Mit Informationen und Hintergründen zur neuen SRAM EX1 haben wir euch ja schon versorgt. Aber wie fährt sich die erste, speziell für E-Mountainbikes entwickelte Schaltung? Was taugt sie im Gelände? Und lohnt es sich, nachzurüsten?

Objekt der Begierde: die neue SRAM EX1-Schaltung mit 11–48-Übersetzung.
Objekt der Begierde: die neue SRAM EX1-Schaltung mit 11–48-Übersetzung.

33 Gänge, 30 Gänge oder 27 Gänge? Getreu dem Motto „Viel hilft viel“ ist die Frage nach der Ganganzahl in vielen Bikeshops verbreitet. Dabei ist sie vollkommen irrelevant. Denn entscheidend ist nicht die Anzahl der Gänge, sondern die Bandbreite. Sie ermöglicht es, steile Anstiege zu erklimmen und spart obendrein Akku-Kapazität. Mit 436 % besitzt die neue SRAM EX1 eine riesige Übersetzungsbandbreite, verteilt auf 8 Gänge. Ob sie auch auf dem Trail überzeugt?

Eines unserer Testbikes: ein langhubiges Moustache mit kompletter SRAM-Ausstattung.
Eines unserer Testbikes: ein langhubiges Moustache mit kompletter SRAM-Ausstattung.

Falls ihr den Artikel mit allen technischen Informationen zur neuen SRAM EX1 noch nicht gelesen habt, hier noch einmal auf einen Blick das Konzept hinter der ersten Schaltung speziell für E-Mountainbikes:

Die Probleme konventioneller Schaltungen

  • hohe Leistung des Motors führt speziell bei Doppelshifts (Schalten mehrerer Gänge auf einmal) zu enormen Belastungen für die Kette und dadurch zu Kettenrissen
  • geringe Bandbreite limitiert die Uphill-Performance und kostet Akkureichweite

Die Lösung

Das Herzstück des für Mittelmotoren konzipierten SRAM EX1-Antriebs ist die E-Block-Kassette. Mit einer für E-Mountainbikes optimierten 8-Gang-Abstufung soll sie die optimale Übersetzung bergauf bieten. Die extrem symmetrische Schaltgeometrie soll dabei für exzellente Schaltvorgänge sorgen. Die Bandbreite der 11–48 Zähne-Kassette beläuft sich auf 436 %, wobei die Gangabstufungen im Schnitt 30 % betragen.

Schaltvorgänge in einen leichteren Gang können nur noch einzeln vorgenommen werden – zum einen, weil die Gangabstufungen deutlich größer sind als bei traditionellen Mountainbike-Kassetten und damit vollkommen ausreichen. Zum anderen, um den erhöhten Verschleiß bei Multi-Shifts unter Volllast und mit starkem Kettenquerlauf zu minimieren.

Die SRAM EX1-Gruppe kommt mit X-SYNC-Kettenblättern mit 14, 16 und 18 Zähnen für Bosch- und 34er Kettenblättern für Brose- und Yamaha-Mittelmotoren. Das alternierende Zahnprofil (Wide – Narrow – Wide) sorgt für einen sehr sicheren Sitz der Kette. Die Kettenblätter sind aus Stahl gefertigt und so besonders langlebig.

E-MOUNTAINBIKE-Chefredakteur Robin im Gespräch mit Elmar Keineke von SRAM beim Praxistest in Finale Ligure.
E-MOUNTAINBIKE-Chefredakteur Robin im Gespräch mit Elmar Keineke von SRAM beim Praxistest in Finale Ligure.

Die SRAM EX1 im Praxistest

Nun aber genug der Theorie! Wir hatten bereits vor der offiziellen Veröffentlichung die Möglichkeit, die Schaltung sowohl auf den anspruchsvollen Trails und Enduro World Series-Stages in Finale Ligure als auch auf unseren abwechslungsreichen Hometrails an mehreren Rädern zu testen.

Steile Anstiege, warme Temperaturen und italienisches Flair boten perfekte Testbedingungen.
Steile Anstiege, warme Temperaturen und italienisches Flair boten perfekte Testbedingungen.

Schalten mit der SRAM EX1

Grundlegend hat sich an der Art zu schalten mit der SRAM EX1 nichts geändert. Über einen Daumenschalthebel an der rechten Seite leitet man durch einen für SRAM typischen, sehr definierten Klick den Gangwechsel ein. Dieser wird dann vom Schaltwerk auf der Kassette durchgeführt. Das alles funktioniert bei der neuen EX1 sehr direkt. Anders als bei bisherigen Schaltungen ist jedoch nur ein Gangsprung pro Klick möglich. Doppelshifting wird dadurch unmöglich.

Auffallend ist auch, das man nach einer kurzen Eingewöhnungsphase deutlich weniger schaltet. Das liegt an den größeren Gangsprüngen zwischen den Gängen. Diese betragen bei konventionellen Schaltungen ca. 13 % und bei der neuen EX1 im Schnitt 30 %. Speziell beim Anfahren wird das deutlich: Musste man früher schon nach weniger als einer Kurbelumdrehung direkt mehrere Gänge durchknallen, sind es bei der EX1 in der Beschleunigungsphase nur wenige Klicks bis zum Erreichen der 25-km/h-Marke.

Schalten unter Volllast? Sicher nicht sinnvoll, aber durchaus möglich.
Schalten unter Volllast? Sicher nicht sinnvoll, aber durchaus möglich.

Auffallend war während unserer Tests, wie stark die Schaltqualität jedoch von der Zugführung der Hersteller im Rahmen beeinflusst wird. Beim in Finale Ligure gefahrenen Moustache gingen die Schaltvorgänge aufgrund der komplexen Zugverlegung durch den Motorraum mit entsprechend mehr Reibung deutlich schwieriger vonstatten als mit dem CUBE Stereo Hybrid, das wir für weitere Tests mit der SRAM EX1 auf unseren Stuttgarter Hometrails fuhren.

Mit der SRAM EX1 im Gelände

Die neue SRAM EX1 macht es möglich, Anstiege nun noch langsamer denn je hinaufzufahren. Gut, das klingt jetzt etwas sarkastisch, doch Fakt ist: Das große Ritzel mit 48 Zähnen nimmt wirklich jedem noch so steilen Anstieg seinen Schrecken. Obendrein spart man dank der höheren Trittfrequenz und des damit verbundenen besseren Antriebs-Wirkungsgrads sogar Akku-Kapazität. Ein ausführlicher Test hierzu steht jedoch noch aus.

Dank des großen Kassetten-Ritzels mit 48 Zähnen verlieren auch steile Anstiege ihren Schrecken.
Dank des großen Kassetten-Ritzels mit 48 Zähnen verlieren auch steile Anstiege ihren Schrecken.

SRAM gab an, auch das Zahndesign der Kassette grundlegend überarbeitet zu haben. Im Uphill äußert sich dies durch sehr sanfte Gangwechsel. Trotz der großen Gangsprünge wird die Kette nicht von Ritzel zu Ritzel gerissen, sondern gleitet definiert hinüber – auch unter Volllast. In einen schweren Gang schalten funktioniert ebenso geschmeidig. Wie anspruchsvoll der Trail auch wurde, die Kette blieb stets an Ort und Stelle. Kettenverluste gab es nie. Aber:

Sind die 8 Gänge der SRAM EX1 genug für die Alpen?

Diese Frage werden sich wohl die meisten Fahrer stellen. Unsere Antwort dazu ist eindeutig: Ja, 8 Gänge sind genug. Zum einen wird die Bandbreite durch die Limitierung der Gangzahl nicht eingeschränkt, zum anderen sind die Gangsprünge, auch wenn sie groß ausfallen, sehr sinnvoll gewählt. Mit dem verbauten E-Antrieb des Bikes lassen sich obendrein kleinere Leistungsdefizite in einzelnen Situationen leicht ausgleichen.

Dank stärkerer Dämpfung bleibt die Kette auch auf ruppigen Abfahrten sicher auf dem Kettenblatt.
Dank stärkerer Dämpfung bleibt die Kette auch auf ruppigen Abfahrten sicher auf dem Kettenblatt.

Verschleiß an der SRAM EX1

Auch nach einigen Testkilometern bei zum Teil widrigen Bedingungen können wir noch keinen Verschleiß an den Bauteilen der EX1 feststellen. Clever scheint uns, dass die fünf großen Ritzel der Kassette aus einem Block gefräst sind und so besonders langlebig sein dürften. Die drei kleinen Ritzel, die besonders beim Fahren um die 25-km/h-Marke sehr häufig genutzt werden und daher schneller verschleißen, lassen sich einzeln ersetzen – das spart Geld.

Die neue Kassette ist aus einem Block gefräst und soll dadurch besonders haltbar sein.
Die neue Kassette ist aus einem Block gefräst und soll dadurch besonders haltbar sein.

Kann ich die SRAM EX1 an meinem E-Mountainbike nachrüsten?

Aktuell ist die Schaltung nur für Hersteller verfügbar und soll ab Sommer 2016 an E-Mountainbikes im Einzelhandel verfügbar sein. Das Nachrüsten der Schaltung durch den Händler wird aktuell noch durch eine sehr praxisferne Rechtslage limitiert. Die EX1 hat eine Freigabe von SRAM als Teilehersteller für die Verwendung an E-MTBs. Es liegt also am Hersteller des Rades, ob er die Verwendung an seinem Modell erlaubt. Hier gilt es im Zweifelsfall beim geschulten Fachpersonall nachzufragen, welche Komponenten getauscht werden dürfen. Um eine optimale Fahrperformance zu erzielen und das Potenzial der EX1 voll auszunutzen, muss bei der Montage der Schaltung die gespeicherte Übersetzungsbandbreite in der Motorsteuerung durch einen Händler auf das höhere Spektrum der großen Kassette angepasst werden.

Unser Fazit zur SRAM EX1

Mit der EX1-Schaltung macht SRAM einen ersten wichtigen Schritt in Richtung spezifischer E-MTB-Komponenten, die den tatsächlichen Belastungen und Ansprüchen gewachsen sind. Funktion und Technologie der Schaltung überzeugen und stellen eine deutliche Verbesserung zu aktuellen MTB-Schaltungen am E-Mountainbike dar. Mehr Bandbreite, sinnvolle Gangstufen und eine höhere Haltbarkeit sorgen für ein großes Plus an Fahrspaß.

Verpasst nicht unseren Artikel zu den technischen Details und Hintergründen der EX1. Neben der EX1 bringt SRAM mit der Guide RE auch die erste E-MTB spezifische Bremse auf den Markt.

Mehr Infos zu den neuen Komponenten findet ihr auf der SRAM website.

Text: Moritz Dittmar Fotos: Christoph Bayer, Victor Lucas