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Interview mit CENTURION-Konstrukteur Matthias Pfrommer

Wer sind die Köpfe hinter den bekanntesten E-Mountainbike-Marken? Wir haben Designer, Ingenieure und Produktmanager interviewt, um mehr über sie und über die Philosophie hinter ihren Entwicklungen zu erfahren. Heute im Gespräch: CENTURIONs E-Bike-Konstrukteur Matthias Pfrommer.

Bevor wir über die Produkte sprechen, lass uns kurz über dich reden: Woher kommst du und was ist deine größte Leidenschaft?

Meine Heimat ist der nördliche Schwarzwald rund um die Stadt Calw, dort bin ich aufgewachsen und noch immer sesshaft. Hier habe ich die optimalen Bedingungen, meiner größten Leidenschaft nachzugehen, dem Mountainbiken. Wir haben rund um Calw eine große Anzahl an Trails mit den unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden, allerdings braucht man auch eine sehr gute Fitness, da man automatisch einige Höhenmeter machen muss.

Du arbeitest bei CENTURION, für was bist du dort genau zuständig?

Seit nunmehr 2,5 Jahre bin ich als Ingenieur bei CENTURION angestellt. Mein Hauptaufgabengebiet ist die Konstruktion der E-Bike-Rahmen sowie die Abstimmung der Federungskomponenten. Die ersten zwei Jahre gab mir Wolfgang Renner die Möglichkeit, nur 20 Stunden pro Woche zu arbeiten, um in der restlichen Zeit für das Team CENTURION VAUDE MTB-Rennen zu bestreiten. Nach einer überaus erfolgreichen Saison 2016 hab ich mich entschieden, die aktive Karriere zu beenden und mich voll auf die Herausforderungen in der Entwicklung zukünftiger E-Bikes zu konzentrieren.

Wie bist du zu E-Mountainbikes gekommen?

Ganz klar über meinen Job bei CENTURION. Wir sind momentan zwei Konstrukteure und da der Bereich der nicht-motorisierten Fahrräder schon besetzt war, wurde ich für die Entwicklung der motorisierten Bikes eingestellt.

Was war deine letzte Ausfahrt auf einem E-Mountainbike

Über Ostern habe ich einen Prototyp mitgenommen, um ihn bei mehreren Ausfahrten zusammen mit meiner Freundin zu testen. Allerdings darf ich zu diesem Zeitpunkt des Entwicklungsprozesses noch nicht alle Details verraten. So viel schon mal: Es war ein Tiefeinsteiger, der sich aber von unserem bisherigen Modell in Sachen Rahmen und Spezifikation deutlich abhebt.

Was war bislang deine beste Ausfahrt auf einem E-Mountainbike und warum?

Im Februar dieses Jahres war ich auf einem Testcamp mit SR SUNTOUR in Finale Ligure. Dabei habe ich zusammen mit den Spezialisten von SUNTOUR an der Abstimmung unserer Bikes gearbeitet. Am ersten Tag saßen wir an der Abstimmung des Bikes von unserem Rennteam für die Cape Epic und es war sehr mühsam, nach jeder Veränderung wieder den Berg hinaufzufahren und dann mit einem Racefully, das nur 100 mm Federweg hat, mit Spaß Trails herunterzufahren, die teilweise Enduro-Charakter aufweisen. Man kommt zwar runter, aber spaßig ist was anderes. Am nächsten Tag stand dann das Setup unseres E-Fullys No Pogo E mit Plus-Bereifung an. Berghoch ging es ohne große Mühe und das noch deutlich schneller als tags zuvor mit dem superleichten Carbon-Fully. Bergab kam dann das entscheidende Aha-Erlebnis: Wo ich mich am Tag zuvor noch runtergekämpft hatte, flog ich nun förmlich über die Hindernisse und hatte auch noch Spaß dabei. Mit 150/145 mm Federweg und dem zusätzlichen Grip der Plus-Bereifung ist einfach ein ganz anderes Fahren möglich. Mit dem E-MTB kann man einfach bei gleicher Zeit deutlich mehr Trails fahren und hat dabei auch noch mehr Spaß, da man nicht aus Gewichtsgründen an Federweg oder Bereifung Abstriche machen muss.

Wo bist du überwiegend mit dem E-Bike unterwegs und wo am liebsten?

Überwiegend bei mir zu Hause. Ich setze das E-Bike bisher nur ein, wenn ich Trails fahren möchte. Zum Pendeln ins Geschäft nutze ich meistens noch mein normales Fahrrad. Am liebsten setze ich das E-Bike in Latsch und Brixen ein. Ohne E-Unterstützung ist es sehr mühsam, den Berg hochzukurbeln, und shutteln mach ich nicht so gerne. Ich genieße lieber die Landschaft beim hochstrampeln.

Wie würdest du deinen Fahrstil beschreiben?

In mir schlummern immer noch die Renngene, daher kenn ich nur Vollgas ;-). Spaß beiseite, ich fahre schon ziemlich aggressiv, versuche aber trotzdem, so sicher wie möglich zu fahren. Durch die zusätzlichen Trainingseinheiten mit dem No Pogo E+ konnte ich auf meinen Hometrails andere, direktere Linien über Steine hinweg ausprobieren und schaffe es nun, diese Linien auch mit dem Hardtail zu fahren. Früher bin ich um die Steine herumgefahren.

Fährst du auch noch ohne „E“?

Ja, ich fahre auch noch viel ohne E-Unterstützung, da ich das Rennenfahren noch nicht komplett aufgegeben habe. Um gezielt an meiner Fitness zu arbeiten, eignet sich das „normale“ Bike besser. Ich sehe das E-Bike für mich eher als spaßige Alternative zum teilweise stupiden Grundlagen- und Intervall-Training.

Was zeichnet deiner Meinung nach ein gutes E-Mountainbike aus?

Ein gutes E-MTB zeichnet sich durch ein stimmiges Gesamtkonzept aus. Neben der Geometrie des Rahmens bestimmen vor allem E-Bike-taugliche Komponenten das Erscheinungsbild eines guten E-Mountainbikes. Der Rahmen sollte auf die speziellen Anforderungen eines E-MTBs ausgelegt sein. Konkret heißt das, man fährt z. B. mit dem E-MTB viel mehr im Sitzen und das Konzept spricht auch viele ältere Menschen an, die bisher wenig auf einem MTB saßen. Daher haben wir bei unseren E-Mountainbikes einen moderateren Reach und eine etwas höhere Front im Vergleich zu unseren herkömmlichen Mountainbikes. Bei der Ausstattung können auch viele Fehler gemacht werden. Eine massivere Gabel mit dickeren Standrohren ergibt bei dem erhöhten Gesamtgewicht auf jeden Fall Sinn. Ebenfalls darf bei den Laufrädern und stärkeren Vierkolben-Bremsen nicht gespart werden, da auch diese durch das Gesamtgewicht deutlich stärker belastet werden. Plus-Reifen sind bei nicht motorisierten Rädern noch wenig verbreitet, da der schlechtere Rollwiderstand und das hohe Gewicht das Fahrverhalten negativ beeinflussen. Beim E-Bike sieht das ganz anders aus. Durch den Antrieb kann man die beiden negativen Aspekte vernachlässigen und die positiven Eigenschaften der Plus-Reifen überwiegen, dadurch sind Plus-Reifen beim E-MTB sehr sinnvoll.

Wo liegen deiner Meinung nach zukünftig die größten Herausforderung bei der Entwicklung von E-Mountainbikes?

Vor ein paar Jahren war die Entwicklung eines E-Bikes relativ simpel: Anstatt einer Tretlagerhülse wird eine Motoraufnahme in den Rahmen geschweißt, auf das Unterrohr kommen noch die Aufnahmen für den Akku und fertig war der Rahmen. Heutzutage versucht man durch teilweise recht komplexe Fertigungsverfahren die Bauteile, wie Motor und Akku, zu integrieren. Die aufwendigen Konstruktionen binden deutlich mehr Zeit und wir haben Probleme, die Räder pünktlich zu Saisonbeginn in die Läden zu bekommen. Vielleicht müssen wir hier umdenken und uns von den jährlichen Zyklen, wie es bisher in der Branche üblich ist, verabschieden.

Das CENTURION Backfire Ultimate E.29 stammt aus dem Jahr 2013 und entstand vor dem Einstieg von Matthias bei CENTURION.

Was ist dein persönliches Highlight aus eurer E-Mountainbike-Modellpalette und warum? Worauf lag der Fokus bei der Entwicklung dieses Modells?

Ganz klar das No Pogo E3000.27+. Zum einen war es mein erstes Projekt bei CENTURION, zum anderen macht das Bike einfach nur Spaß. Beim Rahmen konnten wir trotz Plus-Bereifung einen relativ kurzen Hinterbau für ein Bosch-E-Fully realisieren. Kombiniert mit einem für den All-Mountain-Einsatz optimalen Lenkwinkel sowie einem moderaten Reach ist das Bike nicht nur für supersportliche Fahrer konzipiert, auch ein E-Bike-Neuling soll sich auf dem Rad wohlfühlen. Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Entwicklung war die optisch attraktive Integration des Motors und Akkus. In Kombination mit den sorgfältig ausgewählten Komponenten wie dem FOX Factory-Fahrwerk, der speziell für den E-MTB-Einsatz entwickelten SRAM EX1-Schaltgruppe und der bissigen MAGURA MT Trail-Bremse ergibt sich daraus das Highlight unserer E-MTB-Palette.

Was ist deine Vision für die Zukunft der E-Mountainbikes?

Die Integration des Motors und des Akkus wird weiter voranschreiten. Neue Fertigungsverfahren werden uns in Zukunft immer mehr Freiheiten beim Design ermöglichen. Damit ist es möglich, den Rädern einer Marke ein Gesicht zu geben und sich stärker vom Wettbewerb abzuheben. Die Antriebshersteller werden immer mehr in den Hintergrund treten und man redet nicht mehr von einem Bosch- oder Shimano-E-Bike, sondern von einem E-Bike von CENTURION, MERIDA etc.

Matze, wir danken dir für das Gespräch.

Hier geht es zum Test des CENTURION No Pogo E2000 27+

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Text: Manne Schmitt Fotos: Matthias Pfrommer, E-MOUNTAINBIKE Magazine