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Interview mit Thömus Produktmanager Franz Höchtl

Wer sind die Köpfe hinter den bekanntesten E-Mountainbike-Marken? Wir haben Designer, Ingenieure und Produktmanager interviewt, um mehr über sie und über die Philosophie hinter ihren Entwicklungen zu erfahren. Heute im Gespräch: Franz Höchtl, Produktmanager bei Thömus.

Bevor wir über die Produkte sprechen, lass uns kurz über dich reden: Woher kommst du und was ist deine größte Leidenschaft?

Ich bin in München aufgewachsen und habe dort an der TU Maschinenbau studiert. Schon immer hat mich das Mountainbike fasziniert, weil es mein technisches Interesse perfekt mit meiner Leidenschaft zu den Bergen kombiniert hat. So habe ich früh im Studium begonnen, meine Bahnen Richtung Bikeindustrie zu lenken.

Du arbeitest bei Thömus, für was bist du dort genau zuständig?

Ich bin bei Thömus für das Produktmanagement und die Supply Chain verantwortlich. Konkret heißt das, dass ich mich zusammen mit unserem Team um alle Bereiche von der ersten Idee eines Bikes bis zur Auslieferung direkt an den Kunden kümmere. Das umfasst die Konzept- und Produktentwicklung, die Auswahl und Beschaffung der Anbauteile und schließlich die Produktion unserer individuell auf Kundenwunsch gefertigten Bikes. Mein Herzblut fließt aber vor allem die Entwicklung der Bikes. Zusammen mit dem Firmengründer Thomas Binggeli, unserem Industriedesigner Magnus Almgren und unseren Entwicklungspartnern feilen wir jeden Tag an neuen Bikes und Konzepten. Dazu nutzen wir das direkte Feedback unserer Kunden und Teamfahrer und lassen es sofort in die zukünftigen Entwicklungen einfließen.

Wie bist du zu E-Mountainbikes gekommen?

Aufgrund der Historie von Thömus (das E-Bike Stromer wurde hier geboren) haben wir natürlich schon früh die Entwicklungen von E-Mountainbikes verfolgt. Nach ersten Probefahrten war uns sofort klar, welches Spaßpotenzial in E-Mountainbikes steckt, und dass E-MTBs definitiv der zukünftige Trend beim Biken sein werden. Mit der Entwicklung eines eigenen Modells haben wir aber erst begonnen, als wir die Antriebe für so ausgereift hielten, dass sich ein wirklich vollwertiges Mountainbike umsetzen lässt, bei dem nur wenige Kompromisse bezüglich der Fahreigenschaften eingegangen werden müssen. So waren uns vor allem ein niedriges Gesamtgewicht und eine voll MTB-taugliche Geometrie extrem wichtig. Wir sind überzeugt, dass wir mit dem Shimano STEPS E8000 einen hervorragenden Antrieb bieten können, der den speziellen Ansprüchen am E-Mountainbike gerecht wird.

„Die Schweiz baut keine Autos, aber E-Bikes.“ Mit diesem Slogan kam das Stromer ST1 im Jahr 2011 auf den Markt.

Was war deine letzte Ausfahrt auf einem E-Mountainbike und welches Modell bist du gefahren?

Wir haben gleich neben unserem schönen Bauernhof in Oberried mit Gurten und Ulmitzberg zwei sensationelle Hausberge mit genialen Trails. Gefahren bin ich natürlich mit unserem Lightrider E1 mit 150 mm Federweg.

Was war bislang deine beste Ausfahrt auf einem E-Mountainbike und warum?

Die beste … schwer zu sagen! Jede Ausfahrt hat ihre ganz speziellen Highlights. Mal ein schöner Trail, mal die besten Kollegen, die einen begleiten, oder das wohlverdiente Feierabendbier beim Sonnenuntergang auf einem einsamen Pass.

Wo bist du überwiegend mit dem E-Bike unterwegs und wo am liebsten?

Ich brauche das E-Bike meistens, wenn ich mich am Feierabend noch kurz auspowern will. Das E-MTB fordert einen, egal ob bergauf oder bergab, und bringt auch auf Trails mit wenig Höhenmetern extremen Fahrspaß.

Wie würdest du deinen Fahrstil beschreiben?

Eher sportlich und verspielt. Ich hab gerne enge, verwinkelte Trails mit viel Flow. Ab und zu darf es aber auch mal technischer werden. Beim E-Biken reizt mich vor allem, dass es einen ständig animiert, die Fähigkeiten des Bikes auszureizen. Egal ob bergauf und bergab.

Fährst du auch noch ohne „E“?

Ich fahre nach wie vor gerne und viel mit dem konventionellen Bike. Für lange Tagestouren oder wenn ich einfach ein wenig vor mich hinrollen möchte, bevorzuge ich nach wie vor das Bike ohne Antrieb. Zudem fahren auch viele meiner Kollegen noch konventionell. Da pass ich mich natürlich meinen Begleitern an.

Was zeichnet deiner Meinung nach ein gutes E-Mountainbike aus?

Ich denke vor allem ein gutes Handling, das dem eines Mountainbikes entspricht. Ein intuitiv zu bedienender Antrieb, der sensibel die Unterstützung regelt und die Energie effizient nutzt. Kurze Ladezeiten und flexible Handhabung, um die Batterie zu laden. Ein integriertes Gesamtkonzept aus Rahmen und Antrieb und natürlich geringes Gewicht. Man verbringt nicht jede Minute im Sattel. Deswegen zählt meiner Meinung nach weiterhin jedes Gramm am Bike.

Das Stromer ST2 wurde im Frühjahr 2014 unter dem Motto „The future is now“ vorgestellt und war mit seiner digitalen Konnektivität der Zeit voraus. Der integrierte Akku leistete damals bereits 814 Wh.

Wo liegen deiner Meinung nach zukünftig die größten Herausforderungen bei der Entwicklung von E-Mountainbikes?

Ich denke, es muss weiter am Gesamtgewicht der Fahrzeuge gearbeitet werden. Da gibt es sicher nach wie vor Luft nach oben. Bei der Akkutechnik sind meiner Meinung nach mittelfristig keine Quantensprünge zu erwarten. Daher wird die Effizienz des Antriebs bei der Entwicklung besonders im Fokus stehen, wobei sich die Energieeffizienz ebenfalls am einfachsten durch eine Reduktion des Gesamtgewichts steigern lässt.
Zudem gibt es zahlreiche Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung. Hier gilt es, dem Kunden sinnvolle Funktionen zur Verfügung zu stellen, die nicht nur reine Gadgets sind, sondern tatsächlichen Mehrwert für die Nutzer schaffen.

Was ist dein persönliches Highlight aus eurer E-Mountainbike-Modellpalette und warum? Worauf lag der Fokus bei der Entwicklung dieses Modells?

Wir haben aktuell eine E-MTB-Plattform, den Lightrider E1. Das Modell zeigt sich aber so vielseitig wie eine ganze Modellpalette anderer Hersteller. Wir arbeiten mit unserem bewährten Custom-Made-Konzept und bieten vielfältige Ausstattungsoptionen entsprechend dem Einsatzbereich unserer Kunden.
Basis ist dabei immer der extrem leichte, vollgefederte Vollcarbonrahmen in Kombination mit dem Shimano STEPS E8000 E-MTB-Antrieb und im Unterrohr integrierter Batterie. Das ermöglicht ein schönes integriertes Gesamtkonzept, bei dem Antrieb und Rahmen zu einer Einheit verschmelzen. Am Unterrohr verwenden wir eine Hohlkammerkonstruktion, die wir RibTec nennen. Die Bauweise ermöglicht ein steifes Unterrohr und drückt gleichzeitig das Rahmengewicht. Das Gewicht des Komplettbikes startet je nach Ausstattung bei 19 kg, damit ist es extrem leicht. Das wirkt sich besonders positiv auf das Fahrverhalten aus, erhöht aber gleichzeitig auch die Reichweite.
Wir haben bei der Auswahl der Ausstattungsoptionen vor allem auf Langlebigkeit und Robustheit der Komponenten geachtet. Erstklassige Funktionalität ist dabei natürlich die Grundvoraussetzung. So kommen beispielsweise die E-Bike-optimized Gabeln und Dämpfer von FOX in der edlen Factory-Variante zum Einsatz.
Wir bieten zwei Federwegsoptionen an: 130 mm für den sportlichen Toureneinsatz oder 150 mm für All Mountain bis Enduro. Bei der Reifenwahl empfehlen wir breite Pneus mit 2,8″ Reifenbreite, um das Potenzial des Bikes voll auszuschöpfen und die Kräfte sicher auf den Boden zu übertragen. Bei den Laufrädern setzen wir auf die eigens für E-Mountainbikes entwickelte Hybrid-Laufradserie von DT Swiss, die ausreichend Stabilität und Lebensdauer für die erhöhten Belastungen am E-MTB garantiert.
Über Bluetooth können alle Einstellungen des Motors und der elektronischen Schaltung vom Smartphone aus bedient werden. So kann das Bike auf die individuellen Vorlieben des Fahrers eingestellt werden, und das einfach und unkompliziert direkt auf dem Trail.
Bezüglich der Ausstattung erfüllen wir (fast) alle Wünsche unserer Kunden. Ein Bike, so individuell wie du!

Was ist deine Vision für die Zukunft der E-Mountainbikes?


Ich denke, das E-Mountainbike wird seine rasante Entwicklung beibehalten. Man braucht kein großes Marketing, um die Kunden zu überzeugen. Meist reicht eine kurze Probefahrt. Ich habe noch keinen von einer Probefahrt zurückkommen sehen, dem es kein fettes Grinsen ins Gesicht betoniert hätte.
Das E-MTB ermöglicht vielen einen einfacheren Einstieg in einen fantastischen Sport. Es ermöglicht älteren Menschen oder Menschen, die gesundheitliche Einschränkungen haben, ihren Sport weiter auszuüben. Und allen anderen Mountainbikern öffnet es völlig neue Dimensionen. Am meisten aber freut mich, dass das E-MTB es allen ermöglicht, gemeinsam auf Tour zu gehen. Egal ob jung oder alt, Frau oder Mann, austrainiert oder Normalo. Der Antrieb eliminiert Unterschiede im Leistungsniveau und ermöglicht so einzigartige gemeinsame Erlebnisse auf dem Bike.
In Zukunft wird sich schnell eine Infrastruktur mit Ladestationen beispielsweise an Bergbahnen und Gaststätten entwickeln. Hierzu wären einheitliche Ladestandards hilfreich, die für alle Antriebe funktionieren. Akku-Sharing-Systeme wären denkbar, sodass man einfach seinen leeren Akku schnell gegen einen vollen tauschen kann.
Meiner Meinung nach braucht es einheitliche Kommunikationsstandards, um die vielfältigen elektronischen Komponenten auf einfache Weise zu vernetzen und beispielsweise eine Kommunikation zwischen Motor, Schaltung und Fahrwerkskomponenten zu ermöglichen. Dazu sollten alle elektronischen Systeme mit einem einzigen Akku versorgt werden können. Ich würde mir wünschen, dass sich hier ein Industriestandard entwickelt. Schließlich ist ein gutes Bike am Ende mehr als die Summe seiner Einzelteile.
Die Antriebssysteme werden sich weiter auf die verschiedenen Einsatzbereiche der Bikes spezialisieren und es werden sich speziell ausgewiesene (Uphill-?)Trails entwickeln, um den Verkehr besser zu kanalisieren. Tourismusverbände entwickeln fleißig speziell zugeschnittene Konzepte und so weiter und so fort. Ich schaue gespannt in eine vielversprechende Zukunft!

Franz, wir danken dir für das Gespräch.

Das Thömus im Test des E-MOUNTAINBIKE Magazine: Thömus Lightrider E1.

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Text: Manne Schmitt Fotos: Franz Höchtl, E-MOUNTAINBIKE Magazine