Packtaschen? Rucksack? Oder am Ende doch beides? Was braucht man wirklich für eine Nacht im Zelt? Fragen, die sich vermutlich nur Menschen stellen, die schon lange nicht mehr campen waren. Also wir. Gut, Martin hat in den vergangenen zwei Jahren mit seinen Enkelkindern zumindest regelmäßig ein Zelt im Garten hinterm Haus aufgebaut und dort übernachtet. Aber zählt das schon als Camping-Erfahrung? Oder eher als erweitertes Übernachten im Grünen? Wir anderen drei mussten jedenfalls tief in der Erinnerung kramen. Unsere letzten Campingerlebnisse lagen irgendwo zwischen der Pfadfinderzeit und dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Beides ungefähr ein halbes Jahrhundert her.
Seit ein paar Jahren ist Bikepacking in aller Munde, inzwischen kommt mit Electric Overlanding schon der nächste Trend dazu. Da wollten wir natürlich mitmischen. Micro-Adventure, wir kommen! Doch wie viel Aufwand braucht Abenteuer heute eigentlich? Und wie viel Abenteuer steckt noch in vier Herren um die 70? Macht der Rücken das noch mit? Und vor allem: Macht es überhaupt noch Spaß?
Die Antwort wollten wir nicht auf einer Alpenüberquerung finden, sondern ganz bodenständig. Ein paar Kilometer mit dem Rad bis zum Nachbarort, wo ich einen verwilderten Schrebergarten mit Streuobstwiese mein Eigen nenne. Jeder mit einem kleinen Zelt, Schlafsack und Isomatte. Dazu ein paar Kaltgetränke am Lagerfeuer und morgens ein Espresso aus der Bialetti. Zumindest auf dem Papier klang das nach einem ziemlich guten Plan.



Der aktuell anstehende Bikepacking-Zelt-Vergleichstest unseres Schwestermagazins GRAN FONDO Cycling Magazin brachte uns in die glückliche Lage, dass wir eine Auswahl unter mehreren kleinen Bikepacking-Zelten hatten, Packtaschen haben wir sowieso immer in der Redaktion und die Auswahl an Bikes lässt in der Regel keine Wünsche offen, zumal aktuell der E-SUV-Vergleichstest ansteht. Also mussten meine „Best Buddies” nur noch gute Laune und ihre Isomatte sowie einen Schlafsack mitbringen.
Um den gut gemeinten Ratschlägen meiner deutlich jüngeren Redaktions-Kollegen zuvorzukommen, trafen wir uns erst am späten Nachmittag. Schließlich wollten wir uns nicht schon vor dem Start erklären lassen, wie man Packtaschen richtig belädt oder warum man für eine Nacht im Grünen eigentlich nur das Nötigste braucht. Also lieber in Ruhe selbst herausfinden, dass auch das Nötigste erstaunlich viel sein kann.
Eigentlich wollten wir nur schnell die Räder beladen und los. Tatsächlich vergingen bis zum Start noch gut eineinhalb Stunden.
Dann ging das große Tetris-Spiel los. Wohin mit Jürgens überdimensionierter Isomatte? Und wie verstaut man Martins 40 Jahre alten Fjällräven-Daunenschlafsack, der vermutlich schon mehr Abenteuer erlebt hat als wir vier zusammen? Warum passt eigentlich nicht jede Packtasche an jeden Gepäckträger? Und weshalb benötigen die nagelneuen Thule-Packtaschen erst ein separates Aufnahmesystem, das anschließend mangels passender Befestigung auch noch mit Kabelbindern fixiert werden muss?
Zum Glück hatte Werkstattleiter Thomas unsere E-SUV-Bikes bereits gründlich durchgecheckt und die Akkus geladen. Wenigstens von dieser Seite waren keine Überraschungen zu erwarten. Für eine letzte Überraschung sorgte dann aber noch Manfred. Kurz vor der Abfahrt tauschte er seinen Tiefeinsteiger gegen ein sportliches E-Mountainbike. Seine Begründung: Der Tiefeinsteiger fahre sich zwar prima, rücke ihn aber in eine Altersklasse, der er sich noch nicht zugehörig fühle.

Der erste Boxenstopp – Hydration-Break
Wasser predigen und Wein trinken? Erwischt. Die geplante Flüssigkeitsaufnahme fand zwar wie vorgesehen statt – nur eben nicht mit Wasser. Schließlich wollten wir gut hydriert ins Abenteuer starten.


Motto: „Was du heute kannst entkorken, das verschiebe nicht auf morgen!”

Auch für Labradoodle Henry war die Tour ein kleines Abenteuer. Statt wie sonst bei mir durfte er es sich diesmal im Anhänger seines Freundes Jürgen gemütlich machen. Jürgens Fazit nach den ersten Kilometern: „Sobald der Anhänger rollt, spürt man das zusätzliche Gewicht von Hund und Gepäck kaum. Nur vor Kurven sollte man etwas früher bremsen und sie mit weniger Tempo angehen.“
Unterwegs ernteten wir immer wieder neugierige Blicke. Vermutlich fragten sich einige Passanten, was vier Herren im gesetzten Alter mit so viel Gepäck wohl noch vorhatten.


Der zweite Boxenstopp: Bier und Pizza fürs Abendessen


Ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres hatten die Wetterdienste für den Abend schwere Gewitter angekündigt. Pünktlich zum Zeltaufbau frischte der Wind kräftig auf – beste Voraussetzungen also.
In unserer Erinnerung bestand ein Zelt aus zwei Stangen, einer Querstange und einer Plane. Fünf Minuten später stand das Ding. Damals. Die Realität im Jahr 2026 sah etwas anders aus. Moderne Leichtzelte sind zwar erstaunlich kompakt, verlangen ihren Besitzern beim ersten Aufbau aber durchaus etwas Geduld ab.
Jürgen, Handwerksmeister und das reale Vorbild von MacGyver, kämpfte tapfer mit seinem Zelt und verlangte wiederholt nach einer Aufbauanleitung, die natürlich nicht auffindbar war. Manfred schickte derweil per WhatsApp einen Hilferuf an seine Frau. Ihre Antwort fiel ebenso pragmatisch wie wenig motivierend aus: Bei der Hitze, der Gewitterwarnung und den offensichtlichen handwerklichen Defiziten sollten wir das Abenteuer vielleicht besser abbrechen. Sie würde ihn auch mit dem Auto abholen.
Der einzige, der beim Zeltaufbau wirklich souverän wirkte, war Martin. Wobei sein Erfahrungsvorsprung auch etwas unfair war – schließlich hatte er in den vergangenen Jahren regelmäßig mit seinen Enkelkindern im Garten gezeltet. Ich selbst war ebenfalls kurz davor zu kapitulieren. Für einen Moment erschien mir die Idee, einfach ohne Zelt unter freiem Himmel zu schlafen, erstaunlich vernünftig.




Das angekündigte Gewitter zog schließlich nur als eindrucksvolles Wetterleuchten an uns vorbei. Wir saßen noch eine ganze Weile zusammen, schauten in den Himmel, erzählten Geschichten von früher und genossen den Luxus, für einen Abend zusammen zu sein und einfach nichts mehr erledigen zu müssen.
Henry hatte sich zu mir ins Zelt gelegt und machte es sich dort deutlich schneller gemütlich als ich. Wegen der hochsommerlichen Temperaturen verzichtete ich zunächst auf den Schlafsack. Eine gute Idee – bis kurz vor drei Uhr morgens. Da wurde es dann doch überraschend frisch und ich krabbelte in den Schlafsack, den ich ein paar Stunden zuvor noch für völlig überflüssig gehalten hatte.
Am nächsten Morgen gab es den obligatorischen Kaffee aus der Bialetti, bevor wir unsere Packroutine – die diesmal schon deutlich souveräner aussah – absolvierten und uns auf den etwas längeren Rückweg ins Büro machten.


Unser erstes Micro-Adventure war weder besonders spektakulär noch sportlich. Wir sind keine 100 km gefahren, haben keinen Alpenpass bezwungen und mussten auch keine Bären vertreiben. Stattdessen haben wir gelernt, dass moderne Zelte komplizierter geworden sind, Packtaschen erstaunlich viele Fragen aufwerfen und ein kalter Pinot Grigio manchmal genauso wichtig sein kann wie der erste Kaffee am Morgen.
Fazit
Abenteuer ist keine Frage des Alters, der Kilometer oder der perfekten Ausrüstung. Man muss einfach losfahren. Ein paar gute Freunde, ein Fahrrad, eine Nacht im Zelt und die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen – mehr braucht es gar nicht. Wir jedenfalls sind uns sicher: Das war nicht unsere letzte gemeinsame Tour. Denn Komfort ist, wie so vieles im Leben, vor allem eine Frage der Einstellung. Und manchmal beginnt ein kleines Abenteuer eben schon ein paar Kilometer von der eigenen Haustür entfernt.
Was sich bewährt hat
Kühltasche von Thule für unser Bier

Spannende Infos zur Thule Chasm (Kühltasche)
Key Facts
- Gewicht: 0,8 kg
- Maße: 39 x 18 x 44 cm
- Benötigt: Thule InLock-Halterungssystem für Gepäckträger (29,95 €)
- Einsatzbereich: kühler Transport von Lebensmitteln und Getränken
- Preis: 129 €
- Link: Zum Hersteller Thule
Bikepacking-Zelt von MSR

Spannende Infos zum MSR Hubba Hubba Bikepack 2P
Key Facts
- Gewicht: 1,62 kg mit Tasche, 1,43 kg ohne Tasche
- Packmaß: 35 x 10 x 15 cm (Box-Shape, Halterungen ausgenommen)
- Innenmaße: 200 x 120 x 107 cm (L x B x H)
- Einsatzbereich: 3-Jahreszeiten / Bikepacking
- Preis: 689 €
- Link: Zum Hersteller MSR
Isomatte: Exped Ultra 6.5 MW

Spannende Infos zur Exped Ultra 6.5 MW
Key Facts
- Gewicht: 575 g mit Tasche, 545 g ohne Tasche
- Packmaß: 27 x 12 cm
- Liegefläche: 183 x 65 cm
- Dicke: 9 cm
- Einsatzbereich: 3-Jahreszeiten / Bikepacking
- Preis: 200 €
- Link: Zum Hersteller Exped
Schlafsack Exped Ultra 0°

Spannende Infos zum Exped Ultra 0
Key Facts
- Typ: leichter Daunenschlafsack
- Füllung: europäische Gänsedaune
- Packmaß: klein – 17 x 17 x 30 cm
- Gewicht: 662 g mit Tasche, 624 g ohne Tasche
- Körpergröße MW: 180 cm
- Einsatzbereich: -13 bis 6 Grad / Bikepacking
- Preis: 500 €
- Link: Zum Hersteller Exped
Gaskocher Primus Micron III

Spannende Infos zum Primus Micron III
Key Facts
- Typ: faltbarer Aufschraubkocher (für 1–2 Personen)
- Topfstützen: zusammenklappbar
- Kochleistung: ½ Liter Wasser in weniger als 3 Minuten
- Gewicht: 58 g (plus Gaskartusche)
- Packmaß: 62 x 46 mm
- Einsatzbereich: Bikepacking, Wandern
- Preis: 69,99 €
- Link: Zum Hersteller Primus
Hundenapf YETI Boomer 8

Spannende Infos zum YETI Boomer 8
Key Facts
- Material: Edelstahl, doppelwandig
- Pflege: spülmaschinengeeignet
- Bodenring: rutschfest
- Farben: in fünf Farben erhältlich
- Gewicht: 978 g (zu schwer für Bikepacking!)
- Fassungsvermögen: 1,8 l Wasser/Futter
- Einsatzbereich: überall
- Preis: 65 €
- Link: Zum Hersteller YETI
Words: Manne Schmitt Photos: Robin Schmitt


