Ausgabe #010 Kaufberatung Know How

Der beste E-Mountainbike-Motor: Bosch, Shimano, Yamaha, Brose oder Panasonic?

Der Motor ist ein wichtiger Bestandteil eines jeden E-Mountainbikes und beeinflusst die Fahrdynamik und Performance maßgeblich – weit über seine nackten Eckdaten hinaus. Für ein schlüssiges Gesamtkonzept ist der passende Motor daher entscheidend. Wir klären auf, welcher Antrieb für welchen Fahrertyp geeignet ist und was es darüber hinaus zu beachten gibt.

Sieht man sich die Motoren der aktuell wichtigsten E-Mountainbikes genauer an, stößt man auf fünf Namen: Bosch, Brose, Panasonic, Shimano und Yamaha. Alles Kraftpakete, die sich im Bereich des Tretlagers befinden und von einer Batterie mit Energie gespeist werden – doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Jeder Antrieb hat einen ganz eigenen Charakter und unterscheidet sich von der Konkurrenz durch weit mehr als nur seine Power.

Tausende von Trailkilometern, Hunderte von Betriebsstunden, Dutzende Bikemodelle – wir haben die fünf wichtigsten Systeme über die vergangenen Monate unter unterschiedlichsten Bedingungen und in verschiedenen Bikes ausführlich auf dem Trail getestet und dabei die Vor- und Nachteile der einzelnen Antriebe analysiert. Ein pauschaler Vergleich aller Systeme ist jedoch nicht möglich.
Diverse Motoren-Hersteller bieten den Bikefirmen die Möglichkeit, den Antrieb über die Software ganz individuell an den Charakter des Bikes anzupassen. Yamaha ist also nicht gleich Yamaha und Brose nicht gleich Brose. Einzig Bosch und Panasonic besitzen aktuell in allen Rädern noch die gleiche Charakteristik. Allerdings hat Bosch erst vor wenigen Tagen ein großes Update für den Performance CX vorgestellt, doch dazu gleich mehr.
Wie gut ein E-Mountainbike bergauf klettert, hängt von unzähligen weiteren Faktoren ab. Dazu zählen unter anderem seine Geometrie, die verbaute Übersetzung, der Grip der Reifen und das Fahrwerk. Klettereigenschaften einzig auf den Motor zu reduzieren, wäre also falsch.

Jeder Antrieb hat einen ganz eigenen Charakter und unterscheidet sich von der Konkurrenz durch weit mehr als nur seine Power.“

Eine Frage der Software

Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns unser Smartphone nicht auffordert, einzelne Apps oder gar das Betriebssystem upzudaten. In unserer digitalen Welt macht vor allem die Software, nicht mehr die Hardware den entscheidenden Unterschied aus – eine Entwicklung, die man bei E-Mountainbikes genauestens beobachten kann. So bringen die Motorenhersteller regelmäßig Software-Updates heraus, welche die Performance kontinuierlich verbessern sollen. Bosch hat erst vor wenigen Tagen einen völlig neuen eMTB-Modus für den bekannten Performance CX-Motor vorgestellt, der das Wechseln der Unterstützungsstufen im Gelände überflüssig machen soll. Brose bietet seinen Kunden ebenfalls regelmäßig Updates; seit Kurzem gibt es z. B. eine vierte Unterstützungsstufe.

Apropos Unterstützungsstufen: Brose (bei Rotwild) und Yamaha wollen den Fahrer mit mind. vier Unterstützungsstufen zum häufigen Umschalten motivieren. Andere Hersteller lassen den Fahrer die meiste Zeit in der gleichen Unterstützungsstufe fahren, damit er sich besser auf den Trail konzentrieren kann. Dazu gehören Shimano, zum Teil auch Brose (Specialized) und neuerdings auch Bosch in Form eines progressiven Modus (Shimano = Trail, Bosch = eMTB-Modus). Je nach Eigenleistung des Fahrers setzt der Antrieb hier unterschiedlich viel Leistung frei und deckt dadurch mit einem einzigen Modus eine Bandbreite ab, die mehreren Modi anderer Hersteller entspricht. Ein Automatik-Modus ist insbesondere für Anfänger eine positive Entwicklung in Richtung Smart Simplicity da sie sich dann mehr auf den Trails als auf die Unterstützungsstufe konzentrieren können.

In unserer digitalen Welt macht vor allem die Software, nicht mehr die Hardware den entscheidenden Unterschied.

Power is nothing without Control

Maximale Power nützt nichts, wenn sie nicht optimal auf den Untergrund übertragen werden kann. Gerade beim Anfahren und im technischen Gelände ist entscheidend, dass der Motor die Leistung nicht zu verzögert, aber auch nicht zu brachial zur Verfügung stellt. Mittlerweile sind alle Motoren hier auf einem guten Niveau. Der neue Yamaha PW-X schiebt ab dem ersten Kurbelkontakt sehr kraftvoll voran, wodurch das Anfahren im Steilen deutlich erleichtert wird – bei griffigen Untergründen perfekt! Bei losen Anstiegen empfiehlt es sich aber, die Unterstützung zu reduzieren, da die Räder sonst frühzeitig durchdrehen. Shimano und Brose sind in Sachen Dosierbarkeit und Kontrolle die Benchmark, an der sich die Konkurrenz messen muss.

Diesel oder Benziner?

Klar, keiner der Antriebe wird mit einem fossilen Brennstoff betrieben. Trotzdem gleichen sie in ihrer Leistungscharakteristik den verschiedenen Verbrennern, vor allem wenn es um die Elastizität geht. Sowohl der Panasonic- als auch der Yamaha PW-X-Antrieb schieben ähnlich wie Dieselmotoren schon bei geringen Drehzahlen ordentlich an. Tritt man jedoch schneller, geht ihnen die Puste aus. Besser machen das Bosch und Shimano, die beide viel Leistung in einem breiten Trittfrequenzbereich zur Verfügung stellen. Brose fällt hier etwas zurück und bietet insgesamt trotz nominell hohem Drehmoment etwas weniger Power. Der Panasonic-Antrieb arbeitet dank integriertem Zwei-Gang-Getriebe lange im optimalen Drehzahlbereich. An Bikes mit Begrenzung ab 25 km/h benötigt man den zweiten Gang jedoch eher selten und so ist der sehr schwere Antrieb vor allem für den Einsatz am schnellen S-Pedelec prädestiniert.

Der Motor beeinflusst auch das Handling

Wie sich ein Bike in Kurven fährt oder inwiefern es in technischem Gelände beherrschbar ist, wird auch vom Motor beeinflusst. Grund ist nicht etwa seine Power, sondern die Größe des Aggregats. Der kompakte Shimano-Antrieb gibt den Herstellern bei der Gestaltung der Geometrie die meisten Freiräume, der große Bosch Performance CX hingegen erfordert deutlich mehr Bauraum und limitiert so auch die Positionierung der Lagerpunkte, weshalb einige Hersteller auf Speziallösungen wie z. B. Umlenkrollen setzen. Auch in Sachen Ergonomie – insbesondere beim Q-Faktor – gibt es Unterschiede. So baut der Yamaha PW-X mit 168 mm am schmalsten, gefolgt von Shimano mit 175 mm. Der Bosch Performance CX besitzt mit Standard-Kurbeln einen Wert von 180 mm. Brose ist mit ca. 190 mm noch etwas breiter und am breitesten baut der Panasonic-Antrieb mit 207 mm. Der Q-Faktor ist allerdings auch von den verbauten Kurbeln abhängig und kann so je nach Rad variieren.

Wie beherrschbar ein Bike in technischem Gelände ist, wird auch vom Motor beeinflusst.

Akkureichweite ist, was du draus machst

Wie viele Höhenmeter man mit einer Akkuladung fahren kann, hängt von unzähligen Faktoren ab. Fakt ist: Mehr Leistung braucht mehr Energie. Je nach Fahrweise, Tretverhalten, Trittfrequenz, Untergrund, Unterstützungsstufe, Akkukapazität und etlichen weiteren Faktoren schafft man mit einer Akkuladung gute 800–2.000 Höhenmeter. Die meisten Hersteller bieten Akkus mit rund 500 Wh Kapazität an. Ausnahme ist der Motor von Brose, für den es je nach Hersteller bis zu 770 Wh große Akkus gibt, und der Antrieb von Panasonic, für den bisher lediglich ein kleiner 432-Wh-Akku erhältlich ist. Wer auf einen Wechselakku setzt, sollte dessen Maße im Blick haben: Eine zu lange Batterie lässt sich nur schwer im Rucksack verstauen. Die Akkus von Shimano und Bosch sind hier bisher optimal.

Die meisten Hersteller bieten Akkus mit rund 500 Wh Kapazität an.

Volle Information vs. minimalistisches Design – die Display-Frage

Beim Display haben Bike-Hersteller mittlerweile die Wahl. Fast jeder Motoren-Zulieferer hat mehrere, verschieden große Varianten im Angebot. Specialized verzichtet beispielsweise beim verbauten Brose-Aggregat völlig auf ein Display und integriert eine minimalistische Akku-Anzeige in das Unterrohr, FLYER setzt beim Panasonic-Antrieb auf maximale Info. Der beste Kompromiss aus Integration, Lesbarkeit und geschützter Position gelingt Shimano mit dem hochauflösenden, hinterm Lenker befestigten Display. Den Wechsel der Unterstützungsstufen erledigt man mit einem Remote, der dem Schaltgriff einer Di2-Schaltung entspricht und sich sehr intuitiv bedienen lässt.

Fast jeder Motoren-Zulieferer hat mehrere, verschieden große Display-Varianten im Angebot.

Sinfonie oder Rockkonzert?

Es klingt wie eine Kleinigkeit, doch auch das Motorengeräusch ist für viele Fahrer entscheidend. Nicht umsonst feilen Sounddesigner lange am perfekten Klang der Schließgeräusche einer Autotür oder dem Wummern eines V8. Bei E-Mountainbikes wird ein möglichst leiser bzw. lautloser Antrieb als angenehm empfunden. Der Brose-Antrieb ist hier die Benchmark, er unterliegt aber großen Serienschwankungen. So hört man ihn an manchen Rädern kaum, an anderen brummt er hingegen leise hörbar. Je nach Drehzahl und Resonanzverhalten des Fahrradrahmens entwickeln Bosch, Shimano und Yamaha eine recht hohe Geräuschkulisse.

Permanenter Gegenwind über 25 km/h

Es gibt Antriebe, bei denen einem permanent Gegenwind entgegen weht, sobald man über der Schwelle von 25 km/h pedaliert. Besonders stark ist das bei Bosch und Panasonic der Fall. Bei beiden Bikes sorgt das interne Getriebe für einen spürbaren Kraftverlust. Wirklich frei pedaliert man nur mit dem Brose, der komplett entkoppelt und bei dem sich das Bike dann – bis auf das Mehrgewicht – wie ein klassisches Mountainbike fährt. Bei Shimano und Yamaha ist ebenfalls ein leichter Kraftverlust spürbar, jedoch weniger ausgeprägt als Bosch und Panasonic.

Service

Sollte bei einem E-Mountainbike-Antrieb ein Defekt vorliegen oder ein Service nötig sein, ist der Fachhändler immer der erste Ansprechpartner. Er kann sich vom Motoren- bzw. Bikehersteller speziell schulen lassen, um gewisse Arbeiten direkt auszuführen. Komplexe Arbeiten am Motor selbst erfordern in der Regel das Einsenden des Antriebs oder Akkus an den Hersteller – der Zeitaufwand kann dabei je nach Saison und Arbeitsaufwand variieren. Auch bei Software-Updates ist der Händler der erste Ansprechpartner und es empfiehlt sich daher, beim Kauf eines Rades nicht nur auf den Preis, sondern vor allem auch auf das technische Know-how des Händlers zu achten.

Was war noch mal diese Schiebehilfe?

Nach den ersten Tests vor einigen Jahren ist sie fast in Vergessenheit geraten – so schlecht hat sie funktioniert. Shimano zeigt nun mit besserer Ergonomie und mehr Power, wie es besser geht, und auch beim Bosch ist der Walk-Modus am Purion-Display besser erreichbar. Bei anderen Systemen ist die Schiebehilfe dagegen eher schwach ausgeprägt, schlecht erreichbar oder je nach Bikehersteller gar nicht vorhanden. In der Praxis nutzen wir dieses Feature dennoch nach wie vor selten, denn entweder kann man Anstiege sowieso pedalierend erklimmen oder es ist so steil und verblockt, dass auch die Schiebehilfe nur noch wenig ausrichtet.

Manche Hersteller sind sensibler gegenüber Trittfrequenzen als andere.

Die Trittfrequenz und der optimale Wirkungsbereich

Die Trittfrequenz hat einen großen Einfluss auf die Leistungsentfaltung eines Motors. Manche Hersteller (Brose, Yamaha PW) sind sensibler gegenüber Trittfrequenzen als andere. Generell gilt, dass eine untertourige Fahrweise Gift für die Effizienz und den Energieverbrauch darstellt. Die optimalen Trittfrequenzbereiche variieren von Hersteller zu Hersteller. Faktisch gibt es jedoch noch eine riesige Diskrepanz zwischen dem Idealbereich des Herstellers und der Realität: (Gelegenheitsfahrer haben meist eine deutlich geringere Trittfrequenz). Schade: Bislang zeigt kein Display eines Herstellers den optimalen Trittfrequenz- und Effizienzbereich des Motors verständlich und einfach sichtbar an. Im Automobilsektor ist das hingegen Standard. Hier werden kritische Drehzahlbereiche rot, optimale Effizienzbereiche meist grün markiert.

Welcher Antrieb passt zu mir?

Eines vorweg: Schlecht ist keiner der Antriebe mehr und beim Einsatz auf gemäßigten Touren hat man mit jedem der besagten fünf Modelle Spaß. Im sportlichen Geländeeinsatz werden die Unterschiede jedoch gravierender. Wer ein echtes Kraftpaket sucht, das auch bei geringer Trittfrequenz massig Schub liefert, greift zum neuen Yamaha PW-X. Puristen, die Wert auf perfekte Integration sowie ein sehr natürliches Handling und leisen Support legen, finden mit dem Brose-Antrieb einen zuverlässigen Partner, auch wenn er in Sachen Maximalpower nicht mit der Spitze mithalten kann. Der Panasonic-Antrieb ist aktuell mit seinem großen Display und dem integrierten Zwei-Gang-Getriebe vor allem etwas für Technik-Nerds. In der Praxis limitiert die geringe Akkukapazität noch die Reichweite, das integrierte Zwei-Gang-Getriebe ist vor allem schwer und bringt bei Pedelecs keine Vorteile.

Der Bosch Performance CX ist der momentan mit Abstand am häufigsten verbaute Antrieb und hat sich in den letzten Jahren tausendfach bewährt. Dank neuer Software mit progressivem eMTB-Modus ist er jetzt noch besser für den Einsatz im Gelände gerüstet. Mit seinen großen Einbaudimensionen und dem deutlich spürbaren Widerstand ab der 25-km/h-Marke weist er jedoch klare Schwachstellen auf und stellt ernsthafte Herausforderungen an Bike-Konstrukteure.

Die wenigsten Kompromisse und das breiteste Einsatzspektrum bietet der Shimano STEPS E8000-Antrieb. Er begeistert mit seiner intuitiven Bedienung sowie der angenehmen Leistungsentfaltung (besonders im Trail-Modus) und gibt Herstellern dank seiner kompakten Bauform und dem geringen Gewicht derzeit die besten Bedingungen, das perfekte E-Mountainbike zu designen – schließlich bringt der beste Motor nichts, wenn man aufgrund der sperrigen Einbaugröße deutliche Abstriche in der Bike-Konstruktion in Kauf nehmen muss.