Das Marketing ist voller Superlative. Neue Produkte werden mit Weltmeistertiteln, Rennsiegen und aufdringlichen Werbeslogans angepriesen. Daniel Berger wirkt auf den ersten Blick so gar nicht wie das perfekte Marketing-Aushängeschild, doch gerade deshalb ist seine Geschichte so authentisch wie er selbst.

Daniel Berger, nie gehört? Kein Wunder, der 52-jährige Schweizer bleibt gerne im Hintergrund, sein Auftritt wirkt bescheiden, bodenständig. Doch in seiner Position als Vice President Sales and Marketing bei DT Swiss zählt er zu den einflussreichsten Managern der Bikebranche. Er entscheidet, welche Produkte bei DT Swiss entwickelt werden und wie sie vermarktet werden – man könnte auch sagen, er verantwortet alles, was uns als Konsumenten betrifft.

Bei vielen Branchen-Insidern wirkt die E-Mountainbike-Euphorie noch etwas aufgesetzt. Schnell etwas vom großen E-Bike-Kuchen abzubekommen scheint wichtiger als echte innere Überzeugung. Nicht so bei Daniel Berger. Wenn er über das Thema E-Mountainbike spricht, funkeln seine Augen vor Begeisterung. Er ist selbst leidenschaftlicher E-Mountainbiker und überträgt diese Begeisterung auf seine Arbeit – in seiner ersten Saison mit dem E-MTB ist er zwölf Mal auf den Mount Everest gefahren, zumindest rechnerisch. Bei DT Swiss hat ihm das den Spitznamen E-Berger eingebracht, den er mit Stolz trägt. Wir haben uns mit ihm in der DT Swiss-Zentrale in Biel getroffen, um mehr über seine Geschichte zu erfahren.

DT Swiss gilt als der einflussreichste Laufradbauer der Branche. Was zeichnet euch als Firma heute aus?

Wir stehen ganz klar für hohe Qualität und verfolgen diese Richtung konsequent über alle Produktreihen. Angefangen hat alles im Bereich Mountainbike, wo wir sehr stark sind, aber inzwischen haben wir uns auch in den anderen Sparten weiterentwickelt. Wir haben jetzt klar das Ziel, auch bei Rennrädern vorne mitzumischen und decken hier das komplette Spektrum ab. Ganz neu hinzugekommen ist das Thema E-Mountainbiken, in dem wir sehr viel Potenzial sehen.

Du giltst ja in der Firma als der E-Mountainbiker schlechthin, wie bist du zum E-Mountainbiken gekommen?

Am Anfang hat mich das Thema gar nicht gereizt. Ich komme ja vom Rennrad und Mountainbike, ich dachte, E-Bikes sind nur was für die City. Im Oktober 2014 hab ich auf der OEM-Messe in Taichung mit Thomas Pressl gesprochen, Produktmanager bei KTM, und er hat mir das Thema schmackhaft gemacht. Nach zwei bis drei Bier hatte er mich dann so weit und ich habe 2 KTM-E-Mountainbikes bestellt. Im Februar 2015 wurden die Bikes dann endlich geliefert und ich konnte kaum erwarten, die erste Tour zu fahren – das Eis war sofort gebrochen.
Plötzlich konnte ich wieder große Touren fahren und Anstiege, die mir vorher mühsam vorkamen, gingen wieder relativ leicht von der Hand. Endlich konnte ich wieder mit den richtig fitten Jungs mithalten, es hat mich von der ersten Minute an richtig angefixt! Da war mir relativ schnell klar, dass das Thema auch für DT Swiss relevant sein wird. Im urbanen Bereich sind wir normalerweise immer zu teuer, aber E-Mountainbikes kamen ja gerade erst auf und da wollte ich unbedingt, dass wir ganz vorne dabei sind.

Heute gehörst du zur Führungsriege bei DT Swiss, aber das war nicht immer so. Welche Positionen hattest du in der Vergangenheit inne?

Ich hab in der Nähe in Bern Betriebswirtschaft studiert und dann das Mountainbiken für mich entdeckt. 1986 bin ich mit dem ersten Specialized Stumpjumper eingestiegen, das war ja eine echte Revolution damals. Von da an wusste ich, dass ich etwas in der Fahrradindustrie machen möchte.
Als ich im März 1995 bei DT Swiss angefangen habe, war ich der achtundzwanzigste Mitarbeiter im Betrieb. Ich war hauptsächlich für den Verkauf zuständig, den ich später dann auch geleitet habe. Damals hat man aber fast alles noch selbst gemacht, Produktmanagement, Marketing usw., da waren wir noch echte Allrounder. Zu der Zeit war es klein, aber fein, da haben wir so 4 bis 5 Millionen CHF (1995 ca. 5-6 Mio. DM) Umsatz gemacht – heute haben wir 800 Mitarbeiter weltweit. Vor sieben Jahren hab ich dann die Verantwortung für alle Produkte und das Marketing übernommen, teilweise hab ich aber immer noch mit dem Vertrieb zu tun.

Hat die anfängliche Begeisterung fürs E-Mountainbiken angehalten?

Auf jeden Fall! Ich hatte 2015 eine Wahnsinns-Jahresbilanz mit 100.000 hm und 3.500 km, von solchen Fahrleistungen konnte ich in den Vorjahren nur träumen. Die Möglichkeiten für Leute wie mich, die in den Alpen wohnen, sind enorm. Plötzlich konnte ich wieder richtige Bergtouren machen, bei denen ich mich zwar auspowern konnte, aber nicht gleich ein Sauerstoffzelt brauchte. Statt drei bis vier Tage Erholung zu brauchen, kann ich jetzt am nächsten Tag direkt wieder loslegen.
Da hab ich gemerkt: Das wird ein Riesenthema. Vielen geht es doch so wie mir, man hat vor 30 Jahren angefangen zu biken, hat aber beruflich und körperlich einfach nicht mehr die gleichen Möglichkeiten wie früher. Plötzlich tut sich da etwas auf, was man nicht für möglich gehalten hätte. In diesem ersten Jahr, also 2015, habe ich extrem viel über das Material und die Technologie von E-Bikes gelernt – und hatte viele Defekte.

Inzwischen nennt man dich bei DT nur noch E-Berger, was hat es damit auf sich?

Richtig, bei uns wird das Thema jetzt ein bisschen auf mich personifiziert, das war aber nie meine Intention. Ich habe recht früh mit dem Thema bei uns angefangen, damals haben viele auch gelacht und es nicht ganz ernst genommen. Wenn man so lange dabei ist wie ich, steht man da drüber, und nach einem halben Jahr war allen klar, dass meine erste Intuition schon in eine gute Richtung ging. Den Hut, den ich hier trage, habe ich natürlich auch nicht selbst designt, den habe ich bei der letzten EUROBIKE nach meiner Ansprache in unserem Sales Meeting von den Kollegen aufgesetzt bekommen. Da war ich erst mal ein bisschen verblüfft, aber heute find ich natürlich cool, was sie gemacht haben.

Du hast vorhin gesagt, du kannst mit dem E-MTB endlich auch wieder mit anderen mithalten, die auf unmotorisierten Bikes unterwegs sind. Fährst du regelmäßig in solchen Gruppen?

Ich fahr immer dienstagabends mit einer bunt gemischten Truppe bei mir zu Hause. Die meisten fahren sehr viel und sind richtig gut trainiert. In den letzten Jahren war es für mich nur noch Stress, die erste halbe Stunde war meistens die Hölle. Ich bin in meinem Alter ein bisschen wie ein Diesel, da muss man erst mal ein wenig warm werden, bevor man richtig durchziehen kann. Da hab ich gemerkt: So macht es einfach keinen Spaß mehr.

Also war für mich klar: Entweder höre ich auf und fahre nur noch für mich, oder ich probiere es mit dem E-Bike. Dann habe ich den Jungs geschrieben und sie waren sehr offen, was das Thema angeht, und so bin ich seitdem mit dem E-Mountainbike dabei. Mit dem E-MTB ist man natürlich immer ein bisschen unterfordert, da fährt man schon viel im Eco-Modus. Ich nehme aber auf jeden Fall nur noch das E-Bike, da brauche ich keine Getränke, kein Essen, gar nichts, und kann es absolut genießen, mit den Jungs zu fahren.

Das klingt ja fast zu harmonisch, um wahr zu sein! Hat es wirklich keinen gestört, dass du plötzlich mit Unterstützung mitgefahren bist?

Am Anfang waren alle recht skeptisch, jetzt kippt es langsam und der Nächste in der Gruppe möchte sich zum 50. Geburtstag ein E-MTB kaufen. Ich verhalte mich in der Gruppe immer sehr defensiv, fahre viel im Mittelfeld und rede mit den Jungs beim Fahren. Ich denke, das ist für die Akzeptanz sehr wichtig, da kann man nicht die ganze Zeit vorne fahren. In Zukunft werden wir sicherlich bunter gemischt fahren. Eins ist aber auch klar: Ich möchte nicht nur in der Gruppe fahren, denn das wäre mir auf Dauer zu langsam.

Bergauf hältst du jetzt also wieder super mit, wie fährt sich das E-MTB auf der Abfahrt?

Am Anfang hatte ich schon ein bisschen mit dem Gewicht zu kämpfen und hab mich nicht so ganz wohlgefühlt. Aber nach drei bis vier Mal hab ich gemerkt, dass ich beim E-MTB ja jetzt mehr Federweg und deutlich griffigere Reifen fahren kann. Inzwischen nutze ich das für mich und fahre schneller und sicherer bergab als mit meinem alten Bike.

Du hast erwähnt, dass du viele Defekte erlebt hast. Wo sind deiner Meinung nach die Knackpunkte am E-Mountainbike?

Die sind vor allem am Antrieb, an Ketten, Ritzeln und Kettenblättern, das war schon auffällig. Der erste Motor war noch ein Bosch Performance-Modell, der war auch relativ schnell durch und hat dann wie eine Kaffeemühle geklungen. Das, was ich mit dem Motor gemacht habe, war aber auch nicht vorgesehen. Ich bin auch unsere Gabel und unseren Dämpfer gefahren, die wir am Ende des Jahres analysiert haben. Da war die Mehrbelastung durch das E-Bike auf jeden Fall zu sehen und zu spüren. Bremsen sind natürlich auch ein Thema, an meiner XT-Bremse habe ich fünf Bremsbeläge und einen Satz Scheiben in einem Jahr gebraucht, das hatte ich noch nie.

Mit Laufrädern hatte ich keine Defekte, aber mir war klar, dass es bei diesen Kräften im Dauereinsatz Probleme geben würde. Freiläufe und Lager leiden schon deutlich unter der Belastung. Unsere Laufräder sind für die verschiedenen Segmente im Mountainbiken entwickelt und optimiert, aber immer mit einem Blick aufs Gewicht und auf eine gewisse Laufleistung. Auf das, was wir jetzt mit E-Mountainbikes machen, sind sie aber eigentlich gar nicht ausgelegt. In der Spitze tritt ein Fahrer wie ich selbst schon mal 350 W, und dann kommt im Turbo-Modus noch mal das Dreifache vom Motor dazu. Beim Drehmoment hatte ich Spitzen von 110 Nm, dazu kommt der Motor, dann ist man bei 170–180 Nm. Natürlich sind das nur kurzfristige Spitzen, aber dennoch müssen diese Kräfte aufgenommen werden.

Welche Konsequenzen für die Entwicklung habt ihr bei DT Swiss aus diesen Beobachtungen gezogen?

Mit dem E-MTB gibt es komplett neue Belastungen und die wollten wir angehen. Wir wollten nicht einfach ein Teil wechseln, wir haben das Laufrad wirklich neu überdacht, bis ins kleinste Detail. Was wir jetzt bei den neuen HYBRID-Laufrädern sehen, ist das Resultat. Naben wurden angepasst, dickere Gehäuse, Kugellager, Stahlfreiläufe, optimierte Flansche, die für 2,34er-Speichen angepasst wurden, Nippel, Felgen – alles wurde komplett für den Performance-Einsatz am E-Mountainbike entwickelt.

Die Zielgruppe sportlich ambitionierter E-Mountainbiker wird zukünftig wachsen. Leute wie ich, die genauso weiter biken möchten wie vorher mit dem unmotorisierten Bike. Das Thema ist hier klar die Laufleistung über mehrere Jahre, das Feld ist ja noch so jung, dass es hier bisher wenig Erfahrungen gibt. Das Systemgewicht war ein weiteres großes Entwicklungsziel, unsere bisherigen Laufräder lagen bei 110 bis 120 kg, jetzt sind wir bei 150 kg, das war vielen Herstellern wichtig. Mit unseren HYBRID-Laufrädern haben wir ein Top-Produkt am Start, das den Anforderungen eines anspruchsvollen E-Mountainbikers entspricht.

Was für ein E-MTB fährst du heute?

Heute fahr ich ein Trek Powerfly mit 2,8″-Plusreifen, 150 mm Federweg und Bosch CX-Motor. Ich habe immer einen Ersatzakku dabei, auch wenn ich ihn oft gar nicht brauche. Ich will aber einfach nicht drauf achten und fahre dann gerne auch im Sport-Modus oder auch mal Turbo bei sehr steilen Anstiegen. Auf meiner Hausrunde hab ich Steigungen bis 32 %, mit dem E-MTB fühle ich mich da wie Nino Schurter.

Wo siehst du E-Mountainbikes in fünf Jahren?

Eine gute Frage. Ich hätte selbst nicht gedacht, dass es so schnell geht, dass jetzt doch relativ große Mengen E-MTBs in die Märkte fließen. Ob das Wachstum weiter so explosionsartig verläuft, weiß ich nicht. Aber ich bin sicher, dass es weitergeht und auch nachhaltig sein wird. Ich habe viele Trends mitgemacht, die schnell wieder verpufft sind, z. B. Windsurfen. Manche sagen ja, dass 90 % künftig mit dem E-MTB fahren werden – das glaube ich nicht. Aber das E-MTB wird auf jeden Fall seinen Platz erobern und die Entwicklungen werden weitergehen. Als Fahrradhersteller würde ich die Entwicklung unmotorisierter Mountainbikes trotzdem nicht einstellen, das halte ich für gefährlich.

Vielen Dank für das offene Gespräch, Daniel! Was möchtest du noch loswerden?

Ich bin sehr froh, dass ich das Thema E-Mountainbike noch begleiten darf. Vor 20 Jahren habe ich die erste Revolution mitgemacht und jetzt bin ich bei der neuen Revolution dabei, der Mission HYBRID. Das motiviert mich ungemein, ich bin noch lange nicht fertig und bin gespannt, wie es weitergeht.

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Text: Moritz Dittmar Fotos: Valentin Rühl, Daniel Berger