Manchmal will man einfach nur raus in die Natur, die Weite spüren, die Ruhe in sich aufsaugen. Wenn da nur nicht das schottische Wetter wäre… E-MOUNTAINBIKE-Redakteurin Cat kann ein Lied davon singen.

Ich saß auf einem Stein im Fluss und das Wasser reichte mir bis zur Hüfte. Zum wiederholten Mal versuchte ich, mit den Füßen Halt zu finden, doch die starke Strömung zerrte an meinen Beinen, zog sie flussabwärts. Das Ufer war nicht weit weg, aber da gab es nichts außer Gras in Griffweite und dem traute ich nicht zu, mein Gewicht zu halten. Ein kleines Stück flussabwärts stürzte das Wasser in eine Art Strudel – es sah aus, als ob jemand den Stöpsel aus einer extrem dreckigen Badewanne gezogen hätte, nur eben mit zusätzlichen Steinbrocken und Gefahr im Verzug. Wo war ich da bloß hineingeraten?

Alles hatte am Tag zuvor begonnen. Ich war davon aufgewacht, dass der Radiowecker blökte: „Heute wird der bisher heißeste Tag des Jahres mit Höchsttemperaturen von 32 °C in London, 28 °C in Cardiff und 24 °C in Edinburgh.“ Es war der perfekte Tag für ein schottisches E-MTB-Abenteuer. Nach ein paar Telefonaten waren meine gute Freundin Maddy und ich auf dem Weg nach Norden, mit geladenen Bikes, vollgepacktem Auto und einer Extraportion Vorfreude. Unser Ziel war Braemar, ein zauberhaftes Dorf in Royal Deeside, berühmt für seine dramatischen Schluchten, königlichen Schlösser und idyllischen Ausblicke. Die wilde Romantik zwischen den Festungsanlagen und in den Bergtälern lässt jeden Landhaus-Katalog vor Neid erblassen.

Wir parkten den Van, luden die Bikes aus und stopften alles, was wir wirklich brauchten, in unsere Ortlieb-Packtaschen. Es war ja nur für eine Nacht, und das am heißesten Tag des Jahres, dar kann man sich schon mal erlauben, alles überflüssige Gewicht wegzulassen. Mit gepackten Taschen fuhren wir los, einen ausgefahrenen Feldweg entlang. Nach einem kurzen, aufregenden Ausflug in den Turbo-Mode oder, wie ich ihn gerne nenne, „Hooligan“-Modus kamen wir wieder zur Vernunft und schalteten in den sparsameren Tour-Modus zurück.

Auf unserem Weg durch die Wildnis überquerten wir Bäche und ließen uns von der Sonne wärmen, während wir uns gemächlich im Eco-Mode Glen Derry hinaufbewegten und uns gelegentlich einen Power-Schub durch Matsch und kurze Steilstücke gönnten. Steine und Wurzeln sorgten dafür, dass die Geschwindigkeit sich in Grenzen hielt, der Motor half uns, die schweren Bikes in Richtung unserer Unterkunft für die Nacht zu treiben. Nach einer letzten, recht heiklen Brückenüberquerung erhaschten wir einen ersten Blick auf das Hutchison Memorial Bothy, versteckt in einem Hängetal liegend, das aus Schottlands urzeitlicher Vergletscherung stammt. Die schottischen Bothies sind ein Netzwerk aus Berghütten, in denen man umsonst übernachten darf. Man sollte lediglich wieder mitnehmen, was man hingebracht hat, und sie so hinterlassen, wie man sie vorfinden möchte. Manche sind winzig und abgelegen, bei anderen handelt es sich um prachtvolle Jagdhütten, die mit offenen Türen Besuchergruppen empfangen. Manchmal hat man sie für sich allein und manchmal muss man draußen schlafen, während drinnen ein Junggesellenabschied wütet – dass man vorher nicht weiß, mit wem man sich die Unterkunft teilt, macht das Ganze noch aufregender.

Wenn der alte Maklerspruch „Lage ist alles“ stimmt, müsste das Hutchison Memorial Bothy ein Vermögen wert sein! Wir konnten uns die Anzeige bildlich vorstellen: „Zweiraum-Steinbau bietet faszinierende Aussicht auf die unberührte schottische Wildnis. Kein fließendes Wasser, keine Kochmöglichkeit, keine Möbel. Besichtigung unbedingt erbeten.“

Im Vertrauen auf die Abwesenheit jeglicher Diebe lehnten wir unsere E-MTBs an die Wand des Bothys und warfen unsere schweren Taschen ab. Auf der Karte war ein Bergsee eingezeichnet, ein kurzes, aber steiles Stück oberhalb des Bothys – absolut ideal am heißesten Tag des Jahres! Wir tänzelten in unseren extra leichten Schuhen den staubigen Pfad neben einem Bachlauf hinauf wie die Bergziegen (jep, ernsthaft!) und sprangen dabei über den einen oder anderen Frosch, der sich im Schatten eines Steins versteckte. An den steil abfallenden Rändern des Bergsees Etchachan hing noch der Schnee. Mit 927 m über dem Meeresspiegel ist er das am höchsten liegende Gewässer seiner Größe in Großbritannien und genauso kalt, wie man es erwarten würde. Eine Hälfte unserer unerschrockenen Bike-Expedition traute sich nicht weiter als knöcheltief ins Wasser – Asche auf mein Haupt …

Im Schein der letzten Sonnenstrahlen bauten wir unseren Kocher auf und bereiteten das Essen zu. Wir schenkten uns einen Gin Tonic ein (das ist ja wohl ein Grundrecht) und versanken in tiefer Harmonie mit der Ruhe der Highlands. Dann kam alles anders. Die Wettervorhersage erwartete Regen um 3.30 Uhr, und so kam es dann auch. Ich lebe seit etlichen Jahren in Schottland und ich weiß, wie Starkregen aussieht – aber das hier war etwas anderes, eher eine biblische Plage. Die Mutter aller Unwetter war über uns hereingebrochen!

Doch kaum hatte das Unwetter seinen Höhepunkt erreicht, hörte es auch schon wieder auf. Wir legten uns schlafen in der Hoffnung, dass es am Morgen nicht gar so nass sein würde. Weil wir uns keinen Wecker gestellt hatten und die Fenster ziemlich winzig waren, schliefen wir weit länger als geplant. Als wir aufwachten, zeigte der Himmel ein scheckiges Muster, das Blau blitzte hinter den geladenen Wolken hervor und machte falsche Versprechungen für den weiteren Tag. Ein frisch gekochter Kaffee von einem Bothy-Mitbewohner befreite uns aus den Fängen des Schlafs und ein Kübel Porridge gab uns die Energie für den Rückweg bergab. Wir hatten noch jede Menge Akkuladung und unsere Taschen waren etwas leichter. Deshalb waren wir optimistisch und planten eine Mittagspause in Braemar ein, ich dachte an einen Caffè Latte und ein Stück Kuchen.

Die Abfahrt vom Bothy wurde häufig von Wasserläufen unterbrochen, die den Trail kreuzten, aber wir fanden den richtigen Flow und der Motor half uns über die matschigen und verblockten Stücke hinweg. Unter Jauchzen und mit Grinsen im Gesicht erreichten wir das Haupttal und folgten dem Lui Water abwärts auf seinem Weg zum River Dee. Und bekamen erst mal einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Am Vortag hatten wir bei sonnigem Wetter ein namenloses Bächlein überquert, das sich gemütlich zum Hauptfluss schlängelte. Es war nicht ganz einfach gewesen, mit den Bikes drüberzukommen, aber wir hatten es trockenen Fußes geschafft. Aber jetzt war der Bach nicht wiederzuerkennen. Der nächtliche Regen war von den steilen Hängen des Glen herabgestürzt und hatte so den reißenden Strom geschaffen, der nun vor uns lag. Wie sollten wir hier nur durchkommen? Schon bei unseren ersten Versuchen merkten wir, dass wir zwar im hüfttiefen Wasser stehen konnten, aber nur, wenn wir uns mit beiden Händen an Felsbrocken festhielten und unsere Füße in Felsspalten im Bachbett stemmten. Die Hände wegzunehmen, um ein schwer beladenes E-Bike zu tragen, war nicht nur unmöglich, es wäre auch ganz klar zu gefährlich gewesen. Der freundliche Bach hatte sich in ein unüberwindliches Hindernis verwandelt und wir waren gefangen in der Wildnis.

Nachdem wir eine ganze Weile über das Problem nnachgedacht und verschiedene atemberaubende Pläne geschmiedet und wieder verworfen hatten, beschlossen wir umzukehren und eine Stelle zum Überqueren am Hauptfluss zu finden. Dieser war zwar breiter, doch dadurch vielleicht auch stellenweise flacher. Und der Plan ging auf: Wir fanden eine Stelle, wo das Wasser nur knietief und die Strömung weniger stark war. Hier konnten wir hindurch waten, wenn wir ein Bike zu zweit so hielten, dass es flussaufwärts zeigte. Mit tastenden Schritten ging es im Schneckentempo vorwärts – von Kopf bis Fuß durchnässt waren wir ohnehin schon, jetzt ging es nur noch darum, die Bikes und das Equipment auf die andere Seite zu kriegen, ohne dass sie den Fluss hinabgerissen würden wie Flipperkugeln im Automat.

Und tatsächlich, nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir beide Bikes auf die andere Seite geschafft. Das einzige Problem: Wir waren jetzt ziemlich weit ab von unserer Route. Stunden später erreichten wir schließlich Braemar, kauften genug Kuchen um ein ganzes Peloton sattzukriegen, und ruhten unsere müden Arme und Beine aus. Unsere E-MTBs hatten etwas mehr Action gesehen als erwartet, aber sie hatten sich tapfer geschlagen – und wir auch. Nach einer Nacht in der Wildnis fühlte es sich wirklich gut an, wieder zurück in der Zivilisation zu sein.

Text & Fotos: Catherine Smith