Alex Thusbass ist einer der zentralen Figuren des rasanten Aufstiegs von Haibike zur einer erfolgreich weltweit agierenden Marke und einer der prägendsten Vordenken der sportlichen eBikes. Der 41jährige Münchner gestaltete das weltweit erste erfolgreiche eMTB, inzwischen leitet er das Haibike Design Center in München. In diesem Artikel berichtet er von seiner Vision des sportlichen eBikes aus der Perspektive von 2009 und gibt spannende Einblicke in die Entwicklung.

Wie sieht die visuelle Zukunft eines Marktes aus, der praktisch noch nicht existiert? Von dem man noch nicht einmal weiß, ob er überhaupt jemals existiert? Vor diesen und viele anderen Fragen standen wir 2009 während der frühen Entwicklungsphase für eine damals völlig neue Kategorie: sportliche eBikes. Aus der damaligen Perspektive ein fast aussichtsloses Unterfangen, zu stark war der Markt zu der Zeit vom klassischen (, komfortorientierten?) Pedelec geprägt, eine sportive Ausrichtung schien praktisch allen gängigen Sport- und Marktgesetzen zu widersprechen.

Eigene Wege und verbrannte Finger

„Jeder, der jemals versucht hat, etwas Neues zu schaffen, weiß wie wenig die Idee anfangs greifbar ist“

Aber, es liegt eben auch in der Natur der Sache, dass neue Märkte stärker von Annahmen aus der Bauchgegend als von planbaren Zahlen leben. Selbst die besten Markforschungsstudien bieten keine Hilfe, weil sie meist nur den Status-Quo abbilden können. Also hilft nur Vortasten auch auf die Gefahr, sich verbrannte Finger einzuhandeln. „Jeder, der jemals versucht hat, etwas Neues zu schaffen, weiß wie wenig die Idee anfangs greifbar ist. Erklärungen und Worte alleine reichen dafür nicht aus. Man muss versuchen sie darzustellen und genau das haben mein damaliger Designpartner Lutz Kucher und ich versucht. Wir haben Konzepte entwickelt, die diesem Bauchgefühl eine greifbare und vor allem diskutierbare Form gaben.“

Zurück in die Zukunft

Heute, fast ein Jahrzehnt später, wird es Zeit die damaligen Annahmen auf ihre heutige Relevanz zu hinterfragen. Wir stellen zwei Studien vor, die vor allem zeigen, was ePerformance sein könnte bzw. nicht ist. Die anschaulich darstellen, wie durch Designs emotionale und funktionale Grenzen ausgelotet werden können. Wie zumindest die größten Untiefen auf der Reise in eine neue Welt zu umschiffen sind und die zeigen, dass sich in Sackgassen oft unerwartete Türen öffnen können.

eMTB Studie aus dem Jahre 2009

Dies ist eine von mehreren Designstudien auf der Suche nach einem neuen eMountainbike Archetypen, der sich klar vom klassischen Mountainbike entfernt. „Wo liegt das richtige Maß zwischen den beiden natürlichen Polen Mountainbike und Motorrad? Wie viel optisches Gewicht ist für einen Muskel-Motor-Hybrid glaubwürdig? Ab wann verliert er seinen physischen Aspekt, ab wann fehlt der Konnex zum Fahrrad-Archetypen? Bei den Studien ging es weniger um technische Machbarkeit, sondern um visuelle Aspekte, um das Ausloten der emotionalen Grenzen“, erklärt Alex Thusbass.

Das Urteil: zu radikal und mit einem interessanten Widerspruch

„Dieser Ansatz wäre für seine Zeit deutlich zu radikal und nicht marktfähig gewesen. Es wirkt zwar auf den ersten Blick durch seinen Neuigkeitswert interessant, wäre jedoch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit am Markt vorbeigegangen. Aber auch heute noch würde das Konzept meiner Meinung nach nicht funktionieren. Zu sehr kippt es in das bekannte und im Kern letzten Endes artfremde Schema Trailbike / Motocross ab. Das Produkt gäbe ein Versprechen ab, das es nicht halten könnte.“ Und doch gab es einige Dinge, die es später die Serie schaffen sollten: Zum Beispiel das für eMTB ideale Mittelmotorkonzept, das Motor-SkidPlate, das später 2013 von Haibike eingeführt wurde oder die semi-integrierte Batterie im Unterrohr. Noch wichtiger war jedoch eine zentrale Erkenntnis: „Wenn man länger hinsieht, merkt man, dass irgendetwas stört. Man begreift diesen unbewussten Blocker erst nach einiger Zeit oder wenn man darauf hingewiesen wird. Die Anordnung der Antriebs- und Federtechnologieelemente um den zentralen Rahmen wirkt contra intuitiv, als müssten die fragilen Bauteile den massiven Rahmen schützen. Dabei würde man es jedoch eigentlich anders herum erwarten: der Rahmen sollte die Technologie schützen.“ Eine Erkenntnis, die immense Auswirkung auf die Entwicklung des späteren Serienmodells haben sollte.

Das Serien-Modell, oder – die Welt steht auf dem Kopf

„Wir haben auch nicht versucht, den Motor zu verstecken, ganz im Gegenteil“

„Nachdem wir den Bosch-Antrieb als den mit Abstand tauglichsten für das eMTB identifiziert hatten, standen wir vor dem Problem, dass sich dieser unterhalb des Tretlagers und somit außerhalb des Rahmens an einer völlig ungeschützten Stelle befand. Für normale eBikes, für die er primär konzipiert wurde, war diese Position sicherlich eine gute Wahl. Für ein eMTB aus vielerlei Hinsicht jedoch nicht. Aus den Erkenntnissen der Studien habe ich nach einem Weg gesucht, diesen Widerspruch zu lösen. Die Lösung war im Kern eigentlich recht einfach: Ich schlug eine Drehung des Motors um 210° ins Rahmeninnere vor und einen Rahmen, der den Motor umschloss“, erinnert sich Alex Thusbass. Das hatte zwei Vorteile: erstens wurde der Motor vom Rahmen geschützt und die Bodenfreiheit deutlich gesteigert. Darüber hinaus versammelten dieses Konzept die gesamte Technologie innerhalb des Rahmendreiecks, die natürlichste und selbstverständlichste Anordnung. „Wir haben auch nicht versucht, den Motor zu verstecken, ganz im Gegenteil, in der Folgezeit haben wir ihn immer weiter betont. Die Botschaft sollte klar sein: Ich bin ein eMountainbike.“

Der Tetrapack am Besenstiel

Das Sorgenkind von Anfang an war der Akku. Ein großes, kubisches Volumen, das an einem von Natur aus filigranen, praktisch zweidimensionalen Konstrukt integriert werden sollte. „Wir experimentieren zu der Zeit viel mit Akkuformen und Integrationskonzepten. Bestes Beispiel war das zum gleichen Zeitpunkt vorgestellte Winora XP3, einem Urban eBike mit einem eigens entwickelten T-Shape Akku. Diesen haben wir zur Hälfte im bislang nicht genutzten Volumen des Unterrohres versenkt. Wir ordneten die Zellen T-förmig und sehr langestreckt an um einen langen, schmalen und somit dem Rahmen artverwandten Formfaktor zu erreichen. Auch komplett integrierte Batterien wurden untersucht. Diese entschärfen auf den ersten Blick zwar ein optisches Problem, reißen jedoch große rahmentechnische und ergonomische Baustellen auf. Diese sind zwar lösbar, jedoch mit unverhältnismäßig großen Aufwand. Da das Bosch-System jedoch nur als Komplettsystem zu haben war, blieb und zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur die Wahl des Tetrapack-Akkus, den wir durch Farbe und Grafik visuell integrieren und optisch zu fragmentieren versuchten“, so Tusbass weiter.

„Das XDURO war das erste eMTB, das eine archetypische Selbstverständlichkeit erreichte. Auch wenn das Serienmodell im Gegensatz zur Studie deutlich konventioneller wirkt, war es aus heutiger Sicht die marktstrategisch klügste Entscheidung. Der Betrachter konnte das Produkt und dessen Funktionsversprechen schnell dekodieren: Das Bike lieferte dank des zuverlässigen Systems, dem von Grund auf robusten Rahmen und dem hervorragenden Fahrwerk ein Funktionsversprechen, das dieses auch halten sollten. Somit wurde das Produkt zum besten Botschafter und konnte Kunden wie Händler gleichermaßen mit auf eine noch immer andauernde Reise nehmen, weg vom Mountainbike hin zu einer völlig neuen Gattung: ePerformance.“

eRace Studie von 2009, the time is still to come

Der zweite Schwerpunkt (in Sachen Entwicklung / Zukunftsszenario?) widmete sich dem Thema schneller Onroad eBikes und der Frage, wie sich ein Mensch-Maschinen-Hybrid in Punkto Schnelligkeit ausdrücken könnte. Das Ergebnis war ein Konzept mit radikaler Flächigkeit und starkem optischen Vorwärtsdrang, skulpturgewordene Geschwindigkeit, das eine interessante Position zwischen Superbike und Rennrad einnahm. „Die Studie kippt dabei nicht in eine der beiden existierenden Gattungen Rennrad oder Straßenmotorrad ab, sondern zitiert nur Ansatzweise bekannte Merkmale und mischt sie zu etwas Neuem. Die Pedale wirken anders als bei der eEnduro-Studie als integrativer Bestandteil, als selbstverständlicher Ausdruck des physischen Aspekts von schneller Onroad-ePerformance. Auch die keilförmige, sehr sportliche Sitzposition fungiert dabei nicht als oberflächliches Stilmittel, sondern als aerodynamische Notwendigkeit“, skizziert Alex Thusbass. „Auch bildeten technische Elemente wie zum Beispiel die integrierte Beleuchtung, Riemenübertragung und ein in den Motor integriertes Getriebe, ein Cockpit mit Maske sowie ein Fahrwerk eine frühe Vorlage für die Serienumsetzung.“

Gut Ding will Weile haben

„Man muss sich die Zeit um 2009 vorstellen. Hätten wir diese Studie in Serie gebracht, dann hätten wir vielleicht den ein oder anderen Designpreis umgehängt bekommen, jedoch weder Kunden noch Händler hätten wirklich etwas damit anfangen können. Der User-Case war aus der Perspektive der Prä-ePerformance Ära zu diffus. Darüber hinaus standen zu dem Zeitpunkt viele notwendige sicherheits-technische Elemente noch in den Sternen. Auch die völlig offene rechtliche Seite, eine Homologation jenseits der 45km/h, schloss eine Serienumsetzung praktisch aus.

Die aktuellen Modelle sind noch zu stark am Rennradarchetypen verhaftet und adressieren sich damit ohne es zu wollen an eine Zielgruppe, die sich klassischerweise mit dem Gedanken eines eAntriebes schwertut. Was die Studie heute so interessant macht, ist die Tatsache, dass sie ein bislang nur unzulänglich besetztes Feld adressiert. Einen schnellen Mensch-Maschine-Hybrid, eine neue Interpretation des Need-For-Speed, bei der nicht die absolute sondern die gefühlte Geschwindigkeit den zentralen Erlebnisaspekt bildet. Damit hat es das Potenzial völlig neue Zielgruppen zu erreichen und auf der Straße die Welt ähnlich zu verändern wie seine Offroad Brüder im Gelände.“

Blick in die Zukunft

Es gibt an eBikes so unendliche viele Innovationspotenziale im Kleinen, wie im Großen. Es ist erstaunlich, wie viele kleine und große Kompromisse wir in den 200 Jahren Fahrrad aus funktionaler und ergonomischer Sicht stillschweigend akzeptiert haben. Gerade das eBike bietet die Chance, diese Themen aufzugreifen und zu bearbeiten. „Große Designthemen sind sicherlich die weiter angehende Suche nach dem eBike Archetypen sowie die formale Integration der großen Antriebskomponenten. Wobei sich aus meiner Sicht vor allem die Integration des Displays und die damit verbundene digitale Vernetzung des eBikes als echtes Thema abzeichnen. Die Frage der nahen Zukunft wird vor allem das Zusammenspiel zwischen dem Smartphone als digitaler Dreh- und Angelpunkt und der wachsenden Zahl der Wearables werden. Viele tun sich mit dem Gedanken noch schwer, aber das sportliche eBike wird sich als perfektes Fitnessgerät etablieren. Und anders als im klassischen Fahrrad sind die Käufer technologisch experimentierfreudig und das OnboardSystem bietet die perfekte technologische Plattform für Assistenzsysteme und digitale Erlebnisverlängerungen.

Und, man kann die wahre, revolutionäre Natur des eBikes nicht verleugnen. Zum ersten Mal in der Geschichte der modernen Mobilität wird der Mensch mit seiner Muskelkraft wieder essentiellen zum Teil der Mobilität. Ein Wendepunkt, denn bisher galt und gilt die umgekehrte Maxime: möglichst viel Dynamik, bei möglichst wenig körperlicher Aktivität. Das paradoxe Resultat: mit dem Auto und Lift ins Fitnessstudio. Daraus wird sich eine neue, leichte eMobilität entwickeln, die mit den heutigen eBikes auf den ersten Blick nichts mehr gemein haben, jedoch aus ihnen hervorgehen wird. „Auch jetzt arbeiten wir wieder an Studien“, erklärt Thusbass abschließend.

Ob und wenn ja welchen Einfluss diese auf die Serienmodelle haben sollten, werden wir vielleicht in sieben Jahren wieder hinterfragen können. Bis dahin, geht die Suche nach dem perfekten ePeformance Bike weiter.

Text: Alex Thusbass Fotos: Haibike