Traum oder Albtraum? Die Corona-Krise hat der Bike-Branche einen unglaublichen Boom beschert – dennoch drohen massive Pleiten, sinkende Markenwerte einiger Hersteller, lange Lieferzeiten, Service-Wüsten und höhere Preise. Wir klären auf, zeigen Risiken und Chancen für Industrie, Handel und Biker. Auf dass wir alle gut durch die nächsten Jahre kommen!

Corona hat die Welt in vielerlei Hinsicht durcheinandergebracht – Biken ist so geil wie eh und je, mit dem einzigen Unterschied, dass das mittlerweile verdammt viele Menschen erkannt haben! Und das ist auch toll so, selbst wenn es neue Herausforderungen mit sich bringt. Aber das ist ein anderes Thema. Fakt ist: Während der Fußball schwächelt, bezeichnen Experten und Trendforscher Biken bereits als neue Volkssportart und sowohl die Politik als auch Ärzte betiteln es als das beste und gesündeste Fortbewegungsmittel! Die klare Prognose lautet: krasses Wachstum, doch leider auch krasse Herausforderungen!

2021 calling? In der neuen Saison winkt ein neuer Bike-Boom, doch stehen Biker, Händler und Hersteller auch vor großen Herausforderungen, die es am besten gemeinsam und mit viel Verständnis zu meistern gilt!

Die große Frage ist jetzt, wie man damit umgeht und klarkommt. Es gibt große Chancen und Risiken und während kurzfristig vieles „fordernd“, „fatal“ oder „frustrierend“ sein kann, werden Biker und die Branche mittelfristig viel gewinnen können: solidere Produkte, bessere Strukturen und Prozesse bei Logistik, Service und Kundenbindung; innovative Geschäftsmodelle, neue interessante Marken und vielleicht auch deutlich mehr einheitliche „Standards”.

Die Kehrseite der Medaille kann gerade für die Szene sehr schmerzhaft sein: Zahlreichen Händlern und Kleinherstellern drohen Pleiten und auch so wird es eine aufreibende nächste Saison, in der vieles fehlen kann – vor allen Dingen Planungssicherheit und Produktverfügbarkeit.

Das Fahrrad schwimmt auf der grünen Welle! Während der Fußball schwächelt, bezeichnen Experten und Trendforscher Biken bereits als neue Volkssportart und sowohl die Politik als auch Ärzte betiteln es als das beste und gesündeste Fortbewegungsmittel!

Ausverkaufte Lager, Händler wochenlang ohne neue Bikes, lange Service-Wartezeiten – 2020 war ein Jahr der Extreme für die ganze Branche. Schon dieses Jahr war es zum Teil schwer oder sogar unmöglich, sein Traumrad zu bekommen – man hörte immer wieder Geschichten von Leuten, die mit Cash in der Hand Bike-Läden verlassen mussten, weil der Händler schlichtweg nichts mehr hatte, was er noch verkaufen konnte. Besserung ist leider nicht in Sicht. Was nicht bereits vorgeordert wurde, wird sich verzögern und erst spät geliefert werden. Lieferzeiten sind für einige Produkte von wenigen Wochen auf Monate geschossen – bis hin zu 500 Tagen Lieferzeit. Verrückt oder? Doch woran liegt das? Was ist die Ursache dafür und was können wir tun?

Der Bike-Boom in der Krise? Über Corona, Globalisierung und die komplexe Realität

Was in vielen Branchen weltweit für massive Umsatzeinbrüche, Sparmaßnahmen und noch ernsthaftere Problemen gesorgt hat, hat der Bike-Branche einen nie dagewesenen Boom beschert – und einige existenzielle Bedrohungen für manchen Stakeholder! Aber jetzt erst mal der Reihe nach:

Der erste Lockdown und seine weitreichende Folgen

Zu Beginn des Jahres 2020 kam es Pandemie-bedingt zum Shutdown von Produktionsstätten in China und anderen Teilen Asiens. Zu einer Zeit, in der sich Europa und Amerika noch in Sicherheit wogen, fanden die Probleme, die wir in dieser Saison bereits erfahren und jetzt mit voller Wirkung spüren, ihren Anfang: Rahmen, Komponenten und Zubehör wurden nur noch eingeschränkt produziert, Lieferketten gestört und teilweise sogar unterbrochen, was de facto einen Produktionsausfall von mehreren Monaten bedeutete und nicht wieder aufgeholt werden kann. Bereits Anfang Februar – als in Deutschland noch kaum jemand über Covid19, Lockdowns etc sprach – prognostizierten wir deshalb Lieferengpässe, reduzierte Auswahl und leere Geschäfte für die Bike-Saison.

Auch Schweißroboter brauchen Menschen, die sie bedienen – im ersten Lockdown standen die Bänder still, was einen nicht wieder aufholbaren Produktionsrückstand bedeutete.

Und dann nahm die Geschichte ihren Lauf. Der erste Lockdown bedeutete einen großen Schock für (fast) alle Industrien, doch dauerte es nicht lange bis das Thema Fahrrad als optimale Lösung für Fitness, Verkehr und individueller Freizeitgestaltung Fahrt aufnahm. Die ersten Lockdown-Lockerungen kamen und Verkaufszahlen sowie Nachfrage nach Bikes schossen unerwartet in die Höhe. Wer in der Schockphase des ersten Lockdowns Bestellungen oder Produktionskapazitäten in Asien gecancelt hatte, dem konnte es passieren, dass er gar nicht produzieren konnte, weil eine andere Marke den Produktionsslot übernommen hatte oder als Händler schlichtweg keine Ware mehr bekam. Das Dilemma: Einerseits standen die Bänder vieler Unternehmen für mehrere Monate in dieser Saison still. Andererseits war die Nachfrage derart sprunghaft angestiegen, dass Produzenten den Bedarf kaum mehr bedienen konnten.

Urbane Mobilität boomt – unser neu gelaunchtes DOWNTOWN-Magazin ist mittendrin und eröffnet neue Perspektiven mit dem großen Cargo-Bike-Group-Test. Die große Herausforderung für 2021? Verfügbarkeit!

Laut Zweirad-Industrie-Verband kam es trotz einer vorübergehenden Schließung im Frühjahr 2020 in Deutschland zu einem Plus von 9,2 % an verkauften Bikes im ersten Halbjahr 2020. Gleichzeitig ging der Import laut Zweirad-Industrie-Verband deutlich zurück. Während die Händler aktuell immer noch überrannt werden, ist ein Nachordern von Bikes nicht so einfach. Die Hersteller und Zulieferer sind teilweise schlichtweg ausverkauft und müssen mit langen Vororder-Zeiten den Handel vertrösten. Das Nadelöhr ist und bleibt die Produktion und damit – je nach Hersteller – die Verfügbarkeit von Rahmen, Komponenten und Ersatzteilen. Abgesehen von dem nicht wieder aufzuholenden Produktionsausfall liegen die großen Herausforderungen der meist asiatischen Produzenten in der Skalierung der Produktion, um der erhöhten Nachfrage Herr zu werden, sowie der Qualitätssicherung. Hinzu kommt, dass die Produktionskraft noch nicht auf Vorjahresniveau ist. Es gab 2020 also nicht mehr, sondern tendenziell weniger Ware als im Vorjahr.

Volle Produktionsstraßen wie bei unserem Besuch von MERIDA Bikes in Taiwan im Jahr 2019 gibt es aktuell noch nicht.
Aufgrund der Corona-Regeln schafft kaum ein Produzent 100 % Output wie früher – Insidern zufolge stehe die Produktion aktuell bei rund 80 %.

Branchen-Insider bestätigten uns: Zu Beginn des Jahres wurden Wanderarbeiter coronabedingt entlassen, reisten in ihre Heimat und sind z. T. noch nicht wieder an ihren alten Arbeitsplatz zurückgekehrt. Als man sie wieder benötigte, haben Einreisesperren aus gewissen Ländern sowie eine erschwerte Wiedereinreise, Stichwort Quarantäne und zu wenig dafür verfügbare Hotels die Arbeitsaufnahme erschwert. Die fehlende Manpower, die kurzzeitig ein Vakuum hinterlassn hat, konnte nicht wieder komplett geschlossen werden. Die daraufhin neu eingestellten Arbeiter mussten erstmal neu eingelernt werden. Ein weiterer Faktor: Aufgrund der Corona-Regeln schafft kaum ein Produzent 100 % Output wie früher – Insidern zufolge stehe die Produktion aktuell bei rund 80 %.

Frachtüberhang und fehlende Paarigkeit – die hohe Nachfrage sorgt auch bei Container-Reedereien für Herausforderungen. Viele Güter werden von Asien nach Europa verschifft, aber nur wenig von Europa nach Asien, folglich steigen die Transportkosten.

Hinzu kommen komplexere Lieferwege, erhöhte Frachtkosten und unklare Lieferzeiten. Die Kosten für Luftfrachten haben sich durch fehlendes Volumen im deutlich reduzierten Flugverkehr der Passagierflugzeuge vervielfacht. Die Preise sind auf das zwei bis Dreifache gestiegen. Bislang wurde ein großer Teil der Bikes über den Wasserweg in die einzelnen Märkte gebracht – doch auch die Frachtkapazitäten der Container-Reedereien hinken hinterher und die hohe Nachfrage sorgt auch hier für neue Herausforderungen: Viele Güter werden von Asien nach Europa verschifft, aber nur wenig von Europa nach Asien. Die Paarigkeit ist nicht gegeben und die Leercontainer erhöhen auch hier den Preis. Aufgrund der Tatsache, dass die Bikes schon Lieferverzögerungen haben, setzen Hersteller auf den (nun nochmal) deutlich teureren Luftweg, um Zeit gutzumachen.

Warum werden Bikes und Produkte teurer?

Es braucht kein BWL-Studium, um die Folgen für die Preisentwicklung abzuschätzen. Gesunkene Effizienz in der Produktion sowie höhere Logistik- und Koordinationskosten erhöhen den Preis! Hinzu kommt die erhöhte Nachfrage. Aktuell haben viele Hersteller ihre Preise um bis zu 10 %, in Einzelfällen sogar um bis zu 15 % erhöht. Im Highend Bereich werden die Bikes auch mal um 2000 € teurer.

Gerade im Highend-Bereich werden die Bikes gerne mal 2000 € teurer als im Vorjahr

Die unersättliche Nachfrage – mehr Bikes, aber bei Weitem noch nicht genug?

Jeder gibt sein Bestes, trotz besagter Umstände alles auf die Reihe zu kriegen. Zwangsläufig müssen wir uns aber mit Kompromissen abfinden – Bike- und Komponenten-Hersteller genauso wie Endkunden. Viele Hersteller möchten die phänomenalen Verkaufszahlen von 2020 in der nächsten Saison wiederholen. Somit wurden OEM-Bestellungen im Vergleich zum Vorjahr deutlich erhöht, teils verdoppelt oder noch mehr! Das Problem: Es gibt kurzfristig gesehen nicht deutlich mehr Teile auf dem Markt und auch wenig Kapazitäten, um mehr zu produzieren. In Anbetracht des großen Produktionsausfalls im Frühjahr 2020, lautet die gute Nachricht für 2021: Nächstes Jahr wird es mehr Bikes als 2020 geben. Inwieweit die Nachfrage 2021 jedoch befriedigt werden kann, steht aktuell noch in den Sternen! Tendenz: eher nein.

Der Komponenten-Kompromiss: Anders als bestellt ist besser als nicht liefern zu können!

Eine Folge, die bereits jetzt schon klar ist: Die Ausstattung von Bikes wird sich zwangsläufig der Verfügbarkeit der Einzelteile anpassen. Motoren, Bremsen, Reifen, Schaltungen – überall sind die Lieferzeiten in die Höhe geschnellt, teilweise haben sie sich sogar verfünffacht. Ab nächstem Jahr geben einige Hersteller gar keine bestätigten Liefertermine mehr heraus – exakte Planung? Unmöglich! Mit den Folgen werden wir nicht nur 2021, sondern auch noch 2022 zu kämpfen haben. Manche Komponenten haben aktuell schon Lieferzeiten von bis zu 500 Tagen, also bis 2022.

Die Rahmen sind da…
… und können lackiert werden. Doch kommen auch alle Teile?
Egal ob Reifen oder Schaltungskomponenten,…
… die Nachfrage kann in vielen Bereichen nicht befriedigt werden.

Das kann dazu führen, dass fast fertige Bikes nicht ausgeliefert werden können, weil kleine entscheidende Teile wie beispielsweise eine banale Sattelklemme fehlen. Und das ist genau die Krux: Ein Hersteller konnte vielleicht seine Rahmen produzieren, hat aber keine Bremsen, Sattelklemmen oder Vorbauten mehr bekommen – ergo kann der Hersteller seine Bikes nicht ausliefern.

Davon träumt gerade die ganze Bike-Industrie: volle Lager, um die hohe Nachfrage 2021 zu befriedigen.

Wer zu spät kauft, geht leer aus – drohen Händlerpleiten 2021?

Abgesehen von der Verfügbarkeit von Bikes und Komponenten gibt es weitere Folgen: Es droht ein Händler-Sterben. Viele Händler starten mit leeren Lagern in die neue Saison, weil sie ihre Aufträge zu spät geschrieben haben. In Zeiten, in denen früher noch fröhlich geordert wurde, waren die Bücher der Hersteller bereits zugeklappt, weil schlichtweg nichts mehr da war, sprich die Hersteller bereits ans Limit ihrer Produktion bzw. Verfügbarkeit gekommen waren.

Black Friday Sales in der momentanen Marktsituation sind schwierig zu bewerten. Der Industrie gehen die Teile aus, hierfür sind die Unterbrechungen der Lieferketten und in einigen Bereichen auch schlicht ein Rohstoffmangel verantwortlich. Eine Rabattschlacht ist aktuell sicher vollkommen kontraproduktiv, weil drohende Probleme damit akut verstärkt werden. Speziell unter dem Gesichtspunkt der Warenknappheit in der erst beginnenden Saison. – Andreas Makowsky, Kellys Bikes

Herausforderungen beim Service und der Ersatzteilversorgung

Händler, die sich auf das Thema Service fokussieren, haben ebenfalls zu kämpfen: 2021 wird es eine schlechte Ersatzteilversorgungslage geben, auch die Verfügbarkeit von Verschleißteilen wird nicht garantiert werden können. Gleichzeitig wird der Service aufgrund der erhöhten Nachfrage mit Arbeit überflutet. Es fehlen schlichtweg die Fachkräfte und innovative Anbieter für Serviceangebote, welche die Nachfrage professionell befriedigen können. Viele Kunden stehen aktuell ohne realen Service-Ansprechpartner da. Können wir den Service lukrativer, effizienter und umfangreicher machen? Hoffen wir es! Fakt ist: Es braucht eine bessere Service-Struktur und Abwicklung, um die Effizienz zu erhöhen und dem Bedarf gerecht zu werden. Eine Mammutaufgabe.

Was wir aus dem Bike-Boom in der Krise lernen können

Jeder will etwas Neues und Besseres – aber bringt uns das im Moment weiter? Wäre esnicht viel wichtiger, sich auf die Basics Service, Produktqualität und Haltbarkeit zu konzentrieren? Aktuell braucht es vor allem Stabilität im Markt. Es ist Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Technische, produkt-fokussierte Innovationen sind aufregend, spannend und häufig verkaufsfördernd, doch in den kommenden zwei Jahren geht es erstmal darum, überhaupt Bikes bauen zu können. Braucht es ein super ausdifferenziertes Portfolio oder kann man nicht mit viel weniger Modellen viele Menschen glücklich machen?

Die Verfügbarkeit-bedingten Komponenten-Kompromisse können im Worst Case in Frust und Verdruss münden. Diesen Boomerang-Effekt, der das schnelle Business oder zumindest den Ruf kosten kann, gilt es zu vermeiden.

Es kann in diesen Zeiten deutlich wichtiger sein, sein bestehendes Portfolio zu straffen und sich auf die Basics zu besinnen, als ungestüm mit halb-marktreifen Innovationen voran zu preschen. Ersatzkomponenten, die nicht halten oder für ein deutlich höheres Service-Aufkommen sorgen, können in großem Frust und Verdruss münden. Diesen Boomerang-Effekt, der das schnelle Business oder zumindest den Ruf kosten kann, gilt es zu vermeiden.

Uns ist natürlich bewusst, dass die meisten Hersteller in ihrem Produkt-Entwicklungsstatus bereits im Jahr 2022/23 sind, sprich sofortige Maßnahmen keine direkten Auswirkungen auf die Probleme des kommenden Jahres haben, aber dennoch ist es wichtig, jetzt über Standards zu diskutieren und den Weg in eine einfachere und bessere Zukunft zu ebnen.

Was ist heute noch Standard?

Die Produkt- und Innovationszyklen in der Bikeindustrie waren über die letzten Jahre stets sehr kurz: Ständig kamen neue Standards und Individuallösungen auf den Markt, die noch ein Quäntchen mehr an Performance herauskitzeln oder „den entscheidenden“ Unterschied machen sollten. Das hat nicht nur für hohe Kosten, schlechte Amortisationsrechnungen und unnötige Komplexität und Verwirrungen bei Kunden und Handel gesorgt, sondern kann jetzt mehr und mehr zu einer Herausforderung werden. Die vielen Einzelteile und unterschiedlichen Standards bzw. Speziallösungen sorgen dafür, dass die Verfügbarkeit leidet. Egal ob Felgen- und Naben-Dimensionen, Sattelstützen-, Lenkerdurchmesser, Lager und Verschleißteile – mittlerweile gibt es zu viele Optionen und Konfigurationen, welche die Logistik und Produktion deutlich komplexer machen als vielleicht notwendig. Würde man sich auf wirklich wichtige Standards einigen, könnte die Produktivität der gesamten Branche gesteigert werden. Was 2019 noch Luxus in Form von Individualismus und Marktdifferenzierung war, kann 2021 ein Grund sein, warum manche Bikes nicht geliefert werden können. Wenn wir branchenintern mehr Kompromisse finden, die für alle funktionieren, minimieren wir Risiken und verbessern die Produktivität sowie Ersatzteilversorgung – ein Gewinn für alle!

Achtung: Der Markenwert vieler Bike-Marken wird 2021 sinken!

Klingt auf den ersten Blick logisch: Wer ausverkauft ist, sprich keine Produkte mehr zum Verkaufen hat, der braucht auch nichts mehr bewerben. So tönte es von einigen Bike-Herstellern im Jahr 2020. Werbebudget-Kürzungen waren die Folge, die viele Magazine schmerzlich trafen (uns glücklicherweise nur in sehr geringem Maße). Auch wenn solche Kürzungen zunächst für Liquidität sorgen können, sind die kurz- und langfristigen Folgen solcher Maßnahmen deutlich gravierender. „Wer nicht wirbt, verliert an Markenwert“ ist das Ergebnis einer Studie von Mediaplus, der größten unabhängigen und partnergeführten Mediaagentur Europas, die auf Mediastrategien, Mediaplanung und messbaren Markenerfolg spezialisiert ist:

„Ein Runterfahren des Werbebudgets kann in Zeiten der Rezession aber sehr negative Folgen für die Markengesundheit haben. Mediaplus hat anhand von 300 Marken aus 35 Marktsegmenten untersucht, welche Auswirkungen Einsparungen am Werbebudget auf Marken-KPIs wie Markenbekanntheit, Werbeerinnerung, Relevant Set und Image haben.

Die Versuchung ist jetzt sehr groß, die Mediabudgets zu kürzen. Unternehmen, die ihr Werbebudget senken, verlieren aber in der Langzeitbetrachtung maßgeblich an Marktanteil und Profit. Veränderungen in den Markenwerten – sowohl positive als auch negative – sind bereits nach sehr kurzer Zeit zu beobachten, wie unsere aktuelle Untersuchung belegt“, sagt Andrea Malgara, Managing Partner Mediaplus.

Soll heißen: Auch wenn man keine Produkte (mehr) verfügbar hat, ist der Hersteller gefordert! Wer als Gewinner aus der Krise hervortreten will, muss seine Markenpräsenz und allgemeine Sichtbarkeit gewährleisten, wenn nicht sogar erhöhen. Und das geht auch ohne Produkte z. B. in Form von Image-Kampagnen, Storytelling und weiteren Maßnahmen. Wir sind sehr gespannt, wie sich diese Erkenntnisse auf die Best Brands 2021 auswirken werden! Mit über 50.000 Teilnehmern pro Jahr ist unsere Best Brands Umfrage eine der größten Meinungsbarometer der Bike-Welt.

Hier seht ihr, welche Mountainbike-Hersteller ihr in 2020 an die absolute Spitze gewählt habt

Generell gilt: Die Absicherung des Kerngeschäfts ist 2021 wichtiger denn je. Hinzu kommt die Bereitschaft, neue Chancen und Möglichkeiten zu erkennen und diese zu nutzen. Das Gleiche gilt natürlich auch für Risiken – und der Vermeidung selbiger.

Neue Kunden, neue Chancen – nie war es für die Branche einfacher, einen größeren Kuchen zu backen!

Biken boomt – mehr denn je und ist mittlerweile zum neuen Volks- und Trendsport aufgestiegen, der fast jeden Menschen anspricht. Deshalb ist das Thema Kundenbindung extrem wichtig. Vor allem Neukunden, die erstmals mit dem schönsten Hobby der Welt in Berührung kommen, gilt es an die Faszination Fahrrad heranzuführen. Denn wer jetzt neue Kunden gewinnt, wird lange davon profitieren! Dazu braucht es die richtigen Ansprache, Erklärung und Tutorials. Service, Markenkommunikation und Lead-Management helfen, aber auch Verständnis für die Probleme der (Neu-)Kunden muss entwickelt werden.

Porsche oder Lastenrad? Urbane Mobilität auf zwei Rädern ist nachhaltig(er) und hip, erfordert deshalb aber auch neue zielgruppengerechte Ansprachen und Kommunikation!

Aktuell geht es in der Bike-Branche zu wie beim Kauf einer Rolex – 1000-Positionen lange Wartelisten und auch Beziehungen helfen wenig!

Machen wir uns nichts vor: Aktuell geht es in der Bike-Branche zu wie bei Rolex. Wer mit viel Kohle im Laden auftaucht, kann noch lange nicht kaufen, sondern muss sich auf über 1000-Positionen lange Wartelisten einschreiben und unterwürfig warten, bis der Händler einem endlich das Geld abnehmen darf. Diese Art von Zuteilungsgeschäft ist komfortabel und kann zu Überheblichkeit führen, deshalb braucht es jetzt trotz Goldgräber-Stimmung Demut, Bodenständigkeit und Bereitschaft für Zukunftsinvestitionen und neue Maßnahmen, um den Erfolg auch für die Zukunft abzusichern und auf der Welle weiter zu reiten. Denn auch diese Zeiten werden vorübergehen und man wird sich wünschen, damals kein ignoranter Arsch, sondern vorausschauend gewesen zu sein! Selbst wenn man aktuell kaum oder keine Produkte zu verkaufen hat, sollte man die Füße nicht hochlegen, sondern in Sichtbarkeit, Kundenbindung und Markenbildung einerseits und Service und Qualität andererseits investieren. Denn das ist der Grundstein für die nächsten Jahre und für einen größeren Teil vom immer werdenden Kuchen, der logischerweise auch neue Marktteilnehmer anzieht!

Mehr Produktionskapazitäten sind genauso wichtig wie Kundenservice und Qualitätsmanagement – nur wer ganzheitlich denkt, wird langfristig den Schwung aus der Krise mitnehmen und gewinnen können.

Gehen die kleinen Hersteller, Manufakturen und Händler unter?

Kurz gesagt: einige leider ja. Trotz Boom-Branche wird es massive Pleiten geben. In Krisenzeiten gewinnt, wer die Mittel hat oder schnell und klar agiert, in Problemen Chancen sieht sowie Mut und Risikobereitschaft mitbringt. Aber auch kleine Fehler können zu großen Problemen werden. Eine zu spät platzierte Vororder kann dieses Jahr schon dafür sorgen, dass man in der nächsten Saison ohne Ware dasteht. Das gilt nicht nur für Bikes, sondern auch für Equipment und Ersatzteile. Die zuerst noch abstrakte Bedrohung hat dabei bereits konkrete Züge angenommen. Der Kampf um Produktionskapazitäten, Vorkaufsrechte und Kontingente hat bereits im Frühjahr 2020 in der Phase des ersten Lockdowns begonnen und sorgt – gewollt oder ungewollt – für Marktverdrängungen. In einem interessante Beitrag von Velotraum, die in der Nähe unserer Redaktion ihren Sitz haben, schildert der Hersteller, wie mit der schwierigen Situation umgegangen wird.

Volle Auswahl? Schön wär’s! Dieses Bild ist vor ein paar Jahren entstanden, als man beim Händler noch fröhlich shoppen und schauen konnte, weil man die Qual der Wahl hatte. Manche Händler haben für 2021 zu wenig Ware, um die Saison überleben zu können.

Was tun als Kunde? Flatten the Curve!

So viel vorweg: Egal ob beim Bike-Kauf oder beim Bike-Service – 2021 wird es lange und zahlreiche Belastungsspitzen für Kunden und Handel in Form von Wartelisten, Schlangen vor den Shops und den Werkstätten geben. Wer sich erst dann darum kümmert, wenn das Wetter schön und die Temperaturen wieder warm sind, der ist zu spät dran. Mit einem antizyklischen Verhalten hingegen kommt ihr mit weniger Stress und Druck zum Ziel. Denn wer zu spät kommt, verpasst nicht nur das beste, sondern muss mit stärkeren Kompromissen rechnen. Daher unser Rat: Zieht die Kaufentscheidung nicht hinaus. Zudem solltet ihr etwas mehr Flexibilität und Kompromissbereitschaft mitbringen und ggf. auch offen für Alternativen sein. Unser Tipp: Viele Händler haben bereits ihre Vororder getätigt. Bei der Vorbestellung könnte das richtige Rad für euch (noch) dabei sein und ihr könnt direkt zuschlagen – sprecht also mit eurem Händler. Wichtig ist aber auch zu akzeptieren, dass es in der Rad-Branche nicht so läuft wie bei Amazon – gerade in der aktuellen Zeit können sich Lieferzeiten verzögern. Sinnvoll ist es zudem, beim Bike-Kauf direkt nach dem Serviceangebot und einer Erstinspektion zu fragen und idealerweise direkt einen Termin auszumachen. Dass Bikes in Zukunft wieder günstiger werden, davon kann man nicht ausgehen. Wer kaufen muss, der sollte das ASAP tun. Wer noch warten kann, der wird vermutlich Ende 2022/ Anfang 2023 mit „normalen“ Verhältnissen rechnen dürfen.

Selbst an seinem Bike schrauben zu können ist ein wichtiger Softskill für 2021 – denn die Werkstattkapazitäten bei Herstellern und Händlern werden am Limit sein!

Wenn es um Service geht, ist jetzt die beste Zeit, ein paar Skills zu lernen, um damit ggf. kleinere, einfache Reparaturen selbst erledigen zu können. Damit helft ihr nicht nur euch, sondern sorgt auch dafür, dass Händler entlastet werden und Zeit haben, sich um ernsthaftere Problem zu kümmern, als einen platten Reifen oder eine gerissene Kette. Termine für eine Jahresinspektion und größere Änderungen solltet ihr frühzeitig buchen, sonst steht ihr am Ende ohne da. Tipp: Ostern ist zu spät! Antizyklisches Verhalten ist auch hier schlau. Am besten bringt ihr euer Bike sogar schon in den ersten Monaten des neuen Jahres zum Service!

Kette gerissen und nun? Jetzt ist die beste Zeit, das kleine Einmaleins im Service zu lernen, um damit kleinere, einfache Reparaturen selbst erledigen zu können. Das hilft nicht nur euch, sondern entlastet auch euren Händler vor Ort, der dann mehr Zeit für größere Reparaturen als eine gerissene Kette hat.

Was bedeutet das für uns als Magazin?

Wir dürfen uns glücklich schätzen, nach aktueller Lage zu den Gewinnern der Krise zu gehören. Dank unserer starken Marktposition, unserem Fokus auf Relevanz und Qualität, konnten wir auch dieses Jahr starke Wachstumszahlen verzeichnen. Corona hat die Digitalisierung stark befördert, andere Verlage und Magazine stecken in Kurzarbeit oder in Sparmaßnahmen, wir hingegen erweitern unser Team. Allein Anfang 2021 wollen wir vier neue Stellen schaffen. Interesse? Dann abonniere unseren Newsletter, in dem du über neue Stellen bei uns erfährst.

In der aktuellen Situation die richtigen Bikes zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Testbedingungen zu haben, ist kein leichtes Unterfangen – aber das hält uns nicht ab es zu versuchen, wie man sieht. Mit dabei sogar: einige Bikes, die offiziell noch nicht vorgestellt wurden!
Und wenn wir mal nicht alle Bikes bekommen sollten, dann gehen wir dennoch biken…
… einfach weil es geil ist und das beste ist, was man aktuell tun kann. Zwar nicht immer mit Sonne und Meer am Horizont, aber Hauptsache biken!

Dennoch wirft die Situation einige fundamentale redaktionelle Fragen auf: Wie gehen wir mit dem Thema Service und Verfügbarkeit um? Wie bewerten wir Faktoren wie Verfügbarkeit, Qualitätssicherung und Service- sowie Haltbarkeitsthemen in unseren Tests und Kaufberatungen. Denn Fakt ist: 2021 und 2022 werden diese Themen eine zentrale Rolle im Markt spielen. Außerdem stellt sich die Frage, wie „gravierend“ bewerten wir Produkte, die an den Bikes eigentlich gar nicht dran sein sollten, aber es nun mal aufgrund von Verfügbarkeiten sind. Denn logisch ist: Einige Hersteller werden das montieren, was sie eben an Komponenten kriegen können, getreu dem realitätsnahen Motto „playing’ with what you got“.

Das gilt für uns genauso, auch wir sind nicht gefeit vor Lieferengpässen und nicht verfügbaren Testbikes, sodass manch aussagekräftige Story leider nicht stattfinden kann. Nichtsdestotrotz: Wir geben auf jeden Fall unser Bestes, um euch – egal ob Neueinsteiger oder Experten – optimal zu unterstützen.

Ob 2021 zur Mission Impossible wird? Wir sagen ganz klar: nein! Es geht immer weiter und mit Verständnis, Respekt und den richtigen Maßnahmen kommen wir da gemeinsam gut durch!

Und wie geht es weiter?

Aller Unsicherheit und Unwägbarkeiten zum Trotz wird es immer ein Morgen geben. Umstände ändern sich tagtäglich wenn wir uns nicht entsprechend weiterentwickeln, heißt es wie schon immer in der Geschichte der Menschheit: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Wenn wir als Industrie heute den Mut und die Weitsicht haben, die richtigen Entscheidungen, für die in Zukunft relevanten Themen zu treffen, dann kommen wir automatisch zum Ziel. Die Bedürfnisse der Kunden, die Herausforderungen und Pain Points der Branche und Produktionsstätten sind klar – also lasst sie uns anpacken. Denn damit bauen wir nicht nur eine sichere Zukunft, sondern vermeiden auch möglichen Frust und sorgen für zufriedene, glückliche Kunden.

Die gute Nachricht: Es geht weiter!

Die gute Nachricht: Es wird besser – die Bike-Industrie wird mittelfristig Lösungen finden, qualitative Skalierung lernen und sich noch besser aufstellen. Und das ist auch wichtig so. Denn jüngste Studien europäischer Fahrradverbände gehen von einem Wachstum von über 50 % des europäischen Fahrradmarkts in den kommenden 10 Jahren aus. Klingt gut, oder? Eine Entspannung der aktuellen Situation erwarten Experten Ende 2022/Anfang 2023.

Fazit

Sich über steigende Preise, lange Liefer- und Servicezeiten aufzuregen ist einfach, doch die Realität dahinter ist meist komplexer. Klar ist es frustrierend und nervig, sein heiß geliebtes Hobby in der aktuellen Situation nicht ganz so ausüben zu können, wie man es bislang gewohnt war. Aber alles hat seine Gründe – mit Verständnis, Respekt, der richtigen Portion Druck und Forderungen kommen wir da jedoch gemeinsam durch! Alles eine Frage der Balance – und wie heißt es so schön: Life is like riding a bicycle. To keep your balance you must keep moving.


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Text: Jonas Müssig, Robin Schmitt Fotos: diverse