagt. Auf sogenannten Job-Maps wurden die Aufgaben in die vier verschiedenen Kategorien unterteilt und priorisiert.

E-Mountainbike-Ride

Bei einem gemeinsamen E-Mountainbike-Ride hatten die Teilnehmer die Möglichkeit die Themen des Workshops zu reflektieren und ihre Erfahrungen miteinander zu teilen. Die Mutigsten ließen sich eine Abkühlung im kühlen Wörthsee nicht nehmen. Der erste Tag wurde mit einem gemeinsamen BBQ abgerundet, die lockere Lagerfeuer-Atmosphäre mit Live-Musik bot den perfekten Rahmen zum Networking.

Ergebnisse des Workshops

Am Morgen des zweiten Tages wurden die Job-Maps der einzelnen Gruppen zu einer gemeinsamen Job-Map zusammengefasst. Anschließend wurde analysiert, welche Jobs bereits erfüllt, welche über- und welche untererfüllt sind. Dazu wurden die Jobs anhand zweier Dimensionen – Wichtigkeit für den Kunden und Zufriedenheit mit dem Status Quo – angeordnet. Damit lassen sich die Jobs priorisieren und solche Aufgaben identifizieren, die dem Kunden wichtig, aber aktuell noch nicht zufriedenstellend erfüllt sind. Die Erkenntnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Zentrale Jobs sehr gut erfüllt

E-Mountainbikes erfüllen für verschiedene Nutzer sehr unterschiedliche Jobs. Egal ob sie als Transportmittel, als Spaßgerät oder zur Steigerung der Gesundheit eingesetzt werden – E-Mountainbikes sind erwachsen geworden und erfüllen die zentralen Aufgaben bereits heute sehr gut. Anfängliche Kinderkrankheiten wie unpassende Ausstattungen oder schlechte Geometrien sind weitestgehend behoben, das E-Mountainbike als Produkt ist deutlich ausgereifter als noch vor wenigen Jahren.

E-Mountainbikes ermöglichen einer breiten Gruppe den Zugang zum Radsport und sind inzwischen auch bei sportlichen Fahrern akzeptiert. Beim E-Mountainbiken geht es um Spaß und Lebensfreude. Das gemeinsame Erlebnis mit anderen Fahrern steht im Vordergrund, E-MTBs gleichen dabei Leistungsunterschiede aus. Auch dienen sie als Liftersatz und ermöglichen den Fahrern gerade auch in einem begrenzten Zeitrahmen mit Spaß auf volle Kosten zu kommen.

Emotionale Jobs spielen eine bedeutende Rolle

Auch auf emotionaler Ebene, leistet das E-Mountainbike große Arbeit. Für den einen ist E-Mountainbiken das neue Golfen, für den anderen überwiegt die Faszination an der Technik. Das E-Mountainbike wird bereits heute als starkes Statussymbol angesehen – für viele ist es das teuerste Produkt im Haushalt (sofern das Auto geleast ist) – und kann dem Selfmarketing dienen. Die breite Nutzerschaft kann jedoch auch eine Herausforderung für die Kommunikation von Herstellern und Medien sein, denn kein Produkt deckt alle Bedürfnisse gleichermaßen ab.

Großes Verbesserungspotential in der Consumption Chain

Während E-Mountainbikes die zentralen Aufgaben sehr gut erfüllen, liegen die Herausforderungen vielmehr im Bereich der Consumption Chain. Bereits beim Kauf ergeben sich für viele Kunden potentielle Hemmschwellen. Der hohe Anschaffungspreis schreckt einige Käufer ab, alternative Finanzierungs- und Businessmodelle sind zwar im Aufschwung, aktuell gibt es aber noch nicht genügend Möglichkeiten. Der E-Bike Markt ist sehr dynamisch und verändert sich aktuell in sehr kurzen Abständen. Viele Kunden sind mit der Auswahl des richtigen Bikes überfordert. Mit Tests und Kaufberatungen kann nur ein Teil dieser Unsicherheit genommen werden, längere Modellzyklen und eine einfachere Modellpolitik seitens der Hersteller würden viele begrüßen. Ein Blick in andere Branchen zeigt, dass Geschäftsmodelle auch deutlich radikaler gedacht werden können und dass die Bikebranche stets sehr ähnliche Modelle nutzt. Mit den Teilnehmern entwickelten wir diverse Ideen vor Ort.

Mangelnde Verfügbarkeit ist ein weiteres Problem. Insbesondere die Nichteinhaltung von versprochenen Lieferterminen verärgert viele Käufer, die sich regelmäßig an unsere Redaktion wenden. Doch auch nach dem Kauf gibt es noch Verbesserungspotential. Viele Kunden sind sich nicht über Wartungsintervalle und Folgekosten im Klaren, gute Angebote zu entsprechenden Service-Dienstleistungen sind noch Mangelware. Wartung spielt auch beim Thema Wiederverkauf und Werterhalt eine große Rolle, denn Gebrauchtbikes lassen sich nur gut verkaufen wenn sie einem ordentlichen Zustand sind.

Zukunftsvisionen

Im Rahmen des Workshops wurden auch mögliche Lösungsansätze der aktuellen Probleme diskutiert. Besonders vielversprechend erscheinen Service-Flatrates und Leasing Angebote. Statt ein E-Mountainbike zu kaufen, könnten Händler Leasing-Pakete anbieten, die Wartungsarbeiten, Leihräder und eine Mobilitätsgarantie beinhalten. Auch im Thema Digitalisierung sehen die Think Tank Teilnehmer noch große Potenziale, die Vernetzung des E-Bikes steckt noch in den Kinderschuhen.

Offene Diskussion

Zum Abschluss des Events wurden einige offene Themen diskutiert, die die Teilnehmer selbst mit einbringen konnten. Tuning ist weiterhin eine Gefahr für den Sport, entsprechende Änderung der Pedelec-Norm mit geeigneten Anti-Tuning-Maßnahmen geben jedoch die richtige Richtung vor. Regelwerke für E-Mountainbike-Rennen und Trail-Etiquette sind eng mit dem Tuning-Thema verknüpft, die Teilnehmer hatten die Gelegeheit diese Themen offen zu diskutieren. Das Interesse an E-MTB-Rennen ist bei Endverbrauchern nach wie vor gering, auch beim jüngsten Rennen in Riva waren eine Vielzahl der Teilnehmer Vertreter aus der Industrie oder gesponserte Fahrer. Auch der Ausschluss von einigen Motoren und Bike-Marken in den Renn-Reglements sorgte für Diskussionsstoff und macht deutlich, dass das Thema E-MTB-Rennen noch einen weiten Weg vor sich hat.

Ausblick: E-MOUNTAINBIKE Think Thank UK

Als international ausgerichtetes Magazin sehen wir unsere Aufgabe auch darin, den internationalen Markt mitzugestalten. Der nächste E-MOUNTAINBIKE Think Thank wird in Großbritannien stattfinden, um dort ansässigen Industrie-Vertretern eine Plattform zum Erfahrungsaustausch und Netzwerken zu bieten und auch Erfahrungen aus dem deutschsprachigen Raum zu teilen.


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Text: Moritz Dittmar Fotos: Valentin Rühl