Was braucht es für einen aussagekräftigen Test? Wie bestimmt man die Akku-Reichweite objektiv und wieso ist jeder Labortest subjektiv? Wir geben erstmals tiefe Einblicke in die Industrie und in unterschiedliche Testverfahren, da wir uns in der Verantwortung sehen, euch über diverse Praktiken und Märchen aufzuklären. Denn nur wer die Hintergründe versteht, kann eine selbstbestimmte Kaufentscheidung fällen!

Wir sind der Überzeugung, dass Vergleichstests eine klare und vor allem realitätsbezogene Orientierung bei der Kaufentscheidung bieten sollten. Dazu gehört auch, die Eier zu haben, ehrlich und kritisch über schlechte Produkte zu schreiben – schließlich ist mit Schönreden niemandem geholfen. Aus diesem Grund haben wir im vergangenen Jahr über 50.000 € an Anzeigenbudget verloren, da Anzeigenkunden trotzig ihre Inserate storniert haben, obwohl sich im weiteren Verlauf der Diskussionen zeigte, dass unser Testfeedback dankend angenommen und in einigen Fällen sogar von Entwicklern für dieses Modelljahr umgesetzt wurde. Auf Nummer sicher gehen und fast das gesamte Testfeld mit „sehr gut“ oder „super/überragend“ zu betiteln, entspricht nicht unserem Anspruch. Schließlich schafft es weder Orientierung noch beantwortet eine Benotung die wichtigste Frage: Für wen ist welches Produkt am besten geeignet?

Für wen ist dieses Bike gemacht? Diese Frage steht bei unseren Tests im Fokus.

Pseudo-Objektivität und Bulimie: Jeder Labortest ist subjektiv

Zu lange wurde in der Bikeindustrie versucht, nüchterne Neutralität und Vergleichbarkeit herzustellen, indem durch komplexe Punktetabellen, Multiplikation und Addition diverser Faktoren ein Endergebnis herausgespuckt wurde. Ein Punktesystem mit klaren Kriterien mag berechenbar und in diesem Sinne vielleicht auch reproduzierbar sein, doch entspricht es auch der Realität? Und wer kann mit diesen Werten eigentlich wirklich etwas anfangen?

Häufig fehlt Labortests der Praxisbezug – so auch beim Rollwiderstand von Reifen. Denn eine Stahlrolle kann nicht den Einfluss unterschiedlichster Untergründe simulieren.

Für einen Labortest werden aus der schier unendlichen Anzahl möglicher Parameter einzelne Faktoren ausgewählt. Die scheinbar objektiven Fakten bilden also immer nur einen Teil der Wirklichkeit ab – den Teil, den die Prüfenden selbst für wichtig hielten. Jemand anderes kann das völlig anders sehen. Deshalb bilden die Daten keinen unumstößlichen Fakt ab, sondern eher eine Meinung. Mit einem auf das Prüfverfahren optimierten Bike wird ein Testsieg kalkulierbar. Daraus entsteht auch für die Hersteller ein gewisser Druck, weil sie sich in solchen scheinbar objektiven Tests beweisen müssen, um nicht vom restlichen Markt abgehängt zu werden. De facto statten deshalb viele Hersteller ihre Bikes entsprechend der besagten Punktekriterien aus und optimieren sie auf Prüfstände hin, um gute Noten zu erhaschen – wie das Kind, das in der Schule mit Bulimielernen alles stur auswendig gelernt hat, ohne zu sehr auf die Zusammenhänge zu achten. Die traurige Nachricht: Weder der Lehrer noch das Kind hat etwas davon; aber Hauptsache es steht eine gute Note am Ende da.

Wo es Noten gibt, wird beschissen

Hand aufs Herz: Wer hat in der Schule nicht gemogelt? Ein kalkulierbares Punktesystem bietet den Anreiz, gewisse Faktoren ebenfalls „so zu optimieren“, dass bessere Noten dabei herauskommen. An dieser Stelle können wir aus eigener Erfahrung sagen, dass wir in der Vergangenheit Testbikes mit speziellen Testmotoren erhalten haben, die über mehr Leistung verfügten als die Serienmodelle – unschön für die Konkurrenz, wenn diese Art der Vorteilsbeschaffung in einem Punkteergebnis zum Ausdruck kommt und eine bessere Note oder sogar den Testsieg bedeuten kann.

Können Laborbedingungen dennoch die Realität abbilden?

Als wir im Jahr 2013 das E-MOUNTAINBIKE Magazine gegründet haben, diskutierten wir heiß über das Pro und Contra von Labortests, die beispielsweise die Reichweite messen, und schauten uns dazu auch diverse Prüfstände und -verfahren genauer an. Leser lieben Messwerte, sie sprechen von Glaubwürdigkeit und vermitteln Kompetenz. Wir haben uns dennoch dagegen entschieden, weil wir hier niemanden „mit unserer Intelligenz“ beeindrucken, sondern einen echten Mehrwert liefern wollen. In der neuen Welt der E-Mountainbikes gelten Kategorien und alte Testverfahren außerdem noch weniger als zuvor. Die im Labor gemessene Lenkkopfsteifigkeit eines Mountainbikes mag eine theoretische Kenngröße sein, doch wenn der Plus-Reifen auf dem Trail walgt oder sich aufgrund einer zu schmalen Felge schwammig fährt, bringt diese Messung nichts. Das NEON-Magazin hat hierfür sogar eine spezielle Kategorie: Unnützes Wissen.

Es kommt nicht nur auf einzelne Parameter an, sondern das Gesamtpaket muss stimmen!

Wer die Steifigkeit einer Sattelstütze statisch misst, um den Komfort eines Rennrads zu bestimmen, handelt realitätsfern. Denn dafür sind noch ganz andere Faktoren wichtig, z. B. die dämpfenden Eigenschaften der Reifen und vibrationshemmende Konstruktionen und Materialien. Diese lassen sich oftmals gar nicht mit einem Labortestverfahren messen – aber sollte man sie deshalb weniger beachten, gerade wenn sie für die tatsächliche Fahrperformance absolut entscheidend sein können?

Kurz und knapp: Es kommt auf das Gesamtpaket an und darauf, wie sich ein Produkt in der Praxis tatsächlich verhält! Gerne auch mit Fakten und Zahlen, aber dann bitte in einem stimmigen Kontext wie bei der Brand eins: Die Welt in Zahlen.

Erfahrung, Handschrift und Pseudo-Professionalität

Ein Bike trägt immer die Handschrift des Entwicklerteams, das dahintersteckt. Kennt man die Entwickler von Specialized, weiß man, warum ein Levo Turbo so konzipiert ist, wie es ist. Gleiches gilt für Haibike, CUBE, MERIDA und natürlich viele mehr. Jeder setzt seine Prioritäten und seinen Fokus unterschiedlich, entsprechend negiert eine Testprozedur mit starren Testparametern den individuellen Charakter eines Bikes und erschafft lediglich eine pseudo-professionelle Vergleichbarkeit.

Wer wird Uphillmeister? Welcher Motor ist der effizienteste? Über 20 Faktoren bestimmen, wie weit man in der Praxis kommt.

Die Frage aller Fragen: „Wie weit komme ich mit einer Akkuladung?“

Wer bitte glaubt, dass die Verbrauchsmessungen der Automobilindustrie tatsächlich die Realität abbilden? Wer diese Frage innerlich mit „ich“ beantwortet hat, muss mit diesem Artikel keine Zeit mehr verschwenden. Für alle anderen: Die Verbrauchsangaben der Automobilindustrie sind deutlich genauer als jede Reichweitenmessung eines E-Mountainbikes. Warum? Weil der Faktor Mensch beim E-Mountainbike eine deutlich größere Rolle spielt.

Schließlich beeinflussen über 20 Faktoren die Reichweite eines E-Mountainbikes. Selbst Akku ist nicht gleich Akku, denn jeder Akku ist nur so gut wie seine schlechteste Zelle. Verstärkend kommt hinzu, dass die meisten Systemhersteller ihre Zellen von unterschiedlichen Zulieferern beziehen und entsprechend die tatsächliche Akkukapazität bei der gleichen Modellreihe realen Schwankungen ausgesetzt ist. Zu den Toleranzen der Batteriekapazität kommen noch Toleranzen in der Motorstromaufnahme. Aus diesem Grund wäre es wissenschaftlich und methodisch falsch, anhand eines einzigen Testmodells die Reichweite zu definieren.

Auch die Stiftung Warentest kann irren

Hier leistet sich selbst die Stiftung Warentest erhebliche methodische Mängel, indem sie bei City-E-Bikes Lenkerbrüche durch realitätsferne Laborbedingungen herbeigeführt hat und das Labor-Resultat von einem Testbike auf die gesamte Modellreihe projiziert hat. Damals ging ein großer Aufschrei durch die Bike-Industrie, auf Nachfrage beim Hersteller stellte sich heraus, dass das Produkt bereits seit 5 Jahren auf dem Markt war und es bei 100.000 ausgelieferten Modellen nicht einen einzigen Schadensfall gab. Zusätzliche Laborkontrolle ist gut – aber bitte mit realistischen und fairen Bedingungen! Andernfalls ist weder dem Konsumenten noch dem Hersteller noch dem Handel geholfen.

Gefürchtet im Labor: der Faktor Mensch

Lassen sich die Einflüsse von Bike-, Reifen-, System- und Streckencharakteristik noch halbwegs klar beziffern, so wird es beim Faktor Mensch deutlich schwieriger. Jeder Motor hat einen optimalen Trittfrequenzbereich, in dem er am effizientesten arbeitet. Im Gegensatz zum Autofahren tritt der Mensch beim Fahrradfahren jedoch selbst – und jeder Fahrer tritt anders: Ein runder Tritt bedeutet eine konstante Dauerbelastung und hat im Vergleich zu einem impulsiven Tritt (periodische Belastung) einen deutlichen Einfluss auf die Kraftentfaltung und den Energieverbrauch. Der Einfluss der Motorkühlung bzw. die Abführung der Wärme wird im Labor ebenfalls vernachlässigt, für die diverse Hersteller spezielle Systeme entwickelt haben. Batterien werden im Dauerbetrieb tendenziell immer zu heiß, in kalten Wintern arbeiten sie bei Minusgraden weit außerhalb des optimalen Temperaturbereichs. Im Labor mag die absolut identische Belastung der Bikes dazu führen, dass sie untereinander auf dem Papier vergleichbarer werden. Gleichzeitig werden dort aber fundamentale Einflüsse, die unter Realbedingungen einen entscheidenden Einfluss auf die Reichweite haben, komplett ausgeblendet. In der Praxis kann also ein im Labor „effizienter“ Motor eine deutlich geringere Reichweite besitzen – sehr ärgerlich für den Kunden.

Bringt den Kunden weiter: Realismus statt Labor-Theorie-Terrorismus!

Es tut uns Leid!

Selbst beim Praxistest verursachen die Ermüdung des Fahrers (bei Testfeldern von über 10 Bikes), die äußeren Temperaturschwankungen, Ideal-Luftdrücke der einzelnen Reifen, der gewählte Gang und die Kadenz große Messungenauigkeiten, zumal pro Testbike drei Testläufe methodisch angebracht wären. Selbst wenn wir diese Faktoren so identisch wie möglich halten, würden die externen Bedingungen und die Streuung der Batterien und Motoren von ein und demselben Modell zu Unregelmäßigkeiten führen und dadurch nicht zulassen, eine allgemeingültige Aussage zu treffen.

Realitätscheck: Was man nicht in der Praxis spürt, ist unerheblich.

Ihr seht, wir wollen euch aber keine Lösungen liefern, die nur scheinbar eindeutig und simpel sind. Uns geht es um möglichst realitätsnahe und ehrliche Antworten. Und dazu gehört eben auch, zuzugeben, dass es auf manche Fragen keine einfachen Zahlen oder Antworten gibt.

Ja, das war ein langer Text – aber unserer Meinung nach ist dieses Wissen nicht nur absolut entscheidend für euch als Käufer, sondern auch wichtig für die Forschung und für zukünftige Entwicklungen. Denn theoretisch gemessene Werte sind eben nicht alles, sie sind ohne den richtigen Kontext sogar oft irreführend. Wer scheinbaren Fakten blind vertraut und sich sein Auto nur anhand der theoretischen Verbrauchswerte aussucht, ist selbst schuld. Denn die Reichweitendiskussion und vergleichende Laborwerte (egal ob Auto oder E-Bike) lenken die Aufmerksamkeit vom Wichtigsten ab: dem individuellen Charakter, den Stärken und Schwächen und natürlich der Fahrfreude eines E-Mountainbikes!

Was wünscht ihr euch von unseren Vergleichstests? Wir suchen den offenen Austausch mit euch, unseren Lesern. Was bringt euch weiter, was fehlt euch? Schreibt uns: rschmitt@ebike-mtb.com

Text: Robin Schmitt Fotos: Christoph Bayer, Noah Haxel

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