Yes, richtig gelesen. Der für seine Drohnen bekannte Hersteller DJI stellt sein erstes eigenes E-MTB Motor-System vor. Das DJI Avinox-Motorsystem besteht aus einer Armada an eigenen Komponenten: 120 Nm starker Mittelmotor, Batterien, schickes Touchdisplay, umfangreiche App – und das zu einem verdammt niedrigen Systemgewicht. Wir hatten die Chance, das System bereits auf dem Trail zu testen.

Dass DJI weiß, wie man kleine und leistungsstarke Elektromotoren baut, haben sie mit ihrer Dominanz im Drohnen-Business mehr als bewiesen. Dazu kommen enormes Know-how und viel Erfahrung im Bereich der Batterie-, Connectivity- und App-Entwicklung sowie immense Ressourcen aus der Tech-Industrie. Eine vielversprechende Grundlage also, um ein eigenes Motor-System für E-Mountainbikes zu entwickeln.

Zum Start der EUROBIKE in Frankfurt erblickt nun das DJI Avinox-Motorsystem das Licht der E-MTB-Welt. Herzstück ist der 120 Nm starke Mittelmotor. Er kann mit einer 600 Wh oder 800 Wh großen und ebenfalls eigens entwickelten Batterie kombiniert werden. Gesteuert wird das Avinox-Motorsystem gleich mit zwei kleinen Remotes und einem im Oberrohr integrierten Touchdisplay inklusive 4G LTE-Schnittstelle, mit dem ihr auch ohne Handy in der Hosentasche eure Rides aufzeichnen könnt. Zudem gibt es eine eigene App, die neben den klassischen Motorverstellungen auch einiges an Statistik- und Sicherheits-Features bietet.

Doch ohne einen fahrbaren Untersatz kommt man mit dem neuen DJI Avinox-Motorsystem nicht weit. Als exklusiven Partner hat DJI deshalb die ganz frisch gegründete Bike-Marke AMFLOW ins Boot geholt, die ein potentes E-Mountainbike in zwei unterschiedlichen Ausstattungsvarianten vorstellt – beide mit dem DJI-System. Das AMFLOW PL setzt auf 160 mm Federweg an der Front und 150 mm Federweg am Heck in Kombination mit einem Carbonrahmen. Unser AMFLOW Top-Modell, das auf den Namen PL Carbon Pro hört, bringt es trotz 800-Wh-Batterie auf lediglich 20,3 kg – und das mit bis zu 120 Nm Drehmoment.

AMFLOW PL Carbon Pro | DJI Avinox/800 Wh | 160/150 mm (v/h)
20,3 kg in Größe L

Was kann das DJI Avinox-Motorsystem?

Der Motor am DJI Avinox Motorsystem

Das Herzstück des DJI Avinox-Motorsystems bildet der kompakte Mittelmotor mit schlichtem Aufdruck. Im speziellen Boost-Modus liefert er bis zu 120 Nm Drehmoment und 1.000 Watt Spitzenleistung, im normalen Fahrmodus 105 Nm Drehmoment und 850 Watt Leistung. Selbstverständlich bleibt die Dauerleistung bei 250 Watt, um den EU-Richtlinien zu entsprechen. Dennoch ist der DJI Avinox-Motor auf dem Papier damit wesentlich stärker als die Konkurrenz von Bosch und Shimano, die beide 85 Nm und bis zu 600 Watt Maximalleistung abwerfen. Dazu kommt, dass der DJI Avinox-Motor laut Hersteller lediglich 2,52 kg auf die Waage bringt, was ihn um einige hundert Gramm leichter macht als die relevante Konkurrenz. So liegt z. B. ein Bosch CX-Motor bei 2,9 kg. Wer hier gerne mehr Vergleichswerte oder Informationen über die Konkurrenz möchte, sollte unbedingt unseren ausführlichen Motoren-Vergleichstest anschauen. Zudem ist der DJI Avinox-Motor mit seinen Abmessungen kompakt gehalten und ermöglicht es den Herstellern, ein konkurrenzfähiges und schlankes Bike zu entwickeln.

600-Wh- oder 800-Wh-Batterie am DJI Avinox-Motorsystem

Als Energiequelle dienen zwei ebenfalls selbst entwickelte Batterien. Eine 2,9 kg schwere Batterie mit 600 Wh Kapazität und ein 3,7 kg schweres Modell mit 800 Wh. Beide Gewichtsangaben stammen vom Hersteller und wir hatten bislang nur die Chance, unser Test-Bike und keine einzelnen Komponenten unter die Lupe zu nehmen. Sollten die Werte aber stimmen – was das niedrige Gewicht von unserem Testbike vermuten lässt –, wären die beiden Batterien sehr leicht gehalten. Denn eine 750 Wh große Batterie von Bosch bringt es auf stolze 4,38 kg, also fast 700 Gramm mehr, mit 50 Wh weniger Kapazität. Mithalten kann hingegen die 630-Wh-Batterie von Orbea, die es ebenfalls auf 2,9 kg schafft. Geladen werden die DJI-Batterien mithilfe zweier verfügbaren Ladegeräten: einem Standardgerät und einem sogenannten High Performance-Charger. Letztere soll die Ladedauer halbieren und so in ca. 3 Stunden eure 800-Wh-Batterie von 0 auf 100 % bringen. Auch hier hatten wir die Möglichkeit, vor unserem Testride die Ladegeschwindigkeit des High Performance-Charger zu erleben, der mit einer Ladedauer von lediglich 20–25 min den Batterieladestand um fast 20 % erhöht hat. Einen Range-Extender gibt es bislang noch nicht im Programm.

Das 2”-OLED-Touchdisplay am DJI Avinox-Motorsystem

Im Oberrohr des E-Mountainbikes findet sich dann das 2”-OLED-Display, ähnlich wie man es auch von TQ kennt. Das Besondere beim DJI: Das Display ist mit einem Touchscreen ausgestattet und man kann eine SIM-Karte einstecken, um z. B. Fernzugriff auf das Bike zu haben oder es orten zu können. Wie gut die Verbindung durch den Carbonrahmen dann ist, konnten wir leider noch nicht testen. Zudem ist das Display mit einem GPS-Sensor, einem Barometer, Gyrosensoren und vielen weiteren Connectivity-Features – wie ANT+ und Bluetooth 5.1 – ausgestattet. So habt ihr auch die Möglichkeit, eure Ausfahrten genau zu tracken und diese dann auf dem 8 GB großen internen Speicher und der dazugehörigen App zu sichern. Zudem kann das Display auch Werte wie eure Herzfrequenz und den Kalorienverbrauch anzeigen, insofern ihr weitere Geräte wie z.B. einen Brustgurt verbindet. Das Touchdisplay selbst funktioniert sehr gut, in puncto Sensibilität ist es mit dem eines modernen Handys vergleichbar. Auch Schweißtropfen, die während der Fahrt auf dem Display landen, oder Dreck vom Trail haben die Sensibilität des Touchdisplays nicht gestört. So könnt ihr mit dem Finger einfach durch die Seiten wechseln oder Einstellungen vornehmen. Wie es mit Bike-Handschuhen funktioniert, muss sich noch zeigen. An der Oberseite des Displays befindet sich ein USB-C-Ladeport, der laut DJI es euch auch ermöglicht, Laptops oder andere große elektronische Geräte zu laden.

Die beiden Lenkerremotes am DJI Avinox-Motorsystem

DJI setzt unüblicherweise auf zwei kleine Remotes, die ihren Platz links und rechts am Lenker finden. Sie fallen schlicht und minimalistisch aus, sind durch ihre Bluetooth-Verbindung kabellos und mit Pfeilen und Symbolen versehen. An der linken Seite können die Fahrmodi hoch oder runter gestellt sowie der Walk- und Boost-Modus aktiviert werden. Gekennzeichnet sind sie durch einen Schuh und eine Rakete. Auf der rechten Seite könnt ihr hingegen die smarten Features des Systems bedienen, durch die Menüführung switchen und eure Auswahl bestätigen. Haptik und Ergonomie sind hochwertig und neben einem lauten Piepen ist deutlich spürbar, dass der Taster betätigt wurde. Die Batterielaufzeit der Remotes soll 2 Jahre betragen.

Die Avinox App des DJI Avinox-Motorsystems

Die Experten von DJI haben bereits mit ihrer Drohnensteuerung bewiesen, dass sie wissen, wie man eine benutzerfreundliche und gut funktionierende App entwickelt. Gleiches gilt für den Verbindungsaufbau und die Übertragungsgeschwindigkeit zwischen System und App. Wir hatten bereits die Chance, durch die sehr benutzerfreundliche und immens vielfältige App zu stöbern und einige Funktionen, wie die unterschiedlichen Settings der Fahrmodi, zu testen. So lassen sich die Fahrmodi in unterschiedlichen Aspekten – wie Drehmoment, Dauer des Nachlaufs, Pedalsensibilität und die Power beim Anfahren – anpassen und Statistiken eurer aufgezeichneten Fahrten anzeigen. Dank implementierter GPS-Ortung könnt ihr aber auch euer Bike verfolgen und mit unzähligen Funktionen lässt sich der Look eures Touchdisplays anpassen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs und wir haben bisher noch keine Motoren-App gesehen, die so viele Einstellmöglichkeiten bietet.

Die Fahrmodi am DJI Avinox-Motorsystem

Zur Verfügung stehen euch 6 unterschiedliche Fahrmodi am DJI Avinox-Motorsystem, wobei der Modus, in dem die Motorunterstützung abgestellt ist, hier mit einbezogen ist. Klassisch gibt es dann einen Eco-, Trail- und Turbo-Modus, der in der App konfiguriert werden kann. Durch Halten der Raketen-Taste an der linken Remote betätigt ihr den Boost-Modus, in dem ihr dann für 30 Sekunden die maximalen 120 Nm Drehmoment und 1.000 Watt Spitzenleistung abrufen könnt – ähnlich wie beim Boost-Modus des FAZUA Ride 60-Motorsystems. Durch Umschalten der Fahrmodi kann der Boost-Modus wieder abgeschalten werden. Kurz vor Ablauf des Boost-Modus signalisiert euch das System durch mehrfaches Piepen den Switch zurück in einen schwächeren Modus. Möchtet ihr weiterhin mit Boost die Trails hochfliegen, könnt ihr ihn einfach direkt erneut aktivieren und bekommt weitere 30 Sekunden extra Power. Irgendwann wird die Software zum Schutz vor Überhitzung eingreifen und den Boost-Modus aussetzen, was wir allerdings bislang noch nicht provozieren konnten. Als sechster Modus steht euch ein Auto-Modus zur Verfügung, der die Motorleistung an eure Anforderungen anpasst. Möglich wird das mithilfe von Sensoren wie z. B. dem Neigungssensor und einem ausgeklügelten System, das weiß, in welchem Gang ihr euch befindet.

Der erste Fahreindruck des DJI Avinox-Motorsystems

Wir hatten bereits die exklusive Chance, das DJI Avinox-Motorsystem ausführlich mit zwei Testfahrern auf den Trails rund um den Feldberg bei Frankfurt auszuführen und ausgiebig zu testen. Die Trails lieferten uns eine optimale Spielwiese mit verschiedensten Szenarien, von knackigen Anstiegen, über technische und enge Kurven mit Wurzeln und Steinen bis hin zu Highspeed-Passagen. Zudem waren sowohl die Wurzeln als auch der Großteil der Trails noch sehr feucht und haben so für extra anspruchsvolle Bedingungen gesorgt – vor allem in Bezug auf die Motor-Sensibilität.

Schon im Antritt ist die brachiale Power des DJI Avinox deutlich spürbar und schiebt einen ordentlich voran. Dennoch kann er gut dosiert werden und wirkt nicht zu stürmisch, sondern überzeugt mit einem natürlichen Fahrcharakter, besonders beim Anfahren. Fahrt ihr z. B. im Turbo-Modus aus dem Stand los, fühlt er sich zunächst zahm an und greift erst mit voller Power ein, wenn ihr bereits leicht ins Rollen gekommen seid. So zieht es euch nicht direkt das Bike unter dem Körper weg, wenn ihr mal aus Versehen an das Pedal kommt. Dennoch kann man an steilen Rampen anfahren, ohne mit einem durchdrehenden Hinterrad oder einem steigenden Vorderrad zu kämpfen.

Während der Fahrt kann man aus den 6 Unterstützungsstufen wählen. Im Turbo-Modus shuttelt der DJI einen steile Rampen hoch, ohne dass man ins Schwitzen kommt, und zieht mit seiner brachialen Power an der momentanen Konkurrenz vorbei. So entscheidet man das Duell gegen die Kumpels mithilfe des DJI Avinox-Motorsystems gekonnt für sich.

Durch einen Speedsensor mit 42 Messpunkten, die vom Sensor erfasst werden, reagiert das DJI Avinox-Motorsystem feinfühlig auf Impulse des Fahrers. Ebenso feinfühlig reagiert auch der Motor auf ein durchdrehendes Hinterrad bei technischen Anstiegen. Selbst auf losem Untergrund und nassen Wurzeln schafft es der DJI Avinox-Motor, die Kraft ohne großen Schlupf an den Boden zu übertragen und euch konstant in Richtung Gipfel zu schieben – sehr beeindruckend.

Während das DJI Avinox-Motorsystem im Eco-Modus kaum die Abrollgeräusche des Reifens übertönt, kann man unter Volllast ein elektronisches Pfeifen hören. Das ist in Bezug auf die Lautstärke und Tonlage akzeptabel und ähnelt dem Geräuschpegel eines Bosch CX- oder Shimano EP801-Motors. Leider ist das Avinox-System in der Abfahrt nicht komplett leise und ein metallisches Klackern aus dem Bereich des Motor-Freilaufs ist zu hören. DJI ist sich dem Problem bewusst und hat eine zeitnahe Lösung versprochen.

Über die umfangreiche App lassen sich die Unterstützungsstufen auch unterwegs schnell an die eigenen Vorlieben anpassen. So lässt sich z. B. der Nachlauf des Motors von kaum spürbar bis zu sehr lang einstellen. Gerade auf technischen Anstiegen schiebt einen dann der lange Nachlauf über Steine und Kanten, an denen man nicht treten kann. Sowohl im Nachlauf als auch jenseits der 25-km/h-Grenze endet die Motorunterstützung nie abrupt, sondern wird kaum spürbar abgeschaltet.

Wie steht es um das neue DJI Avinox-Motorsystem

Konkurrenz belebt den Markt und genau das erwarten wir vom neuen DJI Avinox-Motorsystem. Was wir bisher erlebt und gesehen haben, war sehr vielversprechend, die Erfahrungen und Ressourcen bei DJI sind vorhanden und der erste Schritt mit einer großen Vorstellung auf der EUROBIKE in Frankfurt gelungen. Auch wenn das DJI Avinox-Motorsystem unserer Meinung nach mit seinen Features, dem leichten Gewicht und der vielen Power ordentlich Potenzial zeigt, bleibt es nicht das einzige Motorsystem, das diesen Sommer vorgestellt wird. Denn auch Hersteller wie ZF, Delta oder Preeto haben neue Motoren vorgestellt und auch die etablierten Marken wie Bosch, Shimano und Brose schlafen nicht.

Als ersten Launch-Partner macht auch AMFLOW mit ihrem PL-Modell einen starken Eindruck. Auch wenn wir den anfänglichen Gewichtsangaben nicht blind vertraut hatten, konnten wir nun unser Test-Bike selbst wiegen und uns von den Angaben überzeugen. Mit bis zu 120 Nm Drehmoment, einem 800-Wh-Akku und Trail-tauglicher Ausstattung hat es unser Test-Bike in Rahmengröße L auf lediglich 20,3 kg gebracht. Das AMFLOW PL Carbon-Bike wird es übrigens sehr bald über DJI und ausgewählte Händler zu kaufen geben. Als Servicenetzwerk greift DJI auf ihre bestehenden und weltweit verfügbaren Ressourcen zurück, die sie bereits durch ihr Drohnen- und Powerbank-Business aufgebaut haben. Wir sehen es nach unserem ersten Eindruck nur als eine Frage der Zeit, bis weitere Bike-Hersteller auf das DJI Avinox-Motorsystem aufspringen werden.

Das Fazit zum neuen DJI Avinox-Motorsystem

Krass. Selten war die Vorstellung und der erste Fahrtest eines neuen E-Bike-Systems so vielversprechend wie die des DJI Avinox-Motorsystems. DJI hat mit dem Avinox ein gelungenes Erstlingswerk geschaffen und boxt direkt gegen die schweren Jungs im Ring. Die große Erfahrung der Chinesen mit kompakten Elektromotoren, das Know-how in Bezug auf Software und Connectivity sowie die Ressourcen einer riesigen Tech-Brand tragen ihre Früchte: Der DJI Avinox ist sowohl in Sachen Features als auch Fahrperformance eine echte Bereicherung für die E-Bike-Welt und hat das Potenzial, die Marktverhältnisse zu verändern. Chapeau DJI! 脱帽致敬

Tops

  • viel Power mit super Dosierbarkeit
  • sensibles Ansprechverhalten
  • extrem vielfältige App und Software
  • coole und durchdachte Features
  • stimmiges Gesamtkonzept

Flops

  • metallisches Klappern in der Abfahrt

Weitere Infos über das neue DJI Avinox-Motorsystem findet ihr auf der Website von DJI.


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Words & Photos: Peter Walker, Mike Hunger