Nach einigen wegweisenden Entscheidungen beim vergangenen E-MOUNTAINBIKE Think Tank in Berlin, geht das Format in die dritte Runde. Zum dritten E-MOUNTAINBIKE Think Tank kamen trotz Feriensaison und Feiertag in Bayern 12 Industrie-Vertreter ins E-MOUNTAINBIKE Headquarter nach Leonberg, um sich an zwei Tagen über aktuelle Trends und Herausforderungen auszutauschen.

E-MOUNTAINBIKE Think Tank – Tag 1

Zum Einstieg gaben E-MOUNTAINBIKE-Gründer Max-Philip und Robin Schmitt einen Überblick über die Entwicklungen seit der letzten Veranstaltung vor einem halben Jahr, bei der beschlossen wurde den Think Tank auch künftig als neutrale Plattform für Strategie, Networking und Austausch von Industrie und Magazin fortzuführen. Dabei standen vor allem die redaktionellen Schwerpunkte der letzten Monate im Vordergrund, denn hier hat der Think Tank sehr viel bewegt. Die zentralen Themen waren und sind Aufklärung, Sicherheit, Orientierung und Anti-Tuning.

Zum Start des Think Tanks gab das E-MOUNTAINBIKE Magazin-Team einen Überblick was seit dem letzten Event passiert ist.

Tuning

Durch ein Update des stark frequentierten Tuning-Artikels wurden seit Februar diesen Jahres mehr als 25.000 Leser erreicht, die sich konkret zum Thema Tuning informieren wollten. Insgesamt hat sich durch das San Vigilio Protokoll des ersten Think Tanks das Bewusstsein bei Industrie und Nutzern deutlich geschärft, wie auch eine offizielle Stellungnahme des ZIV zeigt.

Orientierung

E-Mountainbikes sprechen eine extrem breite Zielgruppe an. Um dem Informations- und Verständnisniveau dieser vielfältigen Nutzer besser gerecht zu werden, geht das E-MOUNTAINBIKE Magazin noch konsequenter auf die Anforderungen der unterschiedlichen Nutzergruppen ein, um so dem Leser eine bessere Orientierung zu bieten. Wie sich in der Leserumfrage deutlich gezeigt hat, ist die Markenwahrnehmung und -bekanntheit eine ganz andere als im traditionellen MTB-Segment.

Im Rahmen einer Interview-Serie wurde der Industrie deshalb die Möglichkeit gegeben, eigene Visionen und Konzepte anschaulich zu präsentieren und so den Lesern die eigene Philosophie näher zu bringen. Durch geänderte Testanforderungen geht die Redaktion künftig auch auf die Bedürfnisse der weniger sportlich-orientierten Nutzer und Neueinsteiger ein, die analog zu einem SUV auf der Suche nach einem Rad für Schotterwege und den leichten Geländeeinsatz sind. In der nächsten Saison wird es zu dieser Kategorie einen eigenen Vergleichstest geben.

Aufklärung

Ein Thema das die ganze Branche bewegt hat, sind Reichweitenmessungen in Labor und Praxis. Das E-MOUNTAINBIKE Magazin hat einen eigenen Artikel zum Thema Labormessungen veröffentlicht, der sehr viel positives Feedback aus der Industrie erhalten hat. Damit soll eine Fehlentwicklung vermieden werden, bei der praxisferne Testverfahren als Grundlage für die Entwicklung zukünftiger Produkte herangezogen werden und auch beim Leser falsche Parameter und Halbwahrheiten in den Fokus rücken.

Sicherheit

Abschließend wurde das Thema Sicherheit thematisiert, bei dem es vor allem um die Ausstattungsmängel vergangener Modelljahre ging. Erfreulicherweise trägt der Austausch von Medien und Herstellern Früchte und so finden sich immer weniger sicherheitskritische Komponenten unter den aktuellen E-MTBs. Das E-MOUNTAINBIKE Magazin hat in der Vergangenheit immer wieder auf Gefahr die von unterdimensionierten Komponenten ausgeht hingewiesen, diesem Thema spezfische Artikel gewidmet und das Thema auch in allen relevanten Bike-Tests integriert.

Bei einer gemeinsamen E-MTB-Runde ergaben sich viele spannende Gespräche zwischen den Teilnehmern.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, bei dem auch neue Hersteller ihre Erwartungen an den Think Tank schilderten, ging es auf einen gemeinsamen Ride, bei dem die Teilnehmer Zeit zum Testen neuer Produkte, Erfahrungsaustausch und Networking hatten.

Leserumfrage 2017

Zum Abschluss des ersten Tages bekamen die Think Tank Teilnehmer einen exklusiven Einblick in die Ergebnisse der erst kürzlich beendeten E-MOUNTAINBIKE Leserumfrage mit 8.124 Teilnehmern. Bei einem gemütlichen BBQ wurden die Ergebnisse der Leserumfrage und weitere aktuelle Themen bis spät in die Nacht diskutiert. Neben den oben genannten Facts gab es exklusiv für die Teilnehmer auch Sonderauswertungen wie nach Marken, Ländern und Kaufpreis aufgesplittete Daten zu Markenbekanntheit, Kundenzufriedenheit, Bike-Besitz und Kaufabsicht.

Der ereignisreiche Tag endet mit einem gemeinsamen BBQ am E-MOUNTAINBIKE Headquarter in Leonberg bei Stuttgart.

E-MOUNTAINBIKE Think Tank – Tag 2

Der zweite Tag des E-MOUNTAINBIKE Think Tank stand ganz im Zeichen aktueller Trends und Herausforderungen, die die Teilnehmer gemeinsam definierten und über die heiß diskutiert wurde – pausenlos bis in den Mittag hinein. Dabei wurden folgende TOP-Trends und Herausforderungen besprochen:

Diversifizierung

Beim Thema Diversifizierung wurde die Abgrenzung des E-MTB zu klassischen MTBs auf der einen Seite und zu Motorrädern auf der anderen Seite besprochen. Hier zeichnet sich ab, dass das E-MTB Segment weiter in die Breite wächst und verschiedene Produkte für verschiedene Zielgruppen entstehen. Neben Komfort orientierten E-MTBs die vorwiegend auf Forstwegen und im Toureneinsatz bewegt werden, entsteht zunehmend auch eine Kategorie sportlich-aggressiver E-MTBs für den harten Geländeeinsatz, die versierte Mountainbiker und u.U. auch Motocrosser anspricht.

Sicherheit und Optimierung

E-Mountainbiken wird erwachsen und die Bikes entwickeln sich aktuell rasant weiter. E-MTB-spezifische Komponenten halten zunehmend Einzug, decken aktuell jedoch noch nicht alle relevanten Preispunkte ab und lassen teilweise noch stark zu wünschen übrig. Auch wenn 1-fach Antriebe inzwischen eine breite Akzeptanz genießen, zeigen unserer Tests immer wieder dass die aktuellen Schaltungskonzepte noch keine zufriedenstellende Lösung bieten – selbst bei unserem kurzen Think Tank Ride hatten wir mit teils kapitalen Defekten zu kämpfen.

Stark diskutiert und weiterhin offen bleibt die Frage nach Reifen- und Laufraddimensionen. Besonders spannend ist dabei die Rolle von 29er-Laufrädern, die sich bei klassischen Mountainbikes zusehends durchsetzen und nun auch verstärkt im E-MTB-Segment anzutreffen sind. Aktuell wird der Markt noch von 2,8″ breiten Plus-Reifen dominiert, die auch bei den Leser hoch im Kurs stehen, doch einige Marken arbeiten an Bikes mit gemischten Laufradgrößen (27,5+ hinten, 29 vorne) und reinen 29ern.

Die Diskussion hat jedoch auch die Frage aufgeworfen, inwieweit typische E-MTB-Käufer sich mit Themen wie Laufradgrößen im Detail auseinandersetzen. Analog zur Thematik der Diversifizierung ist davon auszugehen, dass einige Käufergruppen sich mit diesen Fragen durchaus beschäftigen werden, sie für andere Gruppen jedoch völlig irrelevant ist. Dies hat sich auch auf unserem Testride am Vortag gezeigt, als wir E-Mountainbiker mit völlig unterschiedlichem Wissens-Niveau auf den Stuttgarter Trails antrafen. Vom E-Hardtailfahrer mit Vollvisierhelm und Warnweste bis hin zum E-MTB-Crack, der Übersetzungsverhältnisse der Schaltung genauso aus dem FF konnte wie Fehlercodes des Motors – und sogar einen Alpencross mit dem E-MTB hinter sich hatte.

E-Bike light – die Stunde der E-Roadbikes?

Kleine, leichte Motoren eröffnen neue Möglichkeiten bei der Entwicklung von E-Bikes die sehr nah an umotorisierte Räder angelehnt sind. Damit könnten auch Rennräder und Gravelbikes vom E-Trend profitieren, ohne ihre zentralen Fahreigenschaften zu verlieren. Auf diese Weise entsteht eine weiter Unterkategorie im E-Bike Markt, die sich klar von aktuellen Produkten abgrenzt. Erstmalig war der bayrische Motorenhersteller FAZUA mit vor Ort, der diese Diskussion mit Know-how aus erster Hand befeuerte und das Konzept den Teilnehmern erklärte.

Die ersten E-Rennrad-Studien mit FAZUA Antrieb hatten vor einigen Wochen für Furore gesorgt, das Interesse war dementsprechend groß.

Design

Integration ist der aktuelle Mega-Trend in Sachen E-MTB-Design und hat einen starken Einfluss auf das aktuelle Modelljahr. In erster Linie sorgt die Akku- und Motoren-Integration für eine deutlich cleanere Optik, doch es gibt auch technische Vorteile. Im vorderen Rahmendreieck entsteht nun Platz für Flaschenhalter, Zusatzakkus und andere Add-Ons und befeuert weitere Innovationen, die auf der Integration erst aufbauen. Der neue E-MTB-Look hat jedoch auch Einfluss auf die Wahrnehmung und Akzeptanz in der Gesellschaft und legt damit den Grundstein für zukünftige Entwicklungen.

Big Data

Ein Thema das zunehmend relevant wird, ist die Konnektivität von E-Bikes. Durch die Stromversorgung und integrierten Sensoren können E-Bikes nicht nur eine Vielzahl von Fahrdaten aufzeichnen und weiterverarbeiten, sondern auch die notwendige Energie für andere elektronische Komponenten liefern. Erste Systeme, etwa Haibikes eConnect, sind bereits heute in der Lage dem Fahrer eine Vielzahl an Funktionen wie Diebstahlschutz, automatischer Notruf oder Routen-Aufzeichung bereitzustellen, wie Produktmanager Christian Malik den Teilnehmern erklärte.

Ein weiteres spannendes Feld ist die Auswertung von Fahrdaten im großen Stil. Damit wird es Herstellern möglich, sehr umfassende Einblicke in das Nutzungsverhalten der eigenen Produkte zu erhalten und diese damit zu optimieren. Dabei wurde jedoch auch die Frage aufgeworfen, wie viel Technik ein E-MTB tatsächlich haben sollte.

Racing und Events

Die Frage nach Renn-Formaten für E-MTBs wurde bereits beim ersten Think Tank vor einem Jahr thematisiert. Seitdem hat sich einiges getan und Events wie die Shimano E-MTB Experience oder die Bosch eMTB Challenge haben bewiesen, dass das Interesse an solchen Veranstaltung durchaus vorhanden ist; der wirtschaftliche Nutzen bzw. der immense Aufwand hinterließen jedoch so manches Fragezeichen. Allerdings laufen diese Formate eher als organisierte Ausfahrten und nicht als klassische Rennen ab, was besser zum Nutzungsverhalten typischer E-MTB-Fahrer zu passen scheint.

Neben diesen “Spaß-Events” bleibt die Frage offen, ob E-MTB-Rennen als Zuschauersport einen Zukunft haben. Renn-Formate in Anlehnung an MTB-Enduro-Rennen erscheinen jedoch nicht die notwendigen Voraussetzungen zu erfüllen. Daher wurden Massenstartrennen im Stile des Erzberg Rodeo und andere Motocross-Formate als mögliche Vorbilder diskutiert, die Meinungen der Think Tank-Teilnehmer gehen hier jedoch auseinander.

Leasing – Jobrad & Co

Die hohen Anschaffungskosten stellen für viele Kaufinteressenten immer noch eine Hürde dar. Leasing könnte hier eine Lösung sein, insbesondere das Leasing über den Arbeitgeber in Zusammenarbeit mit Portalen wie Jobrad.org, das aufgrund steuerlicher Vorteile in vielen Fällen deutliche Ersparnisse für den Kunden bietet. Händlern und Herstellern bietet das Leasing im Gegenzug eine enge Kunden-Bindung und garantiert regelmäßige Neuanschaffungen, typischerweise alle 3 Jahre. Die Resonanz der Think Tank-Teilnehmer zu diesem Thema war durchweg positiv, viele sehen das Potenzial solcher Finanzierungsmodelle als wichtigen Baustein für die Zukunft der E-Mobilität an.

Tourismus

E-Mountainbikes spielen ein zunehmend wichtige Rolle im Tourismus, insbesondere in großen Wintersport-Destinationen. Eine großfläche Zusammenarbeit von Industrie und Tourismus über regionale Projekte hinaus erscheint schwierig, es gibt jedoch bereits erste Erfolgsgeschichten. Eine starke Infrastruktur aus Verleih- und Ladestationen, sowie geeigneten Strecken, bildet die Grundlage – die Zuständigkeiten sind aktuell jedoch noch unklar und ganzheitliche Konzepte fehlen bisher.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

Ein weiteres zentrales Thema des Think Tanks waren die gesetzlichen Rahmenbedingungen und deren Umgehung mittels Tuning. Wie bereits bei den ersten beiden Think Tanks, haben die Industrie-Vertreter erneut eine klare Stellung gegen Tuning bezogen. Die gesetzliche Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h und der eingeschränkte Trail Access in einigen Ländern, etwa den USA oder Schweden, sind vielen zwar ein Dorn im Auge, doch eine Aufhebung dieser Gesetze ist nicht absehbar.

Um eine weitere Zuspitzung der Reglementierung zu vermeiden, muss weiterhin gegen das illegale Motoren-Tuning vorgegangen werden. Dabei spielen technische Lösung seitens der Motoren-Hersteller ebenso eine Rolle, wie die Aufklärung der Problematik bei den E-Bike-Käufern.

Feedback und Ausblick

Zum Abschluss bekamen alle Teilnehmer die Möglichkeit ihre Meinung zur Veranstaltung abzugeben und Wünsche für künftige Think Tank-Treffen zu äußern. In Summe wurde eine sehr positive Bilanz gezogen – nach dem dritten Event hat der Think Tank das richtige Format gefunden. Insbesondere das Networking, das Diskutieren mit Gleichgesinnten fernab durch getakteter Messetermine und die neuen Denkanstöße wurden als sehr wertvolle Ergebnisse bezeichnet.

Die langen Diskussionen und die Feststellung, wie viel sich in den 10 Monaten seit dem ersten E-MOUNTAINBIKE Think Tank getan hat, zeigen, dass hoher Bedarf an einem Austausch vorhanden ist. Daher wurde ein mindesten halbjährliches Treffen als sehr sinnvoll angesehen und gemeinsam beschlossen, den nächsten Think Tank zu einem spezifischen Thema abzuhalten – zu dem auch geladene Experten wertvollen Input liefern werden.

Text: Moritz Dittmar Fotos: Christoph Bayer