Jeder kennt das: Gerade noch ballerst du einen steilen Trail runter, alles läuft wie am Schnürchen – bis das Vorderrad auf feucht-glitschigen Wurzeln in der Off-Camber-Kurve plötzlich jegliche Kooperation verweigert. Natürlich greifst du zur Bremse, weil das in solchen Momenten ja immer eine super Idee ist. Das Bike rutscht stumpf geradeaus, in die Böschung oder direkt in den bewegungsfaulen Baum am Trailrand. Bäm. Schmerzen. Zwangspause. Mist!
So sehr wir den Nervenkitzel auch feiern – auf diese gefühlt endlosen Millisekunden vor dem Einschlag und das, was danach kommt, verzichten wir dann doch ganz gern. Deshalb investieren wir brav in griffige Reifen, sensibel ansprechende Fahrwerke und Bremsen mit Biss. Doch beim Thema ABS? Ziehen viele plötzlich die Notbremse. Warum eigentlich?
Wir waren bei Bosch in Reutlingen, haben mit Produktmanager Florian Tanten gesprochen und – Naserümpfen mal weggelassen – über gängige Vorbehalte in der Szene diskutiert. Vor allem aber wollten wir die Unterschiede zwischen dem bisherigen Bosch eBike ABS und dem neuen Bosch eBike ABS Pro wortwörtlich erfahren.
Ego-Probleme oder mangelnde Erfahrung? Vorbehalte gegenüber ABS für den Trail-Einsatz
Offensichtlich ruft das Thema ABS in der Szene emotionale Reflexe hervor. Manche stört schon der bloße Gedanke, dass Technik besser bremsen könnte als der eigene, lang trainierte Zeigefinger. Andere fühlen sich durch Assistenzsysteme bevormundet – als würde man ihnen das Rohe, Wilde, den ehrlichen Nervenkitzel nehmen. Und ganz ehrlich: Auch bei uns in der Redaktion war die Skepsis bislang deutlich spürbar.
Bis zu einem gewissen Punkt ist das sogar nachvollziehbar. Aber könnte man es nicht auch anders sehen? Wenn wir ehrlich sind, geben wir uns sonst große Mühe, möglichst viel Performance aus uns und unserem Material herauszuholen – warum also ausgerechnet bei der Bremse dogmatisch werden? Denn klar: Underbiking mag auf YouTube witzig aussehen, aber im echten Leben fahren wir auch keine Slicks auf Wurzelteppichen, wählen Dämpferfedern mit Augenmaß und verzichten nur sehr selten komplett auf Bremsen. Obwohl der Kick dabei zweifellos höher wäre.


Ein weiterer Punkt, der dem ABS bisher einen eher schweren Stand bei ambitionierten Fahrern beschert: fehlende Erfahrung. Bremsassistenten waren bislang fast ausschließlich an SUV-E-Bikes verbaut – und das aus gutem Grund, wie wir nach dem direkten Vergleich der beiden Bosch-Systeme heute sagen würden. Aber dazu später mehr.
Auf der Teststrecke: Wie viel Pro steckt in Boschs neuem ABS?
Keine Frage: ABS am E-Mountainbike hatte bislang keinen besonders guten Ruf. Klar, es erfüllt seinen Zweck. Aber eher in der Stadt oder auf flowigen Forstwegen als dort, wo es wirklich zur Sache geht. Auch wenn das Bosch eBike ABS technisch durchaus seine Daseinsberechtigung hat, wird es beim echten Ballern im Gelände in den Augen der Rider eher zum Stimmungskiller als zum Performance-Boost. Und das liegt nicht daran, dass es schlecht funktioniert. Im Gegenteil – das System regelt ordentlich, auch wenn die zugehörigen Bremshebel nicht gerade zur Premium-Liga gehören. Das Problem ist eher, dass es ein bisschen zu eifrig mitregelt: Bei Stoppies, Endos oder in engen Spitzkehren wird man gewissermaßen ausgebremst – einfach, weil das System sich standhaft weigert, mal so richtig in die Eisen zu gehen.
Als wir hörten, dass Bosch genau diesen Punkt erkannt hat und mit dem eBike ABS Pro nun eine Variante mit mehr Freiheiten zugunsten der Performance nachlegt, waren wir sofort neugierig. Also nichts wie hin nach Reutlingen, ins Herz der E-Bike-Entwicklung. Dort konnten wir das neue System im direkten Vergleich mit dem alten fahren – auf einem weitläufigen Gelände mit Stunts, Jumps, steilen Rampen und Trail-Passagen aller Art. Ein ABS-Test-Spielplatz par excellence.
Doch bevor wir das Testgelände unter die Räder nehmen, ein Blick auf das Display. Und hier zeigt sich gleich, dass etwas anders ist: Während das Bosch eBike ABS noch zwischen den Modi Cargo, Touring, Allroad und Trail unterscheidet (je nach Bike, versteht sich), gibt es beim neuen eBike ABS Pro nur noch zwei Optionen: Trail Pro und Race.
Und diese beiden Modi sind deutlich kompromissloser auf den Gelände-Einsatz zugeschnitten. Laut Bosch unterscheiden sie sich vom bisherigen Trail-Modus beim älteren eBike ABS vor allem in folgenden Punkten:
- Das Vorderrad darf sich etwas ungehobelter verhalten – weniger Spurtreue, mehr Freiheit.
- Die Hinterrad-Abheberegelung ist im Trail Pro-Modus abgeschwächt, im Race-Modus sogar komplett deaktiviert.
- Die ABS-Regelung greift kürzer ein, arbeitet also weniger langatmig.
- Der initiale Bremsdruck ist höher und kommt direkter.
- Die Reaktion auf wechselnde Untergründe erfolgt flotter – weniger Grübeln, mehr Gefühl.
| Feature | eBike ABS | eBike ABS Pro |
|---|---|---|
| Bremsmodi | Cargo, Touring, Allroad, Trail | Trail Pro, Race |
| Hinterrad-Abheben | geringfügig möglich im Trail-Modus | moderat möglich im Trail Pro-Modus, im Race-Modus uneingeschränkt möglich |
| Schlupf | eher restriktiv | mehr Spielraum für Drifts |
| Fokus | Sicherheit, Kontrolle & Komfort | Performance, Kontrolle |


Auf der Teststrecke sofort spürbar: Ziehen wir bei 25–30 km/h auf Schotter oder losem Untergrund die Vorderradbremse voll durch, verlangt das neue System – verglichen zu eBike ABS – spürbar mehr Arbeit, um die Linie zu halten. Das Vorderrad bricht schon mal für einen Wimpernschlag aus – fängt sich aber ebenso schnell wieder. Genau das ist der Punkt: weniger glattgebügelt, mehr Action.
Zum Vergleich: Dasselbe Manöver mit abgeschaltetem ABS bringt uns ziemlich nah an die Grenzen des Sketchs – ja, man kommt zum Stehen, aber nur mit voller Konzentration und einem ordentlichen Ausschlag auf der Adrenalin-Skala. Mit eBike ABS Pro gewinnt man in kniffligen Trail- und Brems-Situationen ein deutliches Plus an Handlungsfähigkeit, weil man weniger damit beschäftigt ist, zu bremsen, und man de facto viel kontrollierter bremsen oder einem Hindernis sogar noch ausweichen kann.
Ein weiterer Pluspunkt: Im Race-Modus wird die Hinterrad-Anhebung nicht mehr unterdrückt. Wer will, kann sich also ohne Widerstand aufs Vorderrad stellen – intuitiv, direkt und mit deutlich weniger Kraftaufwand. Mit ein bisschen Mut trauen wir uns sogar zu, Vollpanik zu simulieren und einen Sprung mit gezogener Bremse in die Kurve zu landen. Und siehe da: kein Drama, kein Abflug – das System hält auch da, was es verspricht.
Nice Detail: Das Display zeigt nun an, wie oft das ABS tatsächlich eingegriffen hat. Spoiler: deutlich öfter, als wir es selbst gespürt haben oder vermuten würden. Das Vertrauen wächst – und mit ihm das Tempo.
Shit Happens – wenn wir nicht damit rechnen
Im Netz wimmelt es von Videos und Artikeln von Bikern, die ABS am E-MTB testen und ihre Eindrücke teilen. So machen wir’s auch. Einige finden dabei sogar heraus, dass sie ohne ABS mitunter schneller zum Stehen kommen als mit. Aha! Ist das nun der große Beweis gegen die Technologie?
Wir meinen: ganz und gar nicht. Denn – Hand aufs Herz – ABS-Tests, auch unsere, sind nur bedingt aussagekräftig. Warum? Weil wir dabei exakt nicht das tun, was ABS eigentlich retten soll: einen unerwarteten Fehler. Stattdessen ziehen wir mit voller Absicht und maximalem Wahnwitz an der Bremse – an Stellen, wo man sonst eher beten würde als zu bremsen. Und siehe da: Wir bleiben stehen. Fast immer. Und genau das macht ABS-Testing auch so spannend – und ja, wir nehmen nach und nach Kratzer am Ego hin.
Aber es lenkt ab vom eigentlichen Punkt: ABS rettet, wenn wir eben nicht darauf vorbereitet sind. Wenn der Grip plötzlich weg ist. Wenn wir uns – mal wieder – ein kleines Stück zu sehr überschätzt haben („Okay, das war jetzt aber wirklich das letzte Mal, versprochen!“). Wenn wir mit Vollgas auf eine Wurzel, eine Böschung oder, na klar, auf die Eiche unseres Vertrauens zurauschen. Dann zeigt sich, was das System wirklich kann. Und das tut es. Aber ohne große Show. Was ja fast schon wieder schade ist.
Der Markt ist manchmal weird
Okay, wir geben’s zu: Das System gewinnt uns langsam. Aber was wir beim Thema ABS wirklich weird finden, ist die aktuelle Modellpolitik der Hersteller. Stell dir mal vor, es gäbe Anschnallgurte nur in Supersportwagen – willkommen in der Welt von ABS am E-Mountainbike.
Obwohl sich der Aufpreis für ein komplettes System verglichen mit anderen Komponenten wie einer Federgabel in Grenzen hält, wird das bisherige eBike ABS fast ausschließlich in den teuersten E-SUV-Topmodellen verbaut. Klingt paradox? Finden wir auch. Denn gerade im günstigen und mittleren Preissegment wäre ein solches Sicherheitsplus ein starkes Kaufargument und am sinnvollsten – bei Fahrern, die sich (noch) nicht zur Fahrtechnik-Elite zählen und bei Bikes, die im Alltag häufiger als echte Stop-and-Go-Gefährte unterwegs sind.

ABS Pro hätte unserer Meinung nach das Zeug zum Standard, zumindest bei hochwertigen Trail-Bikes. Der Haken: Bislang beschränkt sich die Auswahl an verfügbaren Modellen bei dieser Variante gar auf das KTM Macina und das SCOTT Patron. Das liegt zum Teil auch daran, dass das System erst im Herbst 2024 vorgestellt worden ist. Dennoch: Wenn das alles ist, was der Markt bislang liefert, dann ist das eher ein Schulterzucken als ein Durchbruch. Und das bei einem Produkt, das potenziell Leben retten kann – oder zumindest das Schienbein und Co.
Bosch ist allerdings ganz zuversichtlich: Für das Modelljahr 2026 rechnen sie mit einer Vielzahl an weiteren E-Bikes, die mit dem speziell auf Trail-Performance ausgelegten eBike ABS Pro ausgestattet sein werden. Auch die Kompatibilität mit weiteren Bremssystemen wird schrittweise ausgebaut – aktuell ist das System bereits mit MAGURA und TRP kompatibel.
Wir sind gespannt auf weitere Entwicklungen und den sich verbreitenden Markt und halten die Finger – pardon, Augen – offen. Nicht nur der Eiche zuliebe.
Wohin führt uns eBike ABS Pro noch?
ABS ist wie ein guter Thriller: Die Action kommt, wenn du am wenigsten damit rechnest. Deshalb geht’s beim Thema ABS auch nicht darum, ob wir theoretisch gut bremsen könnten. Können wir. Natürlich. Meistens. Vielleicht sollten wir unseren Egoregler einfach mal ein paar Klicks zurückdrehen – just for fun. Denn mit eBike ABS Pro steht jetzt ein System auf dem Markt, das auch ambitionierte Fahrerinnen und Fahrer nicht wie in Watte packt. Weniger Helikopter, mehr Vollgas – aber wenn’s hart auf hart kommt, ist das Ding da. Zack, zuverlässig. Was wir uns wünschen? Dass die Technologie nicht nur in den Top-Modellen versteckt bleibt, sondern auch an Einstiegs- und Mittelklasse-E-MTBs ihren Platz findet. Genau dort kann sie ihre Superkraft nämlich am besten ausspielen: unaufgeregt den Tag retten, wenn keiner damit rechnet.
Alle weiteren Infos findet ihr auf bosch-ebike.com.

Words: Jonny Grapentin Photos: Robin Schmitt



