Warum mich Avinox gerade vom Bike-Kauf abhält
Eigentlich hatte ich meine Entscheidung längst getroffen. Nach den ersten Fahrten und Abenteuern mit dem neuen Avinox M2S wollte ich nur noch eines: ein neues Bike. Dann begann die EUROBIKE und Avinox zeigte mit dem MG Concept bereits die nächste potenzielle Revolution, die die klassische Kettenschaltung überflüssig machen könnte. Technologisch ist das faszinierend. Für kaufbereite Kunden wie mich ist es vor allem eines: maximal verwirrend. Entwickelt sich die Bike-Branche gerade in eine Richtung, in der Innovation zum Kaufhindernis wird?
Eigentlich war die Sache für mich bereits entschieden: Ein neues E-Mountainbike muss her. Nicht irgendwann, sondern möglichst bald. Der Grund dafür war nicht allein die Lust auf etwas Neues. Es war vor allem meine erste Begegnung mit dem Avinox M2S. Ich konnte den Motor zunächst im Atherton S.170E fahren, dem Testsieger unseresgroßen E-Mountainbike-Vergleichstests, und anschließend im Amflow auf meinen eigenen Hometrails.
Und ja: Der Unterschied war deutlich.
Aber nicht, weil plötzlich mehr Newtonmeter und Leistung zur Verfügung standen. Sondern weil ich nach jeder Fahrt mit einem breiten Grinsen vom Bike stieg und sofort die nächste Tour im Kopf hatte. Plötzlich waren da wieder Ideen. Trails, die ich noch einmal fahren wollte. Technische Uphills, die mich oft zum Absteigen gezwungen hatten, wurden plötzlich zu einer Herausforderung, auf die ich mich freute. Nicht, weil ich über Nacht zum besseren Fahrer geworden wäre, sondern weil mir der Motor genau die Reserven gab, die mir bislang gefehlt hatten. Natürlich kann man darüber diskutieren, wie viel Leistung ein E-Mountainbike wirklich braucht. Für mich ist die Antwort inzwischen allerdings etwas persönlicher geworden.
Vielleicht hat das auch mit dem Älterwerden zu tun. Ich fahre oft mit jüngeren Freunden und merke, dass ich heute anders mit meiner Energie haushalten muss als noch vor ein paar Jahren. Ich möchte nicht jede Tour im roten Bereich absolvieren. Zone-2-Training mag gerade ein Trendthema sein, ergibt für mich aber tatsächlich Sinn. Dass der M2S meine Herzfrequenz berücksichtigen und mich genau dabei unterstützen kann, kommt mir deshalb sehr gelegen.
Mir wurde klar, dass ich dieses Bike gar nicht wegen des Motors kaufen wollte. Ich wollte es wegen allem, was ich damit verbinden würde. Das neue Bike war der Schlüssel zu neuen Abenteuern und Möglichkeiten.
Gründe hatte ich genug, um mir den Kauf eines neuen Bikes selbst gegenüber zu rechtfertigen.
Der Fall war klar: Ich wollte ein Bike mit Avinox M2S.
Kaufbereit – aber wo sind die Bikes?
Also setzte ich mich hin und schaute, welche Modelle infrage kommen. Und tatsächlich: Gefühlt wurde jede Woche ein weiteres spannendes Bike angekündigt. Ein Pivot hier, ein Thömus dort, dazu Modelle von ROTWILD, Atherton und zahlreichen weiteren Herstellern.
Nur kann man viele dieser Bikes nicht einfach kaufen. Einige Modelle waren für unseren großen Vergleichstest noch nicht verfügbar. Andere sind angekündigt, aber noch nicht bei den Händlern angekommen. Bei manchen Herstellern reicht die Lieferzeit bis in den Spätsommer oder Herbst. Wer heute bestellt, bekommt sein Wunschbike womöglich erst dann, wenn ein großer Teil der Saison bereits vorbei ist.
Das ist zunächst einmal kein ungewöhnliches Problem. Neue Motorplattformen brauchen Zeit. Hersteller müssen Rahmen entwickeln, Akkus integrieren, Software abstimmen und die Produktion hochfahren. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach dem M2S offenbar groß.
Doch für einen kaufbereiten Kunden entsteht dadurch eine schwierige Situation: Die neue Technologie ist bereits da, aber die dazugehörigen Bikes sind es noch nicht.
Trotzdem war ich kurz davor, mich festzulegen. Vielleicht noch ein oder zwei Modelle testen, die Geometrie vergleichen, die Ausstattung prüfen und dann bestellen. Schließlich ist ein hochwertiges E-Mountainbike kein Spontankauf. Wer einen fünfstelligen Betrag ausgibt, möchte zumindest das Gefühl haben, sich bewusst für die richtige Plattform entschieden zu haben.
Dann begann die EUROBIKE.
Guten Morgen, hier ist schon die nächste Revolution
Während die Kunden, Händler und Hersteller noch auf den M2S warten, präsentiert Avinox bereits die nächste Revolution: das Avinox MG Concept. Eine geschlossene Motor-Getriebeeinheit, die Kettenschaltung und Schaltwerk komplett überflüssig macht. Eine stufenlose, elektronische Übersetzung direkt im Motor, Schalten ohne Lastspitzen, weniger Verschleiß und ein besserer Schwerpunkt. Sogar Rekuperieren, sprich das Wiedergewinnen von Energie, soll damit möglich sein. Wow! Technisch ist das absolut faszinierend. Das grundsätzliche Konzept ist nicht völlig neu. Pinion zeigt mit seiner MGU schon länger, welche Vorteile die Verbindung aus Motor und Getriebe bieten kann. Auch andere Anbieter arbeiten an integrierten Antrieben. Mit dem Gobao X1P steht auf derselben Messe ein weiterer chinesischer E-CVT-Antrieb im Rampenlicht.
Aber weil Avinox bewiesen hat, wie radikal schnell sie vom Konzept zur Serie kommen, lässt sich das Ganze nicht als ferner Messe-Prototyp abtun. Genau da beginnt mein Problem: Gestern wollte ich kaufen. Heute will ich vielleicht warten.
Warum mich Avinox gerade vom Bike-Kauf abhält
Noch vor wenigen Tagen hätte ich am liebsten direkt zugeschlagen. Jetzt denke ich
darüber nach, vielleicht doch bis zur nächsten Saison zu warten. Was passiert, wenn Avinox auch mit diesem Konzept wieder ins Schwarze trifft? Was ist, wenn sich der zentralere und tiefere Schwerpunkt tatsächlich spürbar positiv auf das Handling auswirkt? Wenn das geringere Gewicht am Hinterrad das Fahrwerk besser arbeiten lässt? Wenn die stufenlose Übersetzung an technischen Anstiegen noch mehr Traktion und Kontrolle ermöglicht?
Was passiert, wenn dieses System die Kettenschaltung schon im nächsten Jahr wie ein Relikt aus der Steinzeit wirken lässt? Die E-Bike-Branche droht hier gerade mitten in dieselbe Falle zu tappen, die wir von Smartphones kennen. Wir verwandeln uns im Eiltempo von einer langlebigen Sportbranche in eine hyperaktive Consumer-Electronics-Branche. Die Entwicklungszyklen werden so rasant, dass die Strukturen sie kaum noch verarbeiten können. Kaum ist ein High-Tech-Produkt auf dem Markt, beginnt durch die nächste Ankündigung bereits dessen psychologische Entwertung.
Der Preis des Fortschritts
Die Folge: Wir Kunden fangen an, exakt wie beim Smartphone-Kauf zu denken. Soll ich noch warten? Kommt bald der Nachfolger? Ist mein sündhaft teures Bike morgen schon alt? Für Smartphones mag das funktionieren. Bei einem E-Mountainbike für 8.000, 10.000 oder 12.000 Euro sieht die Sache anders aus.
Ein solches Bike sollte kein kurzlebiges Elektronikprodukt sein. Rahmen, Fahrwerk
und Komponenten können viele Jahre Freude bereiten. Teilweise geben Hersteller sogar eine lebenslange Garantie auf ihre Rahmen. Ich selbst fahre noch mein Focus SAM² Pro von 2018 mit Shimano E8000 und mein Specialized Levo der dritten Generation aus dem Jahr 2021. Beide sind weiterhin hervorragende Bikes und regelmäßig im Einsatz. Keines davon ist schlecht geworden, nur weil inzwischen stärkere, leichtere und intelligentere Motoren existieren. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass mich der M2S gereizt hat.
Aus strategischer Sicht ist das Vorgehen von Avinox absolut nachvollziehbar. Auf einer Fachmesse möchte man technologische Führungsstärke demonstrieren und gegenüber neuen Wettbewerbern wie Gobao nicht den Anschluss verlieren. Verkaufspsychologisch kann die frühe Vorstellung des MG Concept aber zum Problem werden: Die aktuellen M2S-Bikes sind technisch kein Stück schlechter als vor der EUROBIKE – trotzdem hat Avinox etwas geschafft, was kein Hersteller bei eigentlich kaufbereiten Kunden auslösen möchte: Letzte Woche wollte ich unbedingt ein neues Bike. Heute will ich vielleicht erst einmal warten.
Auch für Fahrradhersteller ist das eine bittere Pille. Sie stecken Millionen in die Rahmenentwicklung für Motorensysteme und müssen nun erklären, warum diese Bikes im Herbst die richtige Wahl sind, obwohl die nächste Ära bereits angeteasert wird. Händler wiederum stehen im Laden vor der absurden Situation, topaktuelle Ware rechtfertigen zu müssen, während der Kunde über automatische Getriebe und Rekuperation diskutiert. Die entscheidende Frage lautet plötzlich nicht mehr, welches Bike am besten zu mir passt, sondern ob ein klassisches System überhaupt noch zukunftssicher ist.
Dabei will ich nicht vergessen: Der Avinox MG ist im Moment ein Konzept ohne finale Daten zu Gewicht, Leistung, Preis oder überhaupt der Alltagstauglichkeit. Zwar existieren bereits Prototypen verschiedener Fahrradhersteller, und die Entwicklung scheint deutlich weiter zu sein als bei einer reinen Designstudie. Auch eine kurze Testfahrt auf oder rund um ein Messegelände beantwortet nicht die entscheidenden Fragen. Wie verhält sich das System auf langen, steilen und technischen Anstiegen? Wie effizient arbeitet es unter realen Bedingungen? Wie stark erhitzt es sich? Wie natürlich fühlt sich die stufenlose Übersetzung auf dem Trail an? Wie gut funktioniert das System nach mehreren Monaten? Was passiert bei einem Defekt? Und wie teuer wird das komplette Bike?
Neue Technologien klingen auf Messeständen fast immer überzeugend. Im Alltag müssen sie jedoch beweisen, dass sie nicht nur innovativer, sondern tatsächlich besser sind. Möglicherweise werden E-CVT-Systeme tatsächlich zum nächsten großen Entwicklungsschritt. Genauso gut kann es zunächst eine interessante Alternative für bestimmte Bike-Kategorien bleiben.
Doch die Vorstellung hat sich meine Perspektive verändert. Aus einem nahezu sicheren Käufer ist zumindest vorübergehend ein abwartender Interessent geworden. Und vermutlich bin ich damit nicht allein.
Innovation braucht nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Timing
Avinox hat innerhalb kürzester Zeit geschafft, woran etablierte Hersteller über Jahre gearbeitet haben: Die Marke hat den E-Bike-Motorenmarkt aufgemischt, neue Leistungsmaßstäbe gesetzt und Wettbewerber unter Zugzwang gebracht. Das verdient Anerkennung.
Doch technologische Führung bedeutet nicht nur, schneller als alle anderen zu entwickeln. Sie bedeutet auch, Innovationen so zu kommunizieren und einzuführen, dass Kunden, Händler und Fahrradhersteller folgen können.
Wenn die nächste Revolution angekündigt wird, bevor die aktuelle überhaupt flächendeckend erhältlich ist, kann Geschwindigkeit zum Problem werden. Avinox riskiert, die Begeisterung für den M2S selbst zu bremsen. Nicht weil der Motor plötzlich weniger überzeugend wäre, sondern weil das Unternehmen den Blick bereits auf etwas vermeintlich Besseres richtet.
Vielleicht ist das MG Concept noch mehrere Jahre von einer breiten Verfügbarkeit entfernt. Vielleicht wird es deutlich schwerer oder teurer als erwartet. Vielleicht bleibt eine klassische Kettenschaltung für sportliche E-Mountainbikes weiterhin die leichtere, direktere und sinnvollere Lösung. Dann wäre es schade, wegen einer Zukunftsvision auf einen ganzen Sommer mit einem heute bereits herausragenden Bike zu verzichten.
Aber vielleicht fährt sich die Motor-Getriebe-Einheit tatsächlich so überzeugend, dass ich mich nach dem Kauf eines M2S-Bikes schon im nächsten Jahr ärgern würde.
Vielleicht, vielleicht…
Mein neues Bike wollte ich mir nicht wegen der bloßen Datenblätter kaufen. Ich wollte es wegen der Erlebnisse, die es mir ermöglicht. Wegen der Zeit im Wald und der Begeisterung auf dem Trail. Genau diese Vorfreude wird durch den extremen Innovationszyklus gerade komplett ausgebremst.
Letzte Woche wollte ich unbedingt mein Traum-Bike bestellen. Heute will ich erst einmal abwarten. Technisch ist dieses Tempo atemberaubend, aus Kundensicht bleibt mir trotzdem nur eine Bitte: Hört auf, euch selbst zu überholen.
Words: Erik Bötzle Photos: Diverse


