Kein anderes Thema wird bei E-Mountainbikes so heiß diskutiert wie der Motor. Kommt es dabei nur auf die reine Power an? Oder spielt die Summe der kleinen Details eine mindestens genauso wichtige Rolle? Wir haben die 10 wichtigsten Antriebe ausführlich getestet und einen klaren Sieger gefunden.

Watt soll dat? Die wichtigsten Kennzahlen erklärt

E-Mountainbike-Antriebe werden oft anhand einiger Kennzahlen beschrieben. Den Charakter und das Fahrverhalten des Motors auf dem Trail kann man aus diesen Werten aber nur bedingt herauslesen. Sie geben vielmehr einen groben Richtwert vor:

Die Leistung der E-Mountainbike-Motoren wird in Watt angegeben. Ihre durchschnittliche Leistung, die sog. Nennleistung, darf über einen Zeitraum von 30 min eine Durchschnittsleistung von 250 W nicht übersteigen – so schreibt es das Gesetz vor. Alle hier getesteten Motoren erfüllen laut Hersteller diese Norm, können in der Spitze jedoch auch das Zwei- bis Drei- oder gar Vierfache leisten.

Das Drehmoment (in Newtonmeter, Nm, angegeben) beschreibt, wie stark der Motor ist. Der stärkste Antrieb im Test ist der TQ-Motor mit bis zu 120 Nm Drehmoment. Ihre Energie ziehen die Motoren aus internen Akkus, die in das Unterrohr eingeschoben sind, oder aus externen Lösungen, die meistens auf dem Oberrohr platziert werden. Wie lange ein Akku durchhält, bevor er leer gefahren ist, hängt von seiner Kapazität und dem „Verbrauch“ des Motors ab. Die Kapazität wird in Wattstunden (Wh) angegeben. Ein 500-Wh-Akku hält dementsprechend 2 h durch, wenn der Motor in dieser Zeit permanent 250 W aus dem Akku zieht.

Alle hier getesteten Motoren erfüllen laut Hersteller diese Norm, können in der Spitze jedoch auch das Zwei- bis Drei- oder gar Vierfache leisten.

Unterstützungsstufen

Alle Motoren bieten mehrere Unterstützungsstufen an, die von den Herstellern in Prozent angegeben werden und den Unterstützungsfaktor beschreiben. Unterstützt ein Motor wie beispielsweise der alte Bosch Performance Line CX (2015 – 2019) in der stärksten Stufe mit 300 %, verdreifacht er die Kraft des Fahrers. Je nach Motor gibt es Stufen mit einer Unterstützung von 50 % bis über 400 % oder gar 500 %. Je mehr Stufen ein Motor hat, desto genauer könnt ihr ihn an die momentane Fahrsituation anpassen. So könnt ihr eure Reichweite im Eco-Modus erhöhen oder für steile Rampen die maximale Motorkraft abrufen. Ein progressiver Modus kann dank der verbauten Sensoren erkennen, ob ihr gerade entspannt pedaliert oder mit aller Kraft in die Pedale tretet, und passt die Unterstützung entsprechend an. Das sorgt besonders auf dem Trail für ein sehr natürliches und intuitives Fahrgefühl. Tretet ihr mit viel Kraft in die Pedale, unterstützt euch der Motor auch entsprechend. So eine smarte Unterstützungsstufe macht den Wechsel zwischen den einzelnen Modi fast überflüssig. Sowohl bei den Prozentangaben als auch bei den Nennleistungsangaben der Hersteller ist Vorsicht geboten: Da es keine gesetzlich vorgeschriebenen, einheitlichen Prüfverfahren gibt, sind die Zahlen nicht exakt miteinander vergleichbar.

Bauform/Gewicht

Der beste Motor ist nur so gut wie das Bike, in dem er steckt. Dabei hat die Größe des Antriebs einen signifikanten Einfluss auf die Fahr-Performance. Kompakte Motoren lassen den Designern mehr Spielraum beim Entwickeln des Hinterbaus. Nicht nur das Gewicht, sondern auch die Lage von Motor und Akku beeinflussen das Handling des Bikes enorm.

Displays und Remotes

Beim Display und bei der Remote zum Wählen der Unterstützungsstufe reicht das Spektrum von minimalistischen Lösungen bis hin zu großen Displays mit Navigations- und App-Features. Bei den Cockpit-Systemen von Bosch oder Shimano müssen die Bike-Hersteller eine der vorgefertigten Lösungen verwenden, während sie bei Motoren-Herstellern wie TQ oder Brose nahezu die freie Wahl haben und auch eigene Lösungen entwickeln können. Dafür hat man z. B. bei Shimano auch als Kunde noch die Möglichkeit, das Cockpit mit den Plug-and-Play-Komponenten an die persönlichen Vorlieben anzupassen. Trotz der Vielfalt an Display-Lösungen kämpft man als E-Mountainbiker immer wieder mit drei ganz wesentlichen Problemen: Die Remote ist oft nicht gut zu erreichen oder so klobig, dass Kompromisse beim Hebel der Sattelstütze eingegangen werden. Das Display oder die Remote sitzen so exponiert auf dem Lenker, dass sie schnell zerkratzen oder kaputtgehen können. Und auch die Ablesbarkeit des Displays leidet oft bei zu starker Sonneneinstrahlung. Specialized (Brose) und Shimano bieten das beste Konzept, da sie euch die Wahl lassen: Ihr könnt minimalistisch und mit super cleanem Cockpit unterwegs sein oder stets mit allen relevanten Informationen versorgt werden.

Das Smartphone ist (fast) nicht mehr wegzudenken

Downsizing ist nicht nur beim Dienstwagen in aller Munde. Manchmal kann weniger Leistung auch mehr Fahrspaß oder eine höhere Reichweite bedeuten. Der super kompakte FAZUA-Motor und der „schwache“ Shimano STEPS E7000 haben „nur“ 60 Nm Drehmoment, bringen euch aber dennoch entspannt, sehr natürlich und im Zweifel eben etwas langsamer ans Ziel. Wie beim Auto ist die Reichweite dabei eine Frage der Fahrweise: Shuttelt man sich mit dem schwächeren Motor nicht permanent auf der höchsten Stufe zum Gipfel, saugt er den Akku spürbar langsamer leer.

Downsizing

Downsizing ist nicht nur beim Dienstwagen in aller Munde. Manchmal kann weniger Leistung auch mehr Fahrspaß oder eine höhere Reichweite bedeuten. Der super kompakte FAZUA-Motor und der „schwache“ Shimano STEPS E7000 haben „nur“ 60 Nm Drehmoment, bringen euch aber dennoch entspannt, sehr natürlich und im Zweifel eben etwas langsamer ans Ziel. Wie beim Auto ist die Reichweite dabei eine Frage der Fahrweise: Shuttelt man sich mit dem schwächeren Motor nicht permanent auf der höchsten Stufe zum Gipfel, saugt er den Akku spürbar langsamer leer.

Tritt in die Pedale, und zwar richtig!

Die Kadenz bzw. Trittfrequenz, mit der ihr pedaliert, hat einen immensen Einfluss auf den Motor und die Unterstützung, die er euch liefern kann. Jeder der verbauten Elektromotoren hat einen idealen Drehzahlbereich, in dem er besonders viel Leistung entfalten kann und maximale Effizienz besitzt. Je nach Bauart und interner Übersetzung sind die Motoren bei entweder niedrigeren oder höheren Trittfrequenzen im optimalen Bereich. Ein guter Motor kann mit der schwankenden Trittfrequenz des Bikers umgehen und liefert über einen breiten Bereich viel Unterstützung, ohne bei besonders niedriger oder hoher Kadenz abrupt an Leistung zu verlieren. Das Paradebeispiel: Der Brose Drive S Mag stellt sein maximales Drehmoment über ein sehr breites Kadenz-Spektrum zur Verfügung und hat auch außerhalb des optimalen Bereichs noch ausreichend Power. Sowohl die neue als auch die alte Generation des Bosch Performance Line CX zeigen sich von schwankenden Trittfrequenzen relativ unbeeindruckt und schieben kräftig an.

Dezibelkiller oder Resonanzkatastrophe?

Es klingt wie eine Kleinigkeit, doch auch das Motoren-Geräusch beeinflusst das Fahrempfinden enorm. Ein möglichst leiser Antrieb wirkt am angenehmsten und kann das natürliche Fahrgefühl verstärken. Aber es ist nicht nur der Antrieb, der für die Geräuschentwicklung verantwortlich ist, auch das Rahmendesign beeinflusst durch seinen riesigen Resonanzkörper die Geräuschkulisse. Ein Antrieb, der in einem Bike unauffällig im Hintergrund surrt, kann in einem anderen Rahmen an ein vorbeiknatterndes Mofa erinnern.

Ist da Sand im Getriebe?

Akku leer, Motor aus und jetzt? Über der 25-km/h-Marke oder bei ausgeschaltetem Motor ruft sich der interne Tretwiderstand der Antriebe ins Gedächtnis. Je nach Konstruktion besitzen Motoren eine unterschiedliche interne Übersetzung, um die hohen Drehzahlen des Elektromotors für das Kettenblatt anzupassen. Bei effizienten Lösungen wie dem FAZUA Evation-Motor, dem Pin-Ring-Getriebe im TQ-Motor oder dem Riemenantrieb in den Brose-Antrieben lässt sich beim Pedalieren auch dank spezieller Freiläufe kein Widerstand ausmachen. Dahingegen ist im Yamaha- oder Shimano-Antrieb ein kleiner Tretwiderstand spürbar, sobald die Motor-Unterstützung wegfällt. Beim alten Bosch Performance CX (bis 2019) ist es ein deutlich spürbarer Tretwiderstand. In der neuesten Generation (Bosch Performance Line CX 2020) würde dieses Problem behoben, sodass sich ein Widerstand kaum ausmachen lässt.

Ein Motor, zwei Fahrgefühle

Das Fahrgefühl des Motors wird neben der Hardware besonders stark von der softwareseitigen Motor-Abstimmung beeinflusst. Das geschlossene System von Bosch lässt den Herstellern keinen echten Freiraum in der Gestaltung der Motor-Charakteristik und verhält sich in unterschiedlichen Bikes in etwa gleich. Brose, Yamaha oder TQ lassen den Bike-Herstellern deutlich mehr Freiheiten in der Feinabstimmung des Antriebs. Dadurch kann jeder Bike-Hersteller seinen ganz individuellen Motor-Charakter definieren.

Nicht nur eine Frage des Akkus: die Reichweite

Klar, ein großer Akku mit hoher Kapazität kann dem Motor viel Energie zur Verfügung stellen und für große Reichweiten sorgen. Die Reichweite hängt aber nicht nur von der Größe eures „Tanks“ ab, sondern auch vom Stromverbrauch eures Motors. Der super kraftvolle TQ mit 120 Nm Drehmoment wird auf den ersten Blick sicherlich mehr Energie verbrauchen als der nur halb so starke FAZUA-Antrieb. Doch wie beim Auto gilt auch beim E-Mountainbike: Die Fahrweise beeinflusst den Verbrauch enorm. Darüber hinaus beeinflussen noch unzählige weitere Faktoren die Reichweite, z. B. Reifendruck, Temperatur, Unterstützungsstufe, Fahrergewicht oder Untergrund. Deshalb kann man keine allgemeingültige Aussage über die Reichweite bzw. Reichhöhe treffen. Mehr dazu lest ihr in unserem Artikel „Die Wahrheit über Labortests“.

Was ist eigentlich dieses „natürliche Fahrverhalten“?

Power ist nichts ohne Kontrolle: Ein super kraftvoller Motor lässt sich auf dem Trail nur schwer kontrollieren, wenn er seine Power unvermittelt, ungewollt oder falsch dosiert an das Hinterrad leitet. Besonders beim Anfahren oder nach ganz kurzen Tretunterbrechungen sollte der Motor seine Kraft möglichst schnell, aber nicht zu ruckartig zur Verfügung stellen. Beim E-Biken kommt es auf drei Faktoren an: die Hardware des Motors, die Hardware Mensch mit all ihren individuellen Unregelmäßigkeiten und Variationen in Sachen Trittfrequenz und Tretbewegung sowie die Software. Die Software muss eine ideale, möglichst gefühlvolle Schnittstelle zwischen Motor und Mensch schaffen, damit beide optimal miteinander harmonieren. Und genau diese Harmonie nehmen wir als natürliches Fahrverhalten war. Das gilt übrigens auch für einen geschmeidigen Übergang an der 25-km/h-Schwelle.

Welcher Antrieb ist der beste?

Geht es rein nach den Stückzahlen, macht die alte Generation (2015 – 2019) des tausendfach bewährten Bosch Performance Line CX das Rennen. Galt der alte Bosch vor einigen Jahren noch als die Benchmark, merkt man ihm sein Alter im direkten Vergleich mit den aktuellsten Motoren jedoch deutlich an. Mit dem neu vorgestellten Bosch Performance Line CX 2020 macht Bosch einen riesen Sprung in Sachen Performance und eliminiert die “größten” Schwächen seines Vorgängers. Obwohl die Fahrleistungen auf dem Trail auf absolutem Spitzenniveau liegen, verpasst er den Testsieg aufgrund seines noch immer nicht zielgerechten Display- und Integrationskonzepts.

Beide Shimano-Antriebe überzeugen mit ihrer intuitiven Bedienung, dem kompakten Design und einer klasse Leistungsentfaltung auf dem Trail. Die große Überraschung: Trotz weniger Power macht der „schwächere“ E7000 mit seinem natürlicheren Fahrgefühl auf dem Trail mehr Spaß! Einzig bei niedrigen Kadenzen, sehr steilen Anstiegen und wirklich schweren Fahrern hat der E8000 die Nase vorn.

In Sachen Power spielt der TQ HPR 120S in einer anderen Liga und ist der Konkurrenz haushoch überlegen. Doch genau wie der Yamaha PW-X können beide Motoren kein super natürliches Fahrgefühl vermitteln. Sie benötigen etwas Gewöhnungszeit, lassen sich dann aber auch je nach Unterstützungsstufe und Expertise des Fahrers gut auf dem Trail kontrollieren.

Der beste Antrieb ist bärenstark und dennoch kaum als „Motor“ wahrnehmbar.

Als absolute Underdogs sind FAZUA und Panasonic in den Test gegangen. Der super kompakte FAZUA Evation-Antrieb lässt sich komplett aus dem Bike entnehmen. Ohne Motor-Unterstützung kann man dann wie mit einem herkömmlichen Mountainbike fahren. Die Idee ist genial und gut umgesetzt. Allerdings fehlt es dem FAZUA an Power, um echtes E-Mountainbike-Feeling aufkommen zu lassen. Der Panasonic GX 0 hat einen smarten Automatik-Modus, der das natürliche Fahrgefühl des leichten Motors unterstreicht. In Sachen Durchzug kann aber auch er nicht an der Spitze des Feldes dranbleiben.

Brose schickt wie Shimano gleich zwei Antriebe ins Rennen: Sowohl der Drive S Alu als auch das Pendant mit Magnesium-Gehäuse überzeugen mit super natürlichem Fahrgefühl. Der stärkere Brose Drive S Mag ist kompakter, leichter und kraftvoller als der etwas ältere Drive S Alu. In Sachen Power muss er sich nur dem TQ geschlagen geben und holt sich durch seine perfekte Balance aus natürlichem Fahrgefühl und hoher Motor-Power, sowie den innovativen Integrationsmöglichkeiten für Bikehersteller den absolut verdienten Testsieg.

Fazit

Der Antrieb ist mitunter das zentrale Element eines E-Mountainbikes und bestimmt maßgeblich dessen Charakter, wie ihr in den Erkenntnissen unseres Highend-Bikes-Vergleichstests lesen könnt. Doch die Geometrie, das Fahrwerk und die Ausstattung eines Bikes sind für den Fahrspaß mindestens genauso bedeutend. Deshalb gilt: Ein Motor ist nur so gut wie das Gesamtkonzept des Bikes, in dem er steckt!

Über den Autor

Felix Stix

Durch meinen technischen Hintergrund habe ich mich zum inoffiziellen Leiter unserer Werkstatt gemausert. Hier bereite ich das Equipment für unsere Tests vor und checke die Bikes auf Herz und Nieren. Meine nerdigen Texte mit unzähligen Erklärungen stützen sich meist darauf, dass ich ein Produkt komplett zerlegt und wieder zusammengebaut habe…
Auf dem E-Mountainbike scheppere ich am liebsten über die richtig harten Downhillstrecken und bringe dabei mich und das Material an die Grenzen – oder darüber hinaus. Bergauf geht es eigentlich immer im "Turbo"-Modus, damit ich für die nächste Abfahrt fit bin.