Vor über einem Jahr zeigte FOCUS den E-MTB-Prototyp Project Y, jetzt geht das superleichte E-Mountainbike mit Mittelmotor und integriertem Akku in Serie! Das 15,48 kg leichte FOCUS Raven² könnte das erste Bike einer neuen Generation sein und wir haben es bereits einem ersten Test unterzogen.

FOCUS Raven² Pro | 15,48 kg | 5.999 €

Fast scheint es so, als hätten die großen Motorenhersteller den E-Bike-Markt schon unter sich aufgeteilt. An Bosch, Shimano, Brose und Yamaha kommt man aktuell kaum vorbei. Wer in diesem hart umkämpften Umfeld noch einen Fuß in die Tür bekommen möchte, der muss schon ein Alleinstellungsmerkmal bieten und das Münchner Startup FAZUA hat davon gleich eine ganze Reihe in petto. FOCUS zeigt mit dem Raven² nun als erster Hersteller ein Serien-E-Mountainbike mit dem alternativen Antriebssystem.

Der FAZUA Evation-Antrieb des FOCUS Raven²

Durch die schlanke Silhouette des FOCUS Raven² erkennt man erst auf den zweiten Blick, dass es sich um ein E-Mountainbike handelt.

Die erste Besonderheit ist das niedrige Gewicht, denn der FAZUA Evation-Antrieb bringt gerade einmal 4,59 kg auf die Wage und ist damit über 2 kg leichter als ein Bosch CX-Antrieb. Der Motor mit 1,91 kg und der 250-Wh-Akku mit 1,38 kg bilden eine Einheit, die einfach entnommen werden kann, lediglich das Tretlagergetriebe mit 1,31 kg ist fest mit dem Rahmen verbunden. Das führt uns zum zweiten Alleinstellungsmerkmal, denn man kann das Raven² auch ohne Motor und Akku fahren, dann kommt es nur noch auf 12,20 kg – und eine Abdeckung schützt den Akkuschacht derweil vor Umwelteinflüssen.

Die Motor-Akku-Einheit ist elegant ins Unterrohr integriert, muss allerdings zum Laden immer entnommen werden.

Der FAZUA Evation-Motor richtet sich hauptsächlich an Fahrer, die Wert legen auf ein sehr natürliches Fahrgefühl, ähnlich dem eines unmotorisierten Bikes. Neben der sanften Leistungsentfaltung spielt dabei die Entkopplung des Motors eine große Rolle, denn dieser wird ab 25 km/h komplett vom Tretlagergetriebe getrennt. Last but not least ist das FAZUA-System formschön ins Unterrohr integriert und bietet eine kleine Lenkerfernbedienung, die mit LEDs über die aktuelle Fahrstufe und den Akkustand informiert.

Der Akku (rechts) wird in das Motorgehäuse (links) geschoben. Die Einheit kann komplett entnommen werden, wenn man das Raven² ohne elektrische Unterstützung bewegen will.
Die Lenkerfernbedienung ist zwar nicht super kompakt, informiert aber über die aktuelle Fahrstufe und die Akkukapazität und macht damit ein Display überflüssig.

Das FOCUS Raven² im Detail

Doch nicht nur der Antrieb ist möglichst nah am klassischen Fahrgefühl ausgelegt, auch der Rest des Raven² erinnert stark an das unmotorisierte Vorbild, das Arbeitsgerät des FOCUS-XC-Teams. Die Geometrie mit 69,8° Lenkwinkel und 629 mm Oberrohrlänge in Größe Large sorgt für eine sportlich gestreckte Sitzposition und die Ausstattung unterstreicht den Einsatzbereich.

Die FOX 32 Step Cast-Federgabel zählt zu den leichtesten am Markt und kann über einen Lenker-Lockout blockiert werden.

An der Front des Topmodells sorgt die kompromisslos gewichtsoptimierte FOX 32 Step Cast-Federgabel mit 100 mm Federweg und Lenker-Lockout für Traktion. Das Cockpit mit 90-mm-Vorbau und 720-mm-Lenker passt zum Einsatzzweck und verstärkt die sportliche Sitzposition zusätzlich. Die Carbon-Sattelstütze bietet ein Mindestmaß an Komfort, wir würden aber trotz des Mehrgewichts immer eine absenkbare Stütze bevorzugen – das Plus an Sicherheit und Fahrspaß ist nicht zu verleugnen und selbst XC-Profis nutzen immer öfter eine Dropper-Post.

Die kantige Optik sorgt für einen selbstbewussten Auftritt, die Zugführung ist schick gelöst.
Zwar sind im XC-Segment nach wie vor viele Fahrer mit starrer Sattelstütze unterwegs, eine absenkbare Stütze würde dem Raven² dennoch guttun.

Geschaltet wird mit Shimano XT-Komponenten, der Antrieb verfügt mit einem 34er-Kettenblatt und einer 11–46-Kassette über einen ausreichend leichten Klettergang. Shimano XT-Bremsen mit 180-mm-Scheiben vorne und 160er-Scheiben hinten sorgen für ausreichende Verzögerung, solange die Abfahrt nicht zu lang wird. Das Raven² rollt auf 2,2″ breiten Continental Race King-Reifen, die auf 29″ großen DT Swiss-Laufrädern mit 25 mm Innenbreite aufgezogen sind. Neben dem hier getesteten Raven² Pro gibt es auch eine etwas einfacher ausgestatte Version für 4.999 €.

Gabel Fox 32 Float SC Performance 100 mm
Schaltung Shimano XT
Bremsen Shimano XT M8000
Lenker BBB aluminium flatbar 720 mm
Vorbau BBB aluminium 90 mm
Sattelstütze BBB carbon
Laufräder DT Swiss M1650
Reifen Continental RACE KING 2.2
Preis 5.999 €

Der 90-mm-Vorbau passt zwar ins XC-Segment, doch die meisten Fahrer würden wohl von den Lenkeigenschaften eines etwas kürzeren Modells profitieren.
Die Continental Race King-Reifen sind, wie der Name schon vermuten lässt, unter Rennfahrern beliebt, das Profil bietet jedoch nur mäßigen Grip und erfordert viel Fingerspitzengefühl.

Die Geometrie des Focus Raven²

Größe S M L
Sattelrohr 420 mm 460 mm 500 mm
Oberrohr 592 mm 608 mm 629 mm
BB Drop 68 mm 68 mm 68 mm
Lenkwinkel 69,8° 69,8° 69,8°
Sitzwinkel 74,5° 74,5° 74,5°
Kettenstrebe 454 mm 454 mm 454 mm
Radstand 1.100 mm 1.116 mm 1.139 mm
Reach 420 mm 435 mm 450 mm
Stack 620 mm 623 mm 644 mm

Das FOCUS Raven² im Test

Die Sitzposition des FOCUS Raven² fällt sportlich, aber nicht zu gestreckt aus. Bereits auf den ersten Metern animiert das Bike zum Gasgeben, der Input des Fahrers wird sofort in Beschleunigung umgesetzt und das Raven² stürmt beeindruckend nach vorne. Die berauschende Beschleunigung erinnert jedoch eher an das Fahrgefühl eines unmotorisierten XC-Hardtails, das auf einer leicht abfallenden Strecke mit Rückenwind gefahren wird, als an ein klassisches E-Mountainbike.

Das FOCUS Raven² kennt nur eine Marschrichtung: Vollgas!

Die Power eines Bosch CX oder Shimano E8000 erreicht der FAZUA-Motor dabei nicht, doch aufgrund des geringen Gesamtgewichts passt die natürliche Leistungsentfaltung sehr gut zum Charakter des FOCUS. Die Leistung des Motors passt sich dem Input des Fahrers an und funktioniert über ein sehr breites Trittfrequenz-Band. Wer ordentlich in die Pedale tritt, bekommt dementsprechend auch mehr Unterstützung – das FOCUS fordert seinen Fahrer förmlich heraus.

Der FAZUA Evation-Antrieb bietet eine sehr natürliche, sanfte Unterstützung – das Fahrgefühl kommt einem unmotorisierten Bike sehr nahe.

Bergab ist das Zusatzgewicht des Antriebs natürlich spürbar, doch die Gewichtsverteilung ist gelungen und das Fahrverhalten des Raven² ähnelt dem eines klassischen XC-Hardtails. Durch die Entkopplung von Motor und Getriebe fährt sich das Bike entspannt über 25 km/h, der Übergang ist fast nicht spürbar. Über die Fernbedienung kann der Motor nicht nur an- und ausgeschalten werden, auch zwischen den drei Unterstützungsstufen lässt sich per Daumendruck wechseln. Mit dem 250-Wh-Akku werden zwar keine Langstreckenrekorde gebrochen, doch wir erreichten in der höchsten der drei Fahrstufen problemlos 40 km und 500 hm, in den niedrigen Stufen entsprechend mehr.

Wer mit dem Raven² ins Gelände geht, sollte sein Bike gut im Griff haben.

Trotz aller Euphorie gab es auch einige Schwächen zu verzeichnen. Zum Laden muss der Akku immer entnommen werden, hier hätten wir uns einen zusätzlichen Ladeport gewünscht, denn die Verriegelung des Akkus kann mitunter etwas hakelig sein und der Akku bleibt in den seltensten Fällen sauber. Ab und an hatte die Schaltung Schwierigkeiten, die Gänge einzulegen. und quittierte den Schaltbefehl mit einem lauten Knallen. Außerdem setzt die Unterstützung stets etwas verzögert ein, was zwar zum natürlichen Fahrgefühl beiträgt, aber auch etwas Spritzigkeit kostet.

Im Rausch der Geschwindigkeit: Das Raven² lässt sich auch über der Grenze von 25 km/h noch gut treten.

Doch diese Kleinigkeiten rücken schnell in den Hintergrund, denn das FOCUS Raven² macht einfach verdammt viel Laune! Durch die ungewohnte Leichtigkeit, gepaart mit dem spürbaren Rückenwind, fühlt man sich ein wenig wie XC-Weltmeister Nino Schurter auf Medaillenkurs. Die Feierabendrunde mutiert zur Rennstrecke, Mensch und Maschine verschmelzen zu einer Einheit, wie wir sie bisher nicht erlebt haben. Das FOCUS Raven² könnte das erste Bike einer völlig neuen Gattung werden.

Für wen ist das FOCUS Raven²?

Doch für wen ist das FOCUS Raven² nun geeignet? Als Käufer sollte man sich über den Einsatzbereich im Klaren sein, denn das Raven² fühlt sich vor allem auf Forstwegen und sanften Trails wohl. Wer mit dem FOCUS ins Gelände will, sollte sein Bike schon gut im Griff haben, denn wie bei seinen unmotorisierten Vorbildern ist eine gewisse Fahrtechnik nötig, um es sicher ins Tal zu steuern. Durch sein natürliches Fahrverhalten ist das Rad prädestiniert dafür, in Gruppen mit unmotorisierten Bikes bewegt zu werden, etwa wann man sonst nicht mit den Kumpels mitkommt oder einfach in einem niedrigeren Pulsbereich trainieren möchte. Damit besetzt das Bike aktuell sicherlich eine Nische, doch wir sind schon gespannt, wann wir den FAZUA-Antrieb in einem vollgefederten Trailbike sehen werden.

Kompromissloser Vorwärtsdrang: Das FOCUS Raven² ist ein sehr spezielles Bike, doch das Grundkonzept eine E-Mountainbikes mit FAZUA-Antrieb weiß zu begeistern.

Fazit

Das FOCUS Raven² ist in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges E-Mountainbike und ohne Zweifel eine der spannendsten Neuvorstellungen der jüngeren Vergangenheit. Das innovative Konzept eines leichten, herausnehmbaren Motors mit natürlichen Fahreigenschaften hat absolut seine Berechtigung und wird zu einer neuen Kategorie von E-MTBs führen, die zwischen der etablierten Bosch-Liga und unmotorisierten Bikes liegt. Das Raven² fährt sich wie ein reinrassiges XC-Bike und Käufer sollten sich über den bevorzugten Einsatzbereich im Klaren sein.

Mehr Infos auf focus-bikes.com

Text: Moritz Dittmar Fotos: Valentin Rühl